Colette R. Brunschwig

Walser Kessel, Kennst du das Recht?


Caroline Walser Kessel, Kennst du das Recht? Ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche. Unter Mitarbeit von Maria Crespo, Bern (editions Weblaw) 2011, ISBN 978-3-905742-83-1, CHF 54,-

MMR-Aktuell 2012, 329297   

 

Kennen Sie – kennst du das Recht?

Rechtliche Probleme und Fragen können in unserem Alltag aus heiterem Himmel auftauchen. Hätten Sie sich darum nicht gewünscht, bereits in jungem Alter über wichtige rechtliche und rechtlich relevante Inhalte (im Folgenden umfasst das Adjektiv „rechtlich“ auch die Wörter „rechtlich relevant“) aufgeklärt worden zu sein? Oder würden Sie es heute schätzen, Ihren eigenen Kindern oder Kindern, die Sie kennen, ein behutsam einführendes Buch zu schenken? Ein Lese- und Bilderbuch, das sie auf unterhaltsame und informative Weise zugleich ins Recht einführt und sie fürs Leben in der Gegenwart und der Zukunft besser wappnet.

 

Dr. Caroline Walser Kessel, praktizierende Rechtsanwältin in Zürich (Schweiz) und Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen, hat ein solches Buch publiziert. Es führt Kinder und Jugendliche an rechtliche Inhalte heran. „Kennst du das Recht?“ bezweckt, dieses Zielpublikum altersgerecht in den Rechtsalltag einzuführen, von dem sie betroffen sind: Wie sich verhalten, wenn die Eltern sich scheiden lassen? Wie korrekt handeln, wenn man von der Polizei wegen Verdachts auf Drogenkonsum oder bezüglich anderer Delikte befragt wird? Worauf ist zu achten, wenn man Facebook benutzt? Und so fort.

 

Worum geht es?

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel: Was ist Gerechtigkeit, Fairness? Wie wird sie durchgesetzt? (1) Gesetz, Regel, Vertrag (2), Meine Persönlichkeit und ihr Schutz durch das Recht (3), Besitz und Eigentum – Mein und Dein (4), Haftpflichtrecht – Wenn ein Schaden entsteht (5), Strafrecht: Was ist verboten und warum? Über Sinn, Zweck und Art der Strafe für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (6), Die Familie im Recht (7), Vertragsrecht: Ich mache Geschäfte (8) sowie Gnade statt Recht? (9). Diese Gliederung spiegelt zwar nicht jene der schweizerischen Rechtsordnung wider, strebt aber danach, sich nach den Lern- und Informationsbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen auszurichten.

 

Manche Kinder und Jugendliche träumen davon, als Erwachsene einen Rechtsberuf zu ergreifen. Die Interviews mit einem Richter (vgl. S. 53 f.), einer Rechtsanwältin (vgl. S. 56 f.), einem Klienten eines Rechtsanwalts (vgl. S. 58 f.) sowie mit einem Jugendanwalt (vgl. S. 188 ff.) geben den jungen „Träumern“ erste konkrete Einblicke in diese spannenden juristischen Berufe. Zudem erfahren die Lesenden, dass es rechtlich nicht zulässig ist, mit dem Mobiltelefon Schullektionen zu filmen und das Video auf eine Website zu laden (Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht der gefilmten Lehrperson) (vgl. S. 109). Gleiches gilt für den Fall, wo ein Schüler-Liebespärchen beim heimlichen Schmusen in der Schule fotografiert wird und die intimen Bilder ohne vorgängige Erlaubnis der Abgebildeten in Facebook gestellt werden (vgl. S. 111). Was würde möglicherweise in rechtlicher Hinsicht geschehen, wenn ein Schüler seinen Mitschüler beim Fußballspielen auf dem Schulhof verletzt (vgl. S. 131 ff.)? Ein 14-Jähriger schlägt absichtlich eine Fensterscheibe mit einem Stein ein. Haftet er für den Vermögensschaden, den er angerichtet hat (vgl. S. 133)? Dieses Buch behandelt etliche weiteren wesentlichen Rechtsfragen aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen.

 

Die Veröffentlichung besitzt vor allem Schnittstellen zur Rechtspsychologie (vgl. Ausführungen zur Fairness, S. 23 ff.) und zum Visuellen Recht, einem neuen Rechtsgebiet und Teilgebiet des Multisensorischen Rechts (zum Multisensorischen Recht vgl. Brunschwig, Multisensory Law and Legal Informatics - A Comparison of How these Legal Disciplines Relate to Visual Law, in: Jusletter-IT v. 22.2.2011). Und dies, weil zahlreiche farbige Rechtsvisualisierungen die rechtlichen Inhalte erläutern und veranschaulichen; außerdem ermuntert die Autorin die Kinder und die Jugendlichen, selbst Rechtsvisualisierungen zu zeichnen oder zu malen, etwa zum Straftatbestand des Betrugs (vgl. S. 216). Zudem hat das Buch Bezüge zur Rechtsdidaktik, weil sein Inhalt didaktisch aufbereitet ist. Überwiegend aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen geschrieben, nähert sich der Sprachstil dem ihren an. Die drei fachlichen Ausrichtungen spiegeln sich im Literatur- und Bildverzeichnis (vgl. S. 299 ff.) wider.

