Von Prof. Dr. Detlef Heinrich

Beispiel einer Kapitalflussrechnung – Aussagefähigkeit


Die Kapitalflussrechnung (auch Finanzflussrechnung, Zeitraumbilanz oder Fondsrechnung genannt) stellt für eine Abrechnungsperiode Herkunft und Verwendung verschiedener liquiditätswirksamer Mittel (Geld, Güter oder Leistungen) nach verschiedenen Gliederungskriterien dar. Sie ergänzt als „drittes Standbein“ des Jahresabschlusses die Bilanz und Erfolgsrechnung. Die Bilanz als zeitpunktbezogene Bestandsrechnung und die Gewinn- und Verlustrechnung (GuV), welche als Zeitraumrechnung nur erfolgswirksame Vorgänge erfasst, geben keine Auskunft über die Zahlungsströme eines Geschäftsjahres. Diese „Informationslücke“ schließt die Kapitalflussrechnung, indem sie darstellt, wie ein Unternehmen finanzielle Mittel in der vergangenen Abrechnungsperiode erwirtschaftet hat und welche Investitions- und Finanzierungsmaßnahmen erfolgten. Sie beantwortet damit z.B. Fragen, wie der Jahresüberschuss verwendet worden ist, in welchem Verhältnis er zu den Investitionen beigetragen hat und wie die Ausweitung der Außenstände finanziert worden ist. Dadurch lässt sich u.a. beurteilen, ob ein Unternehmen seine Verbindlichkeiten begleichen kann, in Zukunft kreditwürdig bleibt und in der Lage ist, Kreditzinsen fristgerecht zurückzuzahlen.

Die Kapitalflussrechnung stellt daher für externe Adressaten wie Finanzanalysten, Banken und Kapitalanleger eine wichtige Informations- und Entscheidungsgrundlage dar (z.B. im Rahmen der Kreditwürdigkeitsprüfung). Sie wird aber auch unternehmensintern vor allem vom Finanzcontrolling und von der Geschäftsleitung u.a. als Steuerungsinstrument (z.B. zur Liquiditätsanalyse und -planung) eingesetzt. Eine Aufstellung über Herkunft und Verwendung von Einnahmen und Ausgaben wird daher nicht nur retrospektiv (Dokumentation vergangener Perioden), sondern auch als Plan für künftige Abrechnungszeiträume (prospektiv) vorgenommen.


Aufbau einer derivativen Kapitalflussrechnung


In der Praxis am häufigsten verwendet wird die derivative Kapitalflussrechnung nach der indirekten Methode. Sie stellt eine Überleitungsrechnung vom Gewinn zum operativen Cash-Flow (Mittelzufluss/-abfluss aus laufender Geschäftstätigkeit). Der Jahresüberschuss entspricht der Differenz aus der Summe der zahlungsähnlichen und -unähnlichen Aufwendungen und Erträge. Um zum operativen Cash-Flow zu gelangen, werden die zahlungsunähnlichen Aufwendungen (z.B. Abschreibungen auf Anlagevermögen, Zuführungen zu den Pensionsrückstellungen) dem Jahresüberschuss hinzugefügt und die zahlungsunähnlichen Erträge (z.B. Zuschreibungen zum Anlagevermögen) von ihm abgesetzt. Das Ermittlungsschema hierzu (siehe unten) lehnt sich in komprimierter Form an den Deutschen Rechnungslegungsstandard Nr. 2 (DRS 2) des Deutschen Standardisierungsrates (DSR) an.

Da zur Ermittlung der derivativen Kapitalflussrechnung nur die Informationen des Jahresabschlusses erforderlich sind, kann sie anders als die originäre auch von externen Personen, z.B. Banken, aufgestellt werden. Im ersten Schritt werden zwei Bilanzen saldiert, welche die Vermögens- und Kapitalbestände zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten wiedergeben (Zeitpunktbilanzen).


