Matthias Berberich

Wandtke, Urheberrecht


 Artur-Axel Wandtke, Urheberrecht, Berlin (De Gruyter), 6. Aufl. 2017, ISBN 978-3-11-054122-9, € 29,95.

MMR-Aktuell 2018, 402378   Mit dem von Prof. Dr. Artur-Axel Wandtke (Humboldt-Universität zu Berlin) verfassten Lehrbuch liegt erneut eine gelungene Gesamtdarstellung des Urheberrechts vor, die neben den Grundlagen der Materie auch aktuelle Rechtsfragen beleuchtet. Das Werk wurde in der Neuauflage erstmals unter alleiniger Ägide des Namensgebers verfasst. Mit der 6. Auflage liegt ein völlig neu überarbeitetes Buch mit veränderter Struktur und Schwerpunktsetzung vor. Mit seinen ca. 350 Seiten fällt es gegenüber der Vorauflage deutlich gestrafft aus, wodurch es jedoch nichts an fachlicher Tiefe und praktischem Bezug einbüßt. Die kompaktere Darstellung bietet Studenten bei der erstmaligen Befassung mit dem Urheberrecht einen besseren Überblick über die Materie, vermittelt aber auch Praktikern ein solides Grundwissen.

Erklärtes Ziel des Autors ist ein in seiner Aktualität dem stetigen Wandel des Urheberrechts gerecht werdendes Lehrbuch. Folglich liegt ein Schwerpunkt des Werks auch auf der Darstellung der die Entwicklung des Urheberrechts zunehmend tragenden aktuellen deutschen und europäischen Rechtsprechung. Das Lehrbuch hält detaillierte und gut strukturierte Ausführungen zu nahezu allen Themenbereichen des Urheberrechts bereit; und es berücksichtigt dabei auch die jüngsten gesetzgeberischen Reformen, namentlich das neue Urhebervertragsrecht, das VGG sowie die im Mai 2018 in Kraft tretende Bildungs- und Wissenschaftsschranke.

Der Autor widmet sich zunächst ausführlich den Grundlagen des Urheberrechts. In den nachfolgenden Kapiteln behandelt er intensiv die Schutzvoraussetzungen als Kernelement der Materie sowie die Rechte des Urhebers. Bemerkenswert ausführliche Darstellungen hält das Werk zum Urhebervertragsrecht bereit, in dem die Frage nach der angemessenen Beteiligung der Kreativen sowie die seit März 2017 geltenden neuen Vorschriften besondere Beachtung finden. Weiterhin ist den urheberrechtlichen Schrankenregelungen ein umfassendes Kapitel einschließlich der jüngsten Reform gewidmet. Knapp fallen demgegenüber die Ausführungen zum kollektiven Urheberrecht und dem Recht der Verwertungsgesellschaften aus, was sich jedoch ohne weiteres dadurch erklärt, dass diese Materie nach wie vor eher Gegenstand der spezialisierten Praxis und nicht des allgemeinen Ausbildungskanons im Urheberrecht ist. Wiederum sehr ausführlich widmet sich der Autor den verwandten Schutzrechten, insbesondere dem Leistungsschutzrecht der ausübenden Künstler. Den Praktiker überzeugt das Werk auch durch die soliden Darstellungen zur Durchsetzung des Urheberrechts, im Rahmen derer u.a. zahlreiche aktuelle Fragen zur urheberrechtlichen Haftung im Internet thematisiert werden. Nach ergänzenden Ausführungen zum Einigungsvertrag und zum internationalen Recht wartet das Werk zum Abschluss mit einer Auswahl thematisch geordneter höchstrichterlicher Entscheidungen zum Urheberrecht auf, die eine rasche Übersicht über die wichtigsten Leiturteile des BGH und des EuGH geben.

Inhaltlich positioniert sich Wandtke – traditionell urheberfreundlich – zu einer Vielzahl aktueller Rechtsfragen, von denen hier nur einige gestreift werden: So plädiert er für eine Urheberrechtsabgabe der Internet Service Provider (S. 26), lehnt einen Gebrauchtmarkt für digitale Güter ab (S. 29, 80), sieht § 31 Abs. 5 UrhG als Maßstab einer vertraglichen Inhaltskontrolle (S. 102), befürwortet eine täterschaftliche Intermediärshaftung (S. 217), positioniert sich andererseits allerdings auch gegen eine weitere Absenkung der Schutzvoraussetzungen (S. 48) und tendenziell zurückhaltend gegenüber der Svensson- und GS Media-Rechtsprechung des EuGH (S. 218). Auch wenn man inhaltlich nicht alle diese Positionen teilen mag (vgl. nur zur Intermediärshaftung Berberich, GRUR Prax 2017, 269), so gereicht die klare und dem Leser stets transparente Positionierung in streitigen Fragen dem Werk durchweg zum Vorteil – und verdeutlicht gerade das dem Urheberrecht seit jeher innewohnende wirtschaftliche Spannungsverhältnis. Konnte man früher noch die Seiten von Urhebern und Verwertern einander gegenüberstellen, so erfolgt die Nutzung urheberrechtlicher Werke mittlerweile in einer komplexen multipolaren Interessenlage, in der auch die sog. Content-Industrie, eine Vielzahl im Digitalzeitalter unentbehrlicher Intermediäre und Verwertungsgesellschaften mit z.T. ganz eigenen Interessen und Binnenstreitigkeiten für rechtspolitische Dynamik sorgen.

Wie bereits die Vorauflagen des Werks zeichnet sich auch die Neuauflage durch ihre klare und verständliche Sprache aus. Das Buch ist sehr eingängig und wird durch die komplexe und anspruchsvolle Aufbereitung des Systems des Urheberrechts gleichzeitig seinem wissenschaftlichen Anspruch gerecht. Überzeugend ist auch das didaktische Konzept, das die Darstellungen durch problemorientierte Fallbeispiele veranschaulicht. Wiederholungsfragen am Ende jedes Abschnitts runden die Aufbereitung ab.

Wandtkes Lehrbuch richtet sich vornehmlich an Studierende, die ihre Schwerpunktbereichsprüfung im Urheber- und Medienrecht ablegen wollen, sowie an Rechtspraktiker, die eine Fachanwaltsqualifikation oder Masterausbildung in diesem Bereich anstreben. Mit seinen leicht verständlichen Ausführungen zu aktuellen Rechtsfragen ist es sowohl zur vollständigen Lektüre als auch zur Recherche einzelner Rechtsfragen sehr zu empfehlen.

 

Dr. Matthias Berberich, LL.M. (Cambridge) ist Rechtsanwalt in der Kanzlei Hengeler Mueller in Berlin.