 

Wodurch unterscheidet sich „Kennst du das Recht?“ von anderen schweizerischen Rechtskundebüchern? Ein Unterscheidungsmerkmal liegt darin, dass es sich auch an Kinder (ungefähr ab sieben Jahren) richtet. D.h., es gibt gegenwärtig noch kein solches Buch für diese Altersstufe. Es fragt sich daher, ob bestimmte Teile des Buchs bereits in der Unterstufe verwendet werden könnten oder sollten (etwa i.R.d. fächerübergreifenden Unterrichtsgegenstände im Kanton Zürich?). Oder wäre es nötig, zuvor die Lehrpläne entsprechend anzupassen? Die rechtshistorischen Exkurse, die Darlegungen zur Fairness sowie gewisse von Kindern gezeichnete Rechtsvisualisierungen finden sich ebenfalls erstmals in einem Rechtskundebuch. Es erstreckt sich, dies ein zusätzliches Unterscheidungskriterium, weit über die Schweizerische Rechtsordnung hinaus, von der es lediglich seinen Ausgangspunkt nimmt. Damit dürfte die Publikation auch für Kinder und Jugendliche, die in anderen Rechtsordnungen aufwachsen, interessant sein.

 

„Rosinen zum Picken“

Die Autorin behandelt rechtliche Themen, die für Kinder und Jugendliche bedeutsam sind. Dabei stellt sie ihnen immer wieder Fragen und Aufgaben dazu. Zum Beispiel: „Wenn du nur 10 Gesetzesartikel erlassen dürftest, die dir absolut wichtig erscheinen, wie würden diese lauten?“ (S. 73). Es ist daher hilfreich, dass Walser Kessel auf ihrer Buch-Website www.kennst-du-das-recht.ch die Lesenden dazu einlädt, ihr Nachrichten zu schicken, um ihr Fragen zu stellen oder Kommentare abzugeben. Indem sie ihr Zielpublikum direkt anspricht, trifft sie – und das fällt ins Gewicht – den richtigen Ton: „Du hältst ein Buch in den Händen mit dem Titel ‚Kennst du das Recht?‘. Es befasst sich also mit rechtlichen, man sagt auch ‚juristischen‘ Inhalten. Weshalb wohl?“ (S. 19). Das Layout des Buchs dürfte seine Adressaten ebenso ansprechen: A4-Format, übersichtliche Text- und Bildanordnung, leserfreundliche Schriftart, -farbe und -größe. Die Seiten wirken nicht überfüllt. Besonders originell sind jene Rechtsbilder, welche Kinder selber gemalt oder gezeichnet haben, z.B. die Zeichnung eines Sportunfalls durch einen Sechstklässler (vgl. S. 27) sowie andere Zeichnungen rechtlicher Sachverhalte (vgl. S. 147 f.).

 

„Kennst du das Recht?“ wird voraussichtlich auf Französisch, Italienisch und Englisch übersetzt werden. Die englische Version dürfte bzw. müsste inhaltlich an die Verhältnisse des angloamerikanischen Rechtskreises angeglichen werden. Möglicherweise wäre es sinnvoll, auch die französischen und italienischen Versionen hinsichtlich der Bildauswahl entsprechend zu modifizieren. Und dies, weil insbesondere die rechtshistorischen Bilder größtenteils aus dem deutschen Sprachraum stammen. Wir freuen uns schon jetzt darauf, die französischen, italienischen und englischen Rosinen zu picken.

 

Wünsche für die Zukunft

Es fragt sich vor allem aus entwicklungs- und kognitionspsychologischer Sicht, wie weit namentlich Kinder rechtliche Inhalte überhaupt zu verstehen vermögen. In ihrem früheren Aufsatz „Visualisierungen von Rechtsnormen durch Kinder“ hat sich die Autorin zusammen mit der Historikerin Maria Crespo mit dieser kontrovers diskutierten Frage bereits intensiv auseinander gesetzt (vgl. Walser Kessel, C./Crespo, M., Visualisierungen von Rechtsnormen durch Kinder – Darstellung ihres Fairness- und Gerechtigkeitssinns, in: Jusletter v. 24.8.2009; vgl. auch www.fairplay-study.ch). Walser Kessels neue Publikation bietet einen willkommenen Anlass, dieser Frage erneut nachzugehen und die Antworten darauf zu vertiefen. Könnte es also sein, dass ein Unterstufenkind nicht alle Passagen von „Kennst du das Recht?“ versteht? Um ein Beispiel zu geben: „Das sogenannte ‚geistige‘ Eigentum ist wohl besser bekannt unter dem englischen Begriff des ‚Copy Right‘ [!]. Man spricht auch von ‚Urheberrechten‘. Es geht darum, dass der Schöpfer eines Werkes – ein Schriftsteller, Komponist oder Maler – eine besondere Beziehung zu seiner Arbeit hat. Es ist sein geistiges Eigentum, seine Schöpfung.“ (S. 123)

