Von Dr. Holger Buchner und Dr. Andreas Weigand

Wichtige Früherkennungssignale für mittelständische Unternehmen


Die rezessive Konjunktur der vergangenen Monate lassen Forderungen nach einem verbesserten Frühwarnsystem und einer strafferen Unternehmenssteuerung laut werden.

Am Beispiel des mittelständischen Maschinenbauzulieferers RINGSPANN GmbH illustrieren die Autoren die konkrete Umsetzung der indikatorenorientierten Früherkennung.

Der Schwerpunkt der Früherkennung liegt bei der RINGSPANN GmbH auf den als klassisch zu bezeichnenden und insbesondere für mittelständische Unternehmen leichter zugänglichen operativen Ansätzen der 1. und 2. Generation (u.a. Kennzahlen, Chancen-/Risikoindikatoren).

Die angewandten Ansätze der 1. Generation bauen dabei auf den gut ausgebauten Informations- und Steuerungssystemen des betrieblichen Rechnungswesens auf.


Beispiele:

  • Drei-Monats-Finanzvorschau,

  • Cash-Flow-Planung mit drei Jahren Planungshorizont,

  • Kennzahlen (z.B. Finanzkennzahlen wie Umsatzrendite, vgl. ausführlich Bohne, BC 2/1999, S. 37 ff.),

  • monatlich aufbereitete Auftragseingänge und Auftragsbestände,

  • Planungshochrechnungen: Vergleich der Planwerte (zum Ende der Periode) mit den hochgerechneten Ist-Werten (zum gleichen Periodenende),

  • Forecasts: Die erwarteten Ist-Werte zum Periodenende werden nicht rein rechnerisch durch Fortschreibung (Hochrechnung), sondern nach dem jeweils aktuellen Kenntnisstand der verantwortlichen Führungskräfte „prognostiziert“ (z.B. zur Entwicklung der Auftragseingänge).


Bei den kennzahlen-/hochrechnungsorientierten Früherkennungssystemen der 1. Generation ist der Vorlauf zwischen den Vorboten einer Veränderung (z.B. auf den Absatz- oder Beschaffungsmärkten) und der realisierten Planabweichung sehr kurz; auch die Prognostizierbarkeit künftiger Entwicklungen ist begrenzt. Mit der indikatorenorientierten Frühaufklärung der 2. Generation, die auch RINGSPANN einsetzt, können Chancen frühzeitiger erkannt und genutzt oder Risiken abgewehrt werden.

Durch Festlegung relevanter Beobachtungsbereiche und Auswahl geeigneter Früherkennungsindikatoren (vgl. Tabelle) lassen sich Veränderungen am Markt und im Unternehmen systematisch ermitteln und überwachen. Durch signifikante Veränderung eines Indikators wird ein Signal gegeben, über Maßnahmen zu diskutieren und sie gegebenenfalls einzuleiten.

Die Frühwarnindikatoren werden bei RINGSPANN u.a. aus dem Zielsystem der Balanced Scorecard gewonnen, um entsprechende früherkennungsrelevante Ursache-Wirkungszusammenhänge zu untersuchen und zu simulieren.


Beispiel:


Die Mitarbeiterzufriedenheit steht in folgender Ursache-Wirkungskette: Sie hat positive Auswirkung auf die Auftragsabwicklung/Innovation - Qualität/Preis-Leistungs-Verhältnis/Image - Kundenzufriedenheit - Umsatzwachstum/Deckungsbeitrag - Return on Investment.



Diese Vorgehensweise ermöglicht es, die Inhalte des Unternehmenszielsystems auch für Früherkennungszwecke nutzbar zu machen.


Wichtige Indikatoren der operativen Frühaufklärung

Beobachtungsfelder

Indikatoren

Konjunkturelle/strukturelle Entwicklungen

  • (amtliche) Auftragseingänge/-bestände

  • Geschäftsklima (Ifo-Indikator)

  • Konsumentenstimmungen

Forschung und Entwicklung/Technik

  • neue Verfahrens-/Produkttechnologien

  • Änderung Verbrauchergewohnheiten

  • Anzahl laufender Entwicklungsprojekte – wichtig z.B. bei RINGSPANN

  • Anzahl eigener Patente/vergebener Lizenzen

  • Forschungs- und Entwicklungskosten

Absatzbereich

  • Anzahl der Anfragen und Angebote in einem Zeitraum – wichtig z.B. bei RINGSPANN

  • Entwicklung der Auftragseingänge in der Hauptabnehmerbranche: Bei RINGSPANN ist dies z.B. der Maschinenbau, dessen Veränderungen das Unternehmen als Zulieferer mit zeitlichem Verzug mehr oder weniger exakt nachvollzieht

  • Umsatzerlöse/Preise

  • Preis-/Programmpolitik der Wettbewerber

Beschaffungsbereich

  • Rohmaterialpreisentwicklungen – wichtig z.B. bei RINGSPANN

  • Lagerbestände

  • Termintreue/Qualitätsniveau bei Lieferanten

Produktionsbereich

  • Altersstruktur

  • Ausschussquote

  • Kapazitätsauslastungsgrad

  • Energieverbrauch/Instandhaltungskosten

Mitarbeiter

Fluktuationsrate, Krankenstände, Altersstruktur

Ergebnis-/Finanzlage

Hochrechnungen zu Betriebsergebnis, bilanziellem Ergebnis und Cash-Flow

Kapitalmarkt

Zinsen, Wechselkurse


Künftige Entwicklungen und Ereignisse (z.B. Kundengewohnheiten, technologische Veränderungen) lassen sich mit der strategischen Früherkennung vorwegnehmen.

Erläuterungen mit handfesten Praxistipps der Autoren hierzu – sowie zur operativen Früherkennung – finden Sie im Beitrag „Früherkennung in der Unternehmenssteuerung am Beispiel der RINGSPANN GmbH“, der in der PRINT-AUSGABE BC 8/2002 auf Seite 178 ff. erschienen ist.


DIE AUTOREN


Dr. Holger Buchner ist kaufmännischer Geschäftsführer bei dem Maschinenbauzulieferer RINGSPANN GmbH in Bad Homburg. Zuvor war er leitender Berater bei der Unternehmensberatung Horváth & Partner GmbH in Stuttgart.

Dr. Andreas Weigand ist geschäftsführender Gesellschafter der Weigand GmbH Unternehmensberatung in Stuttgart/Leonberg. Zuvor war er als leitender Berater bei Horváth & Partner GmbH u.a. verantwortlich für das Competence Center „Neue Navigation“ sowie das mehrjährige Forschungsprojekt „Früherkennung und Navigation“.

 

BC 8/2002