Benno Heussen

Auer-Reinsdorff/ Conrad (Hrsg.), Beck'sches Mandats-handbuch IT-Recht


Astrid Auer-Reinsdorff/ Isabell Conrad (Hrsg.), Beck'sches Mandatshandbuch IT-Recht, München (C.H. Beck) 2011, ISBN 978-3-406-61183-4, € 199,-

 

ZD-Aktuell 2012, 02792     Unter dem Begriff IT-Recht haben die Herausgeberinnen das gesamte Spektrum der Themen zusammengefasst, das der Fachanwalt für IT-Recht beherrschen muss, will er diese Qualifikation erlangen. Es spannt sich in 36 Kapiteln von den technischen Grundlagen (§§ 1, 2 –Schmidt/Sarre und Conrad/Hausen/Huppertz/Schulze-Melling) über Softwarelizenzen und Vertrieb (§§ 5, 6 – Kast, Roth) und IT-Projekten (§ 16 – Conrad/Schneider/Witzel) bis hin zum Internationalen Privatrecht (§ 32 – Auer-Reinsdorff/Widmer) und zum Strafrecht (§ 36 – Ina Hassemer).

Gleichzeitig will das Buch diese Themen für die tägliche Mandatspraxis erschließen (Mandatshandbuch) und darin liegt ein Zielkonflikt. Als Ausbildungsliteratur für angehende IT-Anwälte braucht es einen systematischen Ansatz, den es unverkennbar erfüllt (die meisten Autoren sind auch als Ausbilder engagiert), und so ist das Buch auch gegliedert: obwohl viele Bereiche sich überschneiden, richtet sich doch jedes Kapitel auf einen klaren Fokus, definiert sich ein Lernziel und liefert das Material, um es zu erreichen. Um auch bei der täglichen Fallbearbeitung nützlich zu sein, müsste sich das Buch gleichzeitig auf die „typischen Fälle“ konzentrieren und bräuchte dafür einen ganz anderen, an den Querschnitten orientierten Aufbau.

Jochen Schneiders Standardwerk hat das Problem durch Wiederholungen gelöst, die wir auch hier teilweise bemerken: Auer-Reinsdorff erläutert uns im 7. Kapitel Grundlagenprobleme der Open Source Software in ähnlichem Umfang wie Kast in § 5 Rdnr. 158. Es wird ein gutes Stück Arbeit für die Herausgeberinnen sein, solche Überschneidungen zu eliminieren, um das Buch vom Umfang her im Griff zu halten. Mit seinen 2000 Seiten ist es sehr erschöpfend.

Astrid Auer-Reinsdorff hat das Buch nicht nur herausgegeben, sondern verantwortet auch vier zum Teil sehr anspruchsvolle Kapitel (drei davon zusammen mit Christian Kast). Ich habe mir das Thema Open Source genauer angesehen und finde die Darstellung sehr gelungen. Christian Kast könnte uns in seinem Teil (§ 5) in der nächsten Auflage einmal zeigen, wie die Praxis den Konflikt zwischen Open Source Software und proprietärer Software löst. Die rechtlichen Grundlagen sind klar entwickelt, aber wie der Markt sich verhält, das erfährt man nicht. Dasselbe gilt auch für das Thema Escrow (§ 10): Wenn es so wenig Rechtsprechung zum Thema gibt, kann man daraus schließen, dass die Modelle in der Praxis keine große Rolle spielen. Ist das aber wirklich so? Ich würde es gern wissen.

Isabell Conrad, ebenfalls Herausgeberin (und in acht Kapiteln aktiv!), hat in ihrem Kapitel zum Datenschutz das Beste geliefert, was man unter praktischen Gesichtspunkten derzeit zum Thema lesen kann. Selten gibt es ein so kurzes Gesetz, dessen praktische Relevanz außerhalb seiner politischen Implikationen nicht immer einsichtig ist – um das einmal sehr höflich auszudrücken. Das Schweigen zum Thema Schadensersatz in diesem Kapitel zeigt das aufs Deutlichste und trotzdem gelingt es diesem rätselhaften Schutzgut, eine Menge Papier zu produzieren, das kein Mensch versteht. Vermutlich ist Isabell Conrad durch die Zuhörer ihrer Kurse dazu gezwungen worden, alles noch einmal ganz einfach zu erklären und davon profitieren wir jetzt. So erklärt sich auch der Anhang, in dem die wichtigsten Urteile zum Thema unter Stichworten versammelt sind. Als wir 1985 das Computerrechthandbuch konzipierten, konnten wir das auch nicht anders machen. Aber heute, wo Datenbanken so selbstverständlich sind? Man muss nur einmal versuchen, sich diese Leitentscheidungen über beck-online oder Juris zu erschließen, dann wird man den Nutzen dieser Übersicht mit Händen greifen können. Ganz ist der Zettelkasten noch nicht gestorben!

Ich muss mich auf die von den beiden Herausgeberinnen behandelten Themen beschränken, denn leider genügt der Platz nicht für alle Autoren, die ihr Thema anschaulich und überzeugend behandelt haben.

Die Qualität des Buches beruht zweifellos auf den Unterrichtserfahrungen, die die 37 Autoren bei vielen Seminaren und Veranstaltungen gewonnen haben. 13 von ihnen sind weiblich und erfüllen damit schon jetzt die politisch korrekte Quote, die der Verlag C.H. Beck vielleicht demnächst generell bei Sammelwerken einführen muss, wenn das BVerfG das einmal so anordnet. Elf Autoren sind Fachanwälte/Fachanwältinnen für IT-Recht.

Die wesentliche Aufgabe der Herausgeber und Autoren wird sein, ihr duales Konzept zu perfektionieren, damit die neuen IT-Anwälte das Buch, das sie schon aus der Ausbildung kennen, auch in der Praxis täglich benutzen. Die Bereitschaft, ihr persönliches Know-how aus ihren Fällen mit dem Leser zu teilen, haben sie mit der ersten Auflage schon bewiesen. Das Buch hat die Anlage, ein Standardwerk zu werden, aber es gibt auch namhafte Konkurrenzwerke, die ebenfalls 2011 schon in die zweite Auflage gekommen sind: Leupold/Glossner, Münchner Anwaltshandbuch IT-Recht (C.H. Beck); Lehmann/Meenz, Handbuch für den Fachanwalt für IT-Recht (Luchterhand); Schwartmann, Praxis-Handbuch Medien-, IT – und Urheberrecht.

 

Prof. Dr. Benno Heussen ist Honorarprofessor an der Universität Hannover und Rechtsanwalt in Berlin.