Oliver Maischein

Audiovisual Media Days 2012


Audiovisual Media Days 2012. Tagung der Medientage München GmbH am 14./15.5.2012 in München

 

Die Audiovisual Media Days der Medientage München GmbH, fanden dieses Jahr am 14. und 15.5.2012 im HVB-Forum in München statt. Das Thema „Bewegtbild“ wurde einmal nicht im breiten – medienüblichen – Sinn, sondern beschränkt auf Internetnutzung, Zukunftsvisionen und Anwendungsgebiete, durchleuchtet. Social Video, Social TV sind weiterhin „the next big  thing“.

 

Nutzer träumen von riesigen Werbegewinnen ihrer auf Internetplattformen hochgeladen Privatvideos, angespornt von den Abrufzahlen einzelner Beiträge, die über den viralen Effekt immer neue Rekorde erreichen. Einzelne YouTube-Video-Uploader haben eine derartig große Fan-Gemeinde, dass sie mittlerweile von den Werbeeinnahmen mehr als komfortabel leben können. Gerne wird dabei übersehen, dass bereits die Verbindung eines Privatvideos mit einem Drittwerk - etwa mit einem Musikwerk - urheberrechtliche Relevanz hat. So gehen die Content-Uploader mitunter naiv davon aus, dass sich der Plattformbetreiber schon um etwaige Klärung der Rechte kümmern wird und falls etwas nicht statthaft sein sollte, das Video für den Uploader entfernt werden würde. Die Auffassung ist weitverbreitet, dass - falls der Betreiber nicht unmittelbar das hochgeladene Video von der eigenen „Miezekatze“ mit der eingeschnittenen Top-10 Musik aus den 80er Jahren von der Plattform löscht - doch alles rechtlich in Ordnung sein müsste. Schließlich sperre doch der gleiche Plattformbetreiber auch immer wieder die hochgeladenen Musikvideos, die man sich selber so gerne angesehen hätte. Hierbei wird gerne vorrangig die eigene Verantwortlichkeit ausgeblendet. Dabei wird übersehen, dass zum einen die gängigen AGBs  der Plattformbetreiber empfindliche Sanktionen im Falle von Urheberechtsverletzungen beinhalten, und zum anderen enthält auch das UrhG selbst hinreichende Sanktionen, die schnell zu anwaltlichem Beratungsbedarf führen dürften.

 

Neben den Träumen der Endnutzer fokussierte sich die Veranstaltung auf die Träume der Anbieter und deren Zukunfts- und Erlösmodelle. Im Rahmen der Vorträge wurde klar, dass konvergente Geschäftsmodelle als der Königsweg für klassisches TV, IP-TV, Internetnutzungen angesehen werden. Gerade die neuen TV-Gerätegenerationen, die auf einem Gerät die Nutzung klassischen Fernsehens, Pay-Video on Demand, YouTube und sozialer Dienste wie Facebook ermöglichen, werden dazu führen, dass viele Anwendungen und damit auch die Nutzer selbst, den Weg von der Computerecke wieder zurück ins Wohnzimmer finden.

 

Das Mediennutzungsverhalten soll sich zudem vermehrt hin zu Parallelnutzungen bewegen. Die Sendungen im Fernsehen werden über das EPG auf dem Tablet-PC ausgewählt, der Digitale Videorecorder wird vom Smartphone aus programmiert. Maxdome wird vom iPad aus durchgesucht und dann auf den TV-Bildschirm über die integrierte App gestreamt. Ereignisse im laufenden Fernsehprogramm werden parallel über Twitter oder Social-Media-Plattformen wie Facebook kommentiert und geteilt. Bereits heute findet 16% der Mediennutzung der Verbraucher im Internet statt. Die Vision, eine auf einem Device begonnene Nutzung auf einem anderen Screen fortzusetzen, etwa ein Video auf dem Computer zu starten und dann in der Bahn auf dem iPad fertig anzusehen, stellt neben technischen Anforderungen mitunter auch erweiterte rechtliche Anforderungen an die zu Grunde liegenden Lizenzierungen. Technisch wird es auch künftig eine Herausforderung an die TK-Unternehmen darstellen, das anwachsende Datenvolumen bedienen zu müssen. Rechtlich können im Einzelfall bei dem „Seamless Use“, unterschiedliche Nutzungsarten betroffen sein und die Nutzung auf einem weiteren Screen kann, je nach Vertragsgestaltung, einen neuen – separat zahlpflichtigen - Nutzungsakt darstellen.

 

Durch die Parallelnutzung steigt die Bedeutung cross-medialer Inhalte, die über das lineare TV-Programm hinaus, für Content, Zusatzinformationen und auch Werbung die Nutzung über alle Plattformen hinweg ermöglichen. Damit sich der Nutzer künftig noch im explodierend schnell wachsenden Angebot zurechtfindet, werden die sogenannte „Gatekeeper-Suchfunktionalitäten“ massiv an Bedeutung gewinnen. Auf den individuellen Zuschauer zugeschnittene, personalisierte Dienste und Content-Vorauswahl-Anwendungen werden künftig vermehrt das individuelle Nutzungsverhalten bestimmen und lenken.

 

Ein weiterer wesentlicher Schritt in diese Richtung bietet HBB-TB mit der „red Button“-Funktion, über die der Zuschauer direkt aus der laufenden TV-Sendung mit seiner Fernbedienung auf korrespondierende Zusatzangebote zugreifen kann.

 

Insgesamt setzen die Anbieter auf unterschiedliche Alleinstellungsmerkmale (Penetration, Pricing / Programmvielfalt / SD-HD-TV / Multiscreen, Nutzerfreundlichkeit) und Geschäftsmodelle (werbebasiert / nutzungsbasiert, zeit- und geräteunabhängig / Abonnentenmodelle / medienbruchfreies eCommerce / strategische Kooperationen im Hardwarebereich). Alle diese als potenzielle Erfolgsfaktoren relevanten Punkte stellen wiederum – auch rechtliche - Anforderungen an die Anbieter. So kannte Samsung als reiner Hardwarelieferant in der Vergangenheit noch keine direkte Endkundenbeziehung. Auf Grund der über den klassischen TV-Sendeempfang hinausgehenden Zusatzapplikationen entsteht die Option einer direkteren Endkundenanbindung und damit die Möglichkeit neuer Erlösmodelle.

 

2016, so die Aussage, könnte jeder zweite Fernseher an das Internet angeschlossen sein. Dies wirft wieder die gerne diskutierte Frage auf, ob sich diese beiden Medien kannibalisieren, da der Nutzer nur 100% an (Frei-)Zeit zur Verfügung hat, oder ob es sich bei TV und Internet um ein perfektes Zwillingspaar handelt. Die vorbeschriebene Multiscreen-Nutzung kann mitunter tatsächlich dazu führen, dass über den perfekten Zwilling die Mediennutzung auf über 100% hinausgehend ansteigen kann. Über eine Funktionalität, die erkennen kann, in welchem Programm sich ein Nutzer in der TV-Welt gerade befindet, etwa über eine Audiosignalanalyse, ist über den zweiten Screen eine abgestimmte und individualisierte Kundenansprache möglich, die allerdings auch datenschutzrechtliche Themen aufwirft, da damit eine Art  „gläserner Zuschauer“ entsteht.

 

Die beschränkte bisherige Reichweite der Smart-TV-Geräte soll dabei noch nicht zu einer kurzfristigen Verdrängung der klassischen TV-Werbung führen. Über die Möglichkeit der direkten Kundenansprache wird es zusätzlich zu einer kleinteiligeren Gestaltung von Werbung kommen, die einen Mehrwert für den Endverbraucher bringen kann.

 

Insgesamt wurde deutlich, dass für den Nutzer die Trennungslinie der einzelnen Auswertungsarten immer weiter aufgelöst wird. Durch die Konvergenz der Geräte wird der Nutzer noch mehr das Gefühl verlieren, welche Nutzungsarten er jeweils beansprucht, wenn er künftig die „Flimmerkiste“ im Wohnzimmer anschaltet. Aus juristischer Sicht bleibt die Herausforderung, hier den Überblick zu behalten.

 

Dr. Oliver Maischein ist Rechtsanwalt in München.