 

Solche Textpassagen dieser ansonsten faszinierenden Publikation rufen danach, an die kognitiven Fähigkeiten von Kindern angepasst zu werden. Aus einer derartigen Überarbeitung dürfte ein spezielles Rechtsbilderbuch ausschließlich für Kinder hervorgehen. Die altersadäquaten „Rechtsgeschichten“ (vgl. S. 159 ff.) könnten mit weiteren Geschichten ergänzt werden. Gestützt auf die zahlreichen Vorzüge des Buchs und in Zusammenarbeit mit ihrem Verlag könnte die Autorin sogar erwägen, für Kinder und Jugendliche einen spielerischen Zugang zum Recht zu entwickeln. Damit würde sie an eine etablierte rechtshistorische Tradition anknüpfen: Der Humanist Thomas Murner entwickelte schon Anfang des 16. Jahrhunderts ein juristisches Kartenspiel zu den institutiones (juristisches Anfängerlehrbuch) Justinians (römischer Kaiser und Gesetzgeber). Er tat dies allerdings für Studierende des Rechts (vgl. von Arnauld, in: ders. (Hrsg.), Recht und Spielregeln, 2003, S. 1, 6). In unserer Zeit hat der Verlag C. H. Beck diese Spieltradition wieder aufgegriffen, indem er „Play-Beck“ kreierte, ein juristisches Kartenspiel mit rechtlichen Fragen für Studierende des Rechts. Sonja Reichels „Jura-Quartett ‚strafbar‘“ geht in eine ähnliche spielerische Richtung. Es wäre zu überlegen, ob „Kennst du das Recht?“ nicht als Grundlage für ein solches Kartenspiel dienen könnte, jedoch als ein lehrreiches Rechtsspiel für Kinder und Jugendliche.

 

Wir erlernen das Recht nicht nur visuell (in der Form von schriftlichen Texten und Bildern) oder audiovisuell (als geschriebene oder gesprochene Sprache, bewegte oder unbewegte Bilder, als Töne und so fort). Im universitären Kontext, insbesondere im englischsprachigen Raum, wird bereits damit experimentiert, Rollenspiele einzusetzen, um rechtliche Inhalte den Studierenden taktil-kinästhetisch oder vielmehr multisensorisch näher zu bringen (vgl. Scully-Hill/Lam/Yu, Beyond Role Playing: Using Drama in Legal Education, Journal of Legal Education, Bd. 60, Nr. 1, 2010, S. 147–156). Es würde sich lohnen, gewisse Beispiele in „Kennst du das Recht?“ daraufhin zu befragen, ob sie sich nicht dafür eignen würden, in rechtliche Rollenspiele für Kinder und Jugendliche umgesetzt zu werden. Insbesondere die Zeichnungen, die mehrere Szenen eines rechtlichen Sachverhalts visualisieren, kämen dafür infrage. Auf textliche und bildliche Anleitungen zu solchen Rollenspielen kann man nur gespannt warten.

 

Einzelne Rechtswissenschaftler werden möglicherweise bemängeln, die Rechtsinformationen seien da und dort nicht genau genug. Ich möchte die Autorin dazu ermuntern, mit solchen Kritikern eine wissenschaftliche Diskussion darüber zu führen, wie diese Informationen für Kinder und Jugendliche noch besser gestaltet werden könnten. Fachliche Kritik könnte auch deswegen laut werden, weil die rechtlichen Inhalte größtenteils nicht direkt (mit Fußnoten) belegt sind. Dem ist Folgendes entgegenzuhalten: In Anbetracht seines Zielpublikums tritt das vorliegende Buch nicht mit wissenschaftlichen Ansprüchen auf. Wer immer die vermittelten Informationen überprüfen möchte, kann dies mit Hilfe des umfangreichen Literatur- und Bildverzeichnisses tun (vgl. S. 299 ff.).

 

Du wirst – und auch Sie werden das Recht besser kennen

Es empfiehlt sich sehr, das ebenso außergewöhnliche wie einmalige Rechtsbilderbuch für Kinder und Jugendliche anzuschaffen, sei es für private oder schulische Zwecke. Mag sein, dass auch Erwachsene davon profitieren werden und auf diese Weise bestimmte Gesichtspunkte des Rechts besser kennen werden. Sollten Juristen dieses Buch in die Hand nehmen, mögen sie sich ob seines besonderen Inhalts einfach freuen.

 

Dr. Colette R. Brunschwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich, Abteilung Rechtsvisualisierung.

 

Vgl. hierzu auch die beck-community zum Multisensory Law.