Dr. Hans-Jürgen Hillmer
IDW-Grundlagen und ein Resilienz-Tool für die Tourismuswirtschaft

Cyberangriffe, technologische Abhängigkeiten, Energie-Engpässe, KI-Einflüsse etc. zählen aktuell zu den größten Herausforderungen für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Von verschiedener Seite wird immer nachdrücklicher die Forderung nach Aufbau von Resilienz – also Widerstandsfähigkeit auch unter erschwerten Bedingungen – erhoben, um unerwartete Entwicklungen auffangen zu können. Aus mehr grundsätzlicher Perspektive sieht das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW) dringenden Handlungsbedarf. Konkreter sind branchenspezifische Sichtweisen: So wurde aktuell ein Resilienz-Tool für die Tourismuswirtschaft vorgestellt.
Praxis-Info!
Problemstellung
Unter der Überschrift „Deutschland muss digitale Resilienz entschlossen stärken“ hat das IDW am 30.9.2026 eine dreiteilige Trendwatch-Reihe gestartet. Hierin untersucht der IDW-Ausschuss Trendwatch im ersten Positionspapier zentrale Voraussetzungen für die Widerstandsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft. Weitere Veröffentlichungen werden zusätzliche wirtschaftliche Dimensionen des Themas beleuchten.
Nur zwei Tage zuvor wurde am 28.9.2026 eine Initiative „Resilienter Tourismus“ bekannt, im Rahmen derer konkrete Lösungen angeboten werden.
Lösung
1. Digitale Resilienz gemäß IDW
Als digitale Resilienz beschreibt das IDW die Fähigkeit, kritische digitale Systeme und Prozesse auch bei Störungen oder Angriffen aufrechtzuerhalten bzw. schnell wiederherzustellen (siehe unter https://www.idw.de/news/deutschland-muss-digitale-resilienz-entschlossen-staerken.html). Angesichts zunehmender Cyberbedrohungen und fortbestehender technologischer Abhängigkeiten sieht das IDW darin eine wesentliche Voraussetzung für Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und digitale Souveränität.
Deutschland habe in den vergangenen Jahren zwar wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht, darunter die Umsetzung der NIS-2-Richtlinie, das KRITIS-Dachgesetz sowie verschiedene Initiativen zur Stärkung digitaler Souveränität. Nach Einschätzung des IDW fehlt jedoch weiterhin eine übergreifende Steuerung, um bestehende Aktivitäten wirksam zu koordinieren, zu priorisieren und deren Wirkung systematisch zu überprüfen.
Zur Stärkung der digitalen Resilienz empfiehlt das IDW insbesondere
- eine stärkere Koordination auf Bundesebene,
- eine beschleunigte Umsetzung bestehender Strategien und Gesetze,
- mehr Unterstützung für Mittelstand und Verwaltung,
- eine Fachkräfteoffensive im Bereich Cybersicherheit,
- eine stärkere Verankerung digitaler Risiken in Unternehmensführung und Aufsicht sowie
- gezielte Investitionen in souveräne Technologien und europäische Cloud-Infrastrukturen.
2. Resilienter Tourismus
Die hier stellvertretend für viele andere Branchen-Projekte zu sehende Initiative „Resilienter Tourismus“ zielt darauf ab, eine fundierte Einschätzung zur Resilienz touristischer Betriebe oder touristischer Organisationen zu vermitteln. Anhand von 22 Indikatoren, die zentrale Einflussfaktoren auf die betriebliche Resilienz abbilden, wird über drei Ebenen ein Resilienz-Wert errechnet. Dem liegt das in der Grafik visualisierte Grundkonzept zugrunde.

Abb.: Kreislauf zur Resilienzstärkung im Tourismus
Resilienz beschreibt dabei die Fähigkeit, Veränderungen und Krisen mit Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit zu begegnen und sich von möglichen Rückschlägen schnell zu erholen oder gar gestärkt aus Krisen hervorzugehen. Der Resilienz-Score setzt sich aus den Ergebnissen der drei Ebenen des Tools (siehe Grafik) zusammen: der finanziellen, der qualitativen sowie der regionalen Ebene. Befindet sich die Wirkungsregion des Tourismusbetriebs außerhalb des Bereichs, für die der Resilienz-Index vorliegt, so setzt sich der Resilienz-Score lediglich aus der finanziellen und der qualitativen Ebene zusammen.
