Zur ethischen Verantwortung des Bilanzbuchhalters am Beispiel des Lüneburger Auschwitz-Prozesses


 

Inwieweit ist ein Buchhalter für die Taten seines Unternehmens verantwortlich? Dieser Frage geht zurzeit das Landgericht Lüneburg in dem am 21.4.2015 begonnenen Prozess gegen den sog. „Buchhalter von Auschwitz“ nach.

Zu Anfang dieses Jahrtausends haben diverse Firmenskandale das Vertrauen der Anleger nachhaltig erschüttert. Enron, Worldcom, Flowtex seien hier exemplarisch angeführt. In all diesen Fällen gelang es dem obersten Management mit erheblicher krimineller Energie, die Öffentlichkeit über einen längeren Zeitraum hinweg über die tatsächliche Lage des Unternehmens zu täuschen. Eine solche Täuschung – vor allem der jeweiligen Abschlussprüfer – konnte aber nur gelingen, wenn auch die zugrunde liegende Buchführung entsprechend manipuliert wurde. Dabei werden Hauptgeschäftsführer (CEO) und kaufmännischer Leiter (CFO) die Buchungen nicht selber ausgeführt haben. Vielmehr haben sie entsprechende Anweisungen erteilt.

Dabei fangen auch große Bilanzbetrügereien meistens klein an. Hier ein paar Umsätze vorgezogen, dort ein wenig mit dem Konsolidierungskreis gespielt. Vielen Mitarbeitern in der Buchhaltung muss klar gewesen sein, dass hier etwas nicht stimmt. Doch was tun? Häufig wird zur Rechtfertigung vorgebracht, man habe lediglich auf Anweisung gehandelt.

Nur auf Anweisung und gemäß den Vorschriften hat auch Oskar Gröning gehandelt. Dem heute 93-jährigen wird zurzeit vor dem Landgericht Lüneburg für seine buchhalterische Tätigkeit in der Gefangeneneigentumsverwaltung des KZ Auschwitz in den Jahren 1942 bis 1944 der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft Hannover wirft ihm Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen vor. Klar ist, dass Gröning von der Judenvernichtung gewusst hat. Klar ist aber auch, dass er nicht direkt an dem Morden beteiligt war. Seine Aufgabe lag in der Erfassung und Verwaltung der Gelder, die bei den Häftlingen gefunden wurden.

Dies wirft die Frage auf: Welche Verantwortung trägt ein Bilanzbuchhalter für die Taten seiner Organisation bzw. seines Unternehmens? Auch hier gilt: „mit gefangen, mit gehangen“. Wer wissentlich eine kriminelle Handlung durchführt oder unterstützt, macht sich mitschuldig.

Schwieriger wird die Beurteilung bei reiner Mitwisserschaft. Zwar gibt es mit § