Norbert P. Flechsig

Fedor Seifert, Kleine Geschichte(n) des Urheberrechts


Fedor Seifert, Kleine Geschichte(n) des Urheberrechts. Entstehung und Grundgedanken des geistigen Eigentums, München (Medien und Recht) 2014, ISBN 978-3-939438-24-3, € 32,-

MMR-Aktuell 2014, 361515     Der Autor Fedor Seifert, ein den interessierten Kreisen um das Urheber- und Medienrecht allseits bestens bekannter Rechtsanwalt, Notar und Wissenschaftler in Berlin, beschreibt die Geschichte des Urheberrechts auf fulminante und beeindruckende Weise mittels einer umfassenden Reihe an Beispielen der Kulturgeschichte, die aufhorchen lässt. Es sind nicht nur die angepriesenen kleinen vergnüglichen Geschichten um die Entstehung des Urheber- und Verlagsrechts, die höchst interessant mit Bezügen zum Patent- und Wettbewerbsrecht ergänzt werden, sondern es ist der gewährte Blick in geschichtliche Hintergründe, die unser heutiges Urheberrecht und die „Werkherrschaft” (Manfred Rehbinder) bestimmt haben und noch bestimmen. Gerade die aktuellen Interessenlagen und Konflikte im Digitalzeitalter, wie sie uns im Kampf um die Schrankenrechte, bei den Vergütungsbestimmungen in allen Medien und insb. in den Bereichen des Films, des Rundfunks und des Internet entgegentreten, prädestiniert geradezu dazu, als Standardwerk zur Einführung in die Geschichte einzugehen. Zutreffend weist Stefan Haupt eingangs in seinem Geleitwort darauf hin, dass die Besonderheit des hier besprochenen Werks in den vom Verfasser aufgezeigten Zusammenhängen besteht, welche die Geschichte des Urheberrechts erst nachvollziehbar macht. Dass dies unterhaltsam geschieht, liegt in der vortrefflichen Darstellungsweise und am verständlichen Sprachstil, der unprätentiös und klar die Dinge beim Namen nennt.

 

Wenn dieser Musterung der Darstellung grundlegender Gedanken um die Entstehung des geistigen Eigentums die zusammenfassende Kritik vorausgeht und uneingeschränkt den Erwerb dieses Werks auf Grund der Analyse und Bewertung empfehlen möchte, dann deshalb, weil selbst renommierte  Urheberrechtshistoriker wie Elmar Wadle, Ludwig Gieseke, Manfred Rehbinder, Haimo Schack  und  Albrecht Götz von Olenhusen, um nur einige Prominente auf diesem Gebiet zu erwähnen, ebenfalls ihren Spaß und ihre Freude an dieser ansprechenden und anregenden Lektüre haben werden. Denn hierin werden auch neue Aspekte und geschichtliche Zusammenhänge verständlich und in der Tat vergnüglich dargestellt. Hier wird Geschichte in der Bereichsform oder modern auch Clustern vermittelt: Weshalb eigentlich geistiges Eigentum und ist dieser Begriff auch heute noch angebracht (S. 1 ff.)? Die Antike und die hieraus bekannten Probleme rund um Autoren und Sänger sowie andere Künstler werden unter dem Oberbegriff „Dichter-Mäzene-Plagiate“ anschaulich und auch neu vermittelt, wenn hierin durchaus nachdenkenswert der Begriff des Plagiats als „Menschenräuber” mit Blick auf den angeblichen Urheber dieses Begriffs Marcus Valerius Martial erhellt wird - der möglicherweise selbst als Plagiator zu verstehen ist (S. 32). Der Verfasser macht es dem Rezensenten schwer, der hier gerne alles nacherzählen würde, was fraglos ein Plagiat wäre. Der Leser gerade dieses Abschnitts wird mit höchster Spannung erfahren, wie bemüht auch schon der Autor Homer und der Vasenmaler Euphonios im alten Griechenland um ihre textlichen und bildlichen Darstellungen bemüht waren. Ein Umstand, der zweifelsfrei auch im Mittelalter zur „Wiederentdeckung der Persönlichkeit” führte (S. 39-69).

 

Die Geschichte des Urheberrechts zu Beginn der Neuzeit wird fraglos durch die Person Gutenberg geprägt (S. 71 ff.: Drucker und Nachdrucker).  Dieser Mann des Jahrtausends hat es erst bewirkt, dass die Problemlösungen der Schriftsteller und Verleger in Gesetze gegossen wurden, die auch das musikalische Urheberrecht langsam mit einschlossen (hierzu z.B. meine Schilderung des englischen Bachs aus Leipzig und das erste Urheberrechtsgesetz der Welt vor 300 Jahren, in UFITA 2010/II, 445). Gerade das 19. Jahrhundert und die Umstände des Deutschen Bundes bis zum sog. „Klassikerjahr” ab dem 9.11.1867 und der nachfolgende Beginn eines einheitlichen, deutschen Urheberrechts belegen eindrücklich, wie notwendig der Blick auf das Vergangene ist. Nur so sind die Probleme der Gegenwart um die Fragen des Schutzes des geistigen Eigentums und seine Durchsetzbarkeit in unionaler und völkerrechtlicher Hinsicht zu verstehen, wie sie von Seifert im Abschnitt Grundlagen und Grundfragen (S. 171-229) aufgezeigt werden, die zu einem modernen Deutschen Urheberrechtsgesetz von 1965 führten (S. 231-281).

 

Damit ist der Bogen auch in die Gegenwart geschlagen, wenn der Verfasser Grundfragen des Urheberrechts heute anhand einer Vielzahl aktueller Beispiele beleuchtet, was viele oftmals nur mit Blick auf das Internet in der Frage wahrnehmen: Wer haftet für wen oder was (S. 298)?

 

Mit Wadle gilt, dass „viele Vertreter der aktuellrechtlichen Disziplin Urheberrecht haben erkannt, wie nützlich es sei kann, die historische Genese dieses relativ jungen Rechtsgebiets genauer zu kennen. Das Wissen um die Geschichte von Rechtsinstituten und ihre Entstehungsbedingungen fördert das Verständnis für eben diese Institute und Reformen. Die ‚schöne neue Welt? der elektronischen Medien würde verarmen, würden kreative Menschen, eben Urheber von ‚Werken’, sie nicht inhaltlich bereichern; dies aber wird nur gelingen, wenn es weiter ein Recht gibt, das die Urheber angemessen schützt.” Und hierzu ist nunmehr eine weitere moderne und aufschlussreiche Darstellung des Urheberrechts durch Seifert vorhanden, die in keinem Bücherschrank mehr fehlen darf. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil gerade die Auseinandersetzung um den von Josef Kohler geprägten Begriff des geistigen Eigentums mit Eugen Ulmer diese Parole „im Kampf um den Schutz der geistigen Arbeit ... bis heute nicht eingebüßt hat”.

 

Prof. Dr. Norbert P. Flechsig ist Honorarprofessor für Urheber- und Medienrecht an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und Rechtsanwalt und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht sowie Of Counsel der Kanzlei Wesch&Buchenroth in Stuttgart.