Brexit – Mögliche Folgen für Bilanzierung und Besteuerung


 

Das britische Volk hat am 23.6.2016 mit knapper Mehrheit für den „Brexit“ – also das Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union – gestimmt. Welche Auswirkungen könnte dies auf die Bilanzierung und Besteuerung von Unternehmen haben?

 

 

Praxis-Info!

Zunächst einmal bleibt festzuhalten: Die Wahl ist für das britische Parlament nicht bindend. Somit gibt es hier aus britischer Sicht auch keinen Zeitdruck. Es ist davon auszugehen, dass der Austritt Großbritanniens über Artikel 50 des Vertrags von Lissabon vollzogen wird. Dieser sieht einen zweijährigen Beratungsprozess zwischen dem ausscheidenden Land und der EU vor, in welchem die neuen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen vereinbart werden sollen. Nach zwei Jahren kommt es dann automatisch zu einem Ausscheiden, wenn die Frist nicht einstimmig von allen EU-Mitgliedstaaten verlängert wird. Die Zweijahresfrist beginnt mit dem offiziellen Antrag Großbritanniens. Der Forderung mehrerer EU-Politiker, den Antrag nun sofort zu stellen, hat der britische Premierminister bereits eine Absage erteilt. Aus gutem Grund – zunächst muss das britische Parlament eine Strategie formulieren und eine entsprechende Task Force gründen, um die Zweijahresfrist optimal nutzen zu können. Vor Oktober 2016 wird nicht mit einem Antrag zu rechnen sein. Aufgrund der Komplexität und der hochfliegenden Emotionen dürfte sich auch nicht ein schneller Abschluss der Austrittsverhandlungen erreichen lassen. Somit ist mit einem tatsächlichen Brexit frühestens Ende 2018 zu rechnen. In der Zwischenzeit wird Großbritannien in 2017 sogar noch turnusgemäß die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen.

Das nun allseits zu hörende politische Säbelrasseln verdeckt ein wenig, wie eng Großbritannien und die EU verflochten sind. Großbritannien ist die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt und einer der größten Nettozahler der EU. Je 6 Britische Pfund (GBP), die vom Inselreich in die EU exportiert werden, importieren die Briten 10 GBP aus der EU. Wirtschaftlich hätte die EU somit durch Handelsbarrieren mehr zu verlieren, was einige der in den letzten Tagen von EU-Politikern erhobenen Forderungen eher als Trotzreaktionen aussehen lässt.

Doch welche Folgen könnte ein Brexit haben? „Könnte“ (!), weil noch nicht abzusehen ist, wann und zu welchen Konditionen der Brexit stattfinden wird. Nachfolgend werden einige steuerliche und bilanzielle Themengebiete genannt, die vom Brexit betroffen sein dürften.

  • Umsatzsteuer: Tritt Großbritannien aus der EU aus, so wird es aus umsatzsteuerlicher Sicht zum Drittland. Die Briten könnten dann auf nationaler Ebene ihre Umsatzsteuergesetze ändern; in der Folge würden andere Regeln als in der übrigen EU gelten. Die Umsatzsteuerregelungen könnten aber auch unverändert fortbestehen, weshalb in diesem Fall zumindest für Großbritannien und die EU dieselben umsatzsteuerlichen Regelungen gelten würden.
  • Grenzüberschreitende Verluste: Ironischerweise wurde die EU-weite Verlustverrechnung vor allem aufgrund eines englischen Falls mit dem sog. Marks & Spencer-EuGH-Urteil statuiert. Mit dem Austritt Großbritanniens wird eine Verrechnung sog. finaler Verluste zwischen Großbritannien und der EU wahrscheinlich nicht mehr möglich sein.
  • IFRS-Konvergenz: Die IFRS gelten in der EU nur insoweit, als sie das sog. Endorsement-Verfahren durchlaufen haben. Der aktuelle Stand des Endorsement-Verfahrens kann auf den Internetseiten der EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group) abgefragt werden. So wird z.B. mit einem Endorsement von IFRS 15 im 3. Quartal 2016 gerechnet, während IFRS 16 wohl erst im Verlauf des Jahres 2017 gebilligt wird. Nach einem Brexit könnte England einen anderen Zeitplan für die Zulassung geänderter oder neuer Standards wählen, so dass innerhalb der EU und in Großbritannien unterschiedliche Standards zur Anwendung kommen.

 

 

Beispiel:

Mit IFRS 16 wird die Leasingbilanzierung grundlegend geändert. Der Standard ist ab dem Jahr 2019 anwendbar, wobei der IASB eine frühere Anwendung zulässt. Da IFRS 16 noch nicht durch die EFRAG gebilligt worden ist, kommt eine vorzeitige Anwendung für Unternehmen in der EU jedoch noch nicht in Betracht. Ein unabhängiges Großbritannien könnte diese aber zulassen, so dass britische Unternehmen dann ihre Leasinggeschäfte nach IFRS 16 und EU-Unternehmen vorerst nach IAS 17 bilanzieren würden.