Derivative Kapitalflussrechnung (indirekte Methode)

 

 

T€

+/-

 Jahresüberschuss/-fehlbetrag

+ 22

+/-

Abschreibungen/Zuschreibungen Anlagevermögen

+ 283

+/-

Bildung/Auflösung Sonderposten mit Rücklagenanteil (steuerliche Wertberichtigung)

- 17

+/-

Zunahme/Abnahme der Rückstellungen

+ 56

+/-

Sonstige zahlungsunwirksame Aufwendungen/Erträge (z.B. AfA auf aktiviertes Disagio)

0

-/+

Gewinn/Verlust Abgang Anlagevermögen

0

-/+

Zunahme/Abnahme Vorräte

+ 118

-/+

Zunahme/Abnahme Forderungen aus Lieferungen und Leistungen

+ 40

-/+

Zunahme/Abnahme sonstiger Vermögensgegenstände/Wertpapiere/RAP

- 112

+/-

Zunahme/Abnahme Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen

+ 27

 

Operativer Cash-Flow

+ 417

+

Einzahlungen aus Abgängen (z.B. Verkaufserlöse: Restbuchwerte + Gewinne ./. Verluste aus Anlagenabgang)

0

-

Auszahlungen für Investitionen in Anlagevermögen

- 603

 

Cash-Flow aus Investitionen

- 603

+

Einzahlungen aus Eigenkapitalzuführungen

+ 163

-

Ausschüttungen an Gesellschafter

0

+/-

Einzahlungen aus der Begebung von Anleihen und Kreditaufnahmen / Auszahlungen aus der Tilgung von Anleihen und Krediten

+ 14

 

Cash-Flow aus Finanzierung

+ 177

 

Netto Cash-Flow (Summe aus Cash-Flows operatives Geschäft, Investitionen, Finanzierung)

- 9

+

Finanzmittelbestand Anfang der Periode

+ 677

=

Finanzmittelbestand am Ende der Periode

+ 668


Aussagefähigkeit der derivativen Kapitalflussrechnung


Die Kapitalflussrechnung hat genauso wie die Jahresbilanz allgemein eine Steuerungs-, Dokumentations- und Kontrollfunktion. Mit ihr lassen sich vor allem Aussagen treffen, ob die Finanzierung der Investitionen eines Unternehmens aus dem Umsatzprozess (Cash-Flow der laufenden Tätigkeit) heraus erfolgte. Die in der Kapitalflussrechnung enthaltenen Investitions- und Finanzierungsnachweise sollen zudem die Ursachen und Quellen der Veränderungen der liquiden Mittel transparent machen.

Da unter den Zu- und Abflüssen zu den liquiden Mitteln auch nicht liquiditätswirksame Vorgänge aufgeführt werden (z.B. Abschreibungen auf Sachanlagen) stellen die drei Cash-Flows bei der derivativen Kapitalflussrechnung nur Näherungswerte dar. Externe Ersteller einer Kapitalflussrechnung stehen darüber hinaus vor dem Problem, dass ihnen die den Bestandsveränderungen zugrunde liegenden Kontenbewegungen nur zum Teil, z.B. aus dem Anlagespiegel, bekannt sind.

Verschiebungen ergeben sich beispielsweise auch zwischen dem operativen Cash-Flow und dem Cash-Flow des Finanzbereichs, wenn langfristige Ausleihungen und/oder Verbindlichkeiten ab- oder aufgewertet werden. Um die Verzerrungen zu minimieren, sollten Unternehmen derartige Bewertungsänderungen, soweit sie wesentlich sind, aufzeigen oder sie bei der Aufstellung der Kapitalflussrechnung von sich aus berücksichtigen.


Operativer Cash-Flow


Der operative Cash-Flow spiegelt die Innenfinanzierung der laufenden Geschäftsaktivitäten wider. Beim Mittelzufluss/-abfluss aus laufender Geschäftstätigkeit sind folgende Kontrollfragen zu stellen:

  • Sind aus dem operativen Bereich des Unternehmens genügend Einzahlungen zugeflossen, um die Auszahlungen des laufenden Geschäfts zu decken?

  • Welchen Beitrag leistet der operative Bereich zur Deckung der Auszahlungen für Investitionen und Finanzierung bzw. zur Aufstockung der liquiden Mittel (Finanzmittelfonds)?

Im obigen Beispiel wurde zwar ein positiver operativer Cash-Flow in Höhe von 417 T€ erwirtschaftet; er reichte allerdings nicht zur Begleichung der Zahlungen für die Beschaffung von Investitionsgütern (z.B. Erhaltungs- und Erweiterungsinvestitionen) in Höhe von 603 T€ aus. Daraus lässt sich erklären, weshalb zusätzliche Finanzmittel (in Höhe von 177 T€) in Form einer Kapitalerhöhung und durch Aufnahme von langfristigen Krediten (siehe Cash-Flow aus Finanzierung) zur Deckung der Investitionskosten bereitgestellt wurden.

Ein negativer operativer Cash-Flow würde ebenfalls die Bereitstellung von Zahlungsmitteln aus anderen Finanzierungsquellen signalisieren (z.B. Desinvestitionen, zusätzliche Kapitalaufnahme), um die Unterdeckung der laufenden Geschäftstätigkeit mit liquiden Mitteln auszugleichen.

Die Beurteilung eines negativen Ergebnisses im operativen Bereich hängt von der Branchenzugehörigkeit und der Geschäftspolitik eines Unternehmens ab.

In Wachstumsbranchen (wie Informations-, Biotechnologie oder Telekommunikation) sind in der Regel sowohl der operative als auch der investive Cash-Flow negativ, da Produktionskapazität und Lagerbestände erst aufgebaut werden müssen. Das Unternehmen muss sich zunächst extern finanzieren (zusätzliches Eigen- und Fremdkapital). Erst wenn die Produkte Marktreife erhalten haben, ist mit einem positiven operativen Cash-Flow zu rechnen. Bei kapitalintensiven Unternehmen kann er den Gewinn um ein Vielfaches übersteigen, wobei die Abschreibungen im Wesentlichen diese Differenz bedingen.

Erheblichen Schwankungen unterliegt der Mittelzufluss/-abfluss aus laufender Geschäftstätigkeit häufig in Branchen mit ausgeprägten Preiszyklen, z.B. in der Papierindustrie, in der die Rohstoffpreise vor den Endproduktpreisen ansteigen bzw. sinken.

Last, not least beeinflusst auch die Finanzpolitik den operativen Cash-Flow. Finanziert sich ein Unternehmen vermehrt über kurzfristige Lieferantenkredite steigt das Ergebnis des operativen Bereichs, während es bei der Inanspruchnahme kurzfristiger Bankkredite fällt.


Cash-Flow aus Investitionen


Neben den im Ermittlungsschema (siehe oben) aufgeführten Positionen gehören nach den internationalen Rechnungslegungsstandards zum Investitionsbereich auch die Anzahlungen bei der Beschaffung von Anlagevermögen, Zahlungen zur Tilgung von Lieferantenkrediten aus dem Erwerb von Anlagevermögen sowie Auszahlungen für Forschung und Entwicklung.

Ein negativer Cash-Flow aus Investitionstätigkeit (wie auch im Zahlenbeispiel) besagt, dass das Unternehmen mehr investiert (z.B. Rationalisierungsinvestitionen oder Ausbau von Produktionskapazitäten in der Automobilindustrie) als desinvestiert hat.

Bei Unternehmen, die vorwiegend Kapazitäten abbauen und weniger Innovationen in den Produktionsprozess einbringen, z.B. Textil- oder Stahlbranche, übersteigen häufig die frei werdenden Mittel die Erhaltungsinvestitionen, so dass der Cash-Flow aus Investitionen positiv ausfällt. Die liquiden Mittel werden dann zur Tilgung der Kredite und für Ausschüttungen an die Eigenkapitalgeber verwendet.


Cash-Flow aus Finanzierung


Die Außenfinanzierungstätigkeit mit den Eigen- und Fremdkapitalgebern offenbart, in welcher Höhe langfristige Finanzmittel zusätzlich aufgenommen oder an die Kapitalgeber zurückgezahlt wurden. Ein negativer Cash-Flow aus Finanzierung zeigt, welche liquiden Mittel den anderen Bereichen (Cash-Flows aus laufender Geschäftstätigkeit, Investitionen) entzogen wurden (z.B. zur Tilgung von Krediten). Bei einem positiven Wert (wie im Zahlenbeispiel) wird deutlich, in welcher Höhe Finanzierungsmittel dem laufenden Geschäft bzw. den Investitionen zugeflossen sind.

Bei den Rechungslegungsstandards IAS 7 zählen übrigens auch die Zahlungen des Leasingnehmers (Leasingraten) zu den Finanzierungsaktivitäten.


Die Kapitalflussrechnung basiert auf einer Beständedifferenzenbilanz.

Zahlenbeispiele zum Aufbau einer Beständedifferenzenbilanz sowie einer Bewegungsbilanz bietet Ihnen der Autor im Beitrag „Kapitalflussrechnung“, erschienen in der PRINT-AUSGABE BC 8/1998 (S. 180 ff.).


DER AUTOR


Prof. Dr. Detlef Heinrich, Wirtschaftsberater, Professur an der Hochschule für Wirtschaft und Politik, Hamburg.

 

Stand: 12/2002