Je nach Region und Art der Krise kann eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle für die betriebliche Resilienz spielen. Diese setzt sich aus fünf übergeordneten Dimensionen zusammen, denen sich alle relevanten Faktoren zuordnen lassen:
- Humanressourcen und Sozialkapital;
- Führungskultur und Strategie;
- Krisenmanagement und Infrastruktur;
- Kultur, Nachhaltigkeit und Innovation.
Die Initiatoren empfehlen folgende Vorgehensweise zur Ermittlung der Resilienz von Tourismusbetrieben:
(1) Schritt 1 – Finanzielle Kennzahlen erfassen: Halten Sie Ihren letzten und vorletzten Jahresabschluss bereit und tragen Sie vier einfache Kennzahlen ein (Eigenkapital, EBIT (Betriebsergebnis), Bilanzsumme aktuell, Bilanzsumme Vorjahr).
(2) Schritt 2 – Unternehmensbewertung: Ordnen Sie 17 Aussagen auf einer Skala von eins bis sechs ein, inwiefern diese auf Ihr Unternehmen zutreffen (z.B. Mitarbeiterfluktuation, Dauer der Betriebszugehörigkeit der Arbeitnehmer, Vorbereitung auf Krisensituationen).
(3) Schritt 3 – Region auswählen (optional): Geben Sie die Postleitzahl der Region an, in der Ihr Betrieb hauptsächlich tätig ist (verfügbar für Oberbayern, Salzburg und Tirol).
(4) Ergebnis: Direkt online oder als pdf-Download wird der Resilienz-Score als eine erste Einschätzung ermittelt. Vertiefende Analysen je Indikator zeigen konkrete Stärken und Potenziale auf.
Praxishinweise: - Das Resilienz-Tool richtet sich an touristische Betriebe und Organisationen aller Art, einschließlich Beherbergung, Gastronomie, Touranbieter, Reiseveranstalter, Bergbahnen, Freizeitangebote und andere touristische Dienstleister. Eine strukturierte Analyse wissenschaftlicher Literatur und eine anschließende Diskussion unter qualifizierten Wissenschaftlern der beteiligten Hochschulen führte zu einer umfangreichen Liste möglicher quantitativer und qualitativer Indikatoren. Diese wurden auf der Grundlage einer Expertenbefragung validiert, und es wurden 17 trennscharfe, qualitative Indikatoren in das Resilienz-Tool aufgenommen. Für die finanzielle Ebene wird auf eine etablierte Ratingkennzahl zurückgegriffen.
- Die unter Quelle: https://tool.tourismus-gestalten.at/info dargestellten Handlungsempfehlungen sind wissenschaftlich fundiert und stammen aus einer umfangreichen Literaturanalyse. Die Ergebnisse wurden von qualifizierten Wissenschaftlern der am Projekt beteiligten Hochschulen ausgewertet und zusammengefasst. Unter dem angegebenen Link sind auch die Berechnungsgrundlagen im Detail nachvollziehbar dargestellt.
- Die weitreichende Strahlkraft des Erfolgsfaktors Resilienz ist auch daran abzulesen, dass er im kürzlich vorgestellten Reporting-Kompass für eine freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung als Leitlinie dient. Die Steigerung der Resilienz gelingt demnach durch frühzeitige Erkennung von Geschäftsrisiken dank einer Wesentlichkeitsanalyse und entsprechende Transparenz in der Berichterstattung (Kompass der AUMA und der fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft, beschrieben in einer gemeinsamen Stellungnahme vom 25.8.2026).
- Zu Resilienz-Kurzchecks siehe auch die Broschüre des BMAS, die zur Einsichtnahme empfohlen wurde.
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Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld
BC 11/2026
BC20261101