 

  
  • Zoll: Da Großbritannien zum Drittland wird, könnten von beiden Seiten Zölle auf den Warenverkehr erhoben werden. Wie in der Einleitung dargelegt, haben aber beide Seiten durch die Errichtung von Handelshemmnissen wirtschaftlich einiges zu verlieren, so dass sich am Ende hoffentlich Vernunft vor Emotion durchsetzen wird.
  • Volatilität: Aufgrund der vielen Unsicherheiten in Bezug auf Ablauf, Zeitplan und Ergebnis der Brexit-Verhandlungen kommt es nun zu einer Phase der Unsicherheit. Dies kann zu größeren kurzfristigen Schwankungen an Aktien-, Devisen- und Rohstoffmärkten führen; deshalb gewinnen Absicherungsgeschäfte (Hedging) mehr an Bedeutung. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass am ersten Tag nach dem Referendum (24. Juni) der britische Aktienindex (FTSE 100) lediglich um 3,15% nachgegeben hat, während der DAX 100 um 6,82%, der französische CAC General (CAC 40) um 8,04% und der spanische Madrid SE (IBEX 35) gar um 12,47% gefallen sind. Mittlerweile liegt der FTSE 100 sogar wieder im Plus gegenüber den Tagen vor der Brexit-Entscheidung, was man von DAX 100, CAC 40 und IBEX 35 noch keinesfalls sagen kann. Dies verstärkt den Eindruck, dass EU-Unternehmen durch den Brexit möglicherweise mehr zu verlieren haben als umgekehrt. Im Vergleich dazu ist das Britische Pfund (GBP) gegenüber dem EUR seit dem 23.6.2016 um 8,14% gefallen (von 1,3138 GBP/EUR auf 1,2068 GBP/EUR – Schlusskurs der Frankfurter Börse am 29.6.2016). Gegenüber dem US-Dollar ist das Britische Pfund (GBP) seit dem 23.6.2016 sogar um 10,49% gesunken (Schlusskurse der Frankfurter Börse am 23.6.2016: 1,5008 GBP/USD; am 29.6.2016: 1,3434 GBP/USD).
  • Arbeitsrechtliche Konsequenzen: Arbeitnehmer aus EU-Mitgliedstaaten können ihre beruflichen Tätigkeiten in der Regel auch in anderen EU-Ländern ausüben. So dürfen (mit gewissen Einschränkungen) Anwälte, Bilanzbuchhalter, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer nach den EU-Berufsqualifikationsrichtlinien in anderen EU-Ländern tätig werden. Mit dem Brexit könnte Großbritannien aus diesem Verbund ausscheiden, was insbesondere die großen Anwaltskanzleien treffen würde. Zeitungen berichten bereits von einem „Run“ britischer Anwälte auf eine anwaltliche Zulassung in Irland, um weiterhin EU-weit tätig sein zu können. Auch bei Arbeitnehmerentsendungen könnten sich Änderungen ergeben, z.B. in Bezug auf die Anerkennung von im anderen Land erworbenen Rentenansprüchen.
  • Rechtsform: EU-weit sind verschiedene Rechtsformen durch das europäische Gesellschaftsrecht anerkannt. Fraglich ist, was nun mit „deutschen“ Limiteds passiert. Hierbei ist der gängige Ausdruck „deutsche“ Limited irreführend – eine britische Limited muss ihren Sitz immer in Großbritannien haben. Allerdings kann dieser Sitz auch lediglich in einem betreuten Briefkasten bestehen. Die eigentliche wirtschaftliche Tätigkeit wird in diesem Fall über eine deutsche Zweigstelle ausgeführt. Ob diese Konstruktion auch künftig möglich sein wird, wird vom Ausgang der Brexit-Verhandlungen abhängen. Dasselbe gilt beispielsweise für eine in Großbritannien niedergelassene SE (Societas Europaea).

 

 

Resümee

Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr, die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer“ (deutsches Volkslied, basierend auf der Melodie des schottischen „Auld Lang Syne“). Durch das Brexit-Votum des britischen Volkes wird es zu Änderungen in den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen zwischen Großbritannien und der übrigen EU kommen. Wie gravierend diese Veränderungen ausfallen werden und wann sie eintreten, ist derzeit noch nicht vorhersehbar. Mögliche Folgen reichen von einer abweichenden IFRS-Bilanzierung bis zu geänderten Umsatzsteuer- und Zollgesetzen. Grenzüberschreitend tätige Unternehmen werden daher den weiteren Gang der Verhandlungen genau verfolgen müssen, um mögliche Auswirkungen auf ihr Geschäft frühzeitig zu erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

 

Christian Thurow, Dipl.-Betriebsw. (BA), Senior Vice President Audit Operations & Reporting, London (E-Mail: Thurow@virginmedia.com)

 

 

 

BC 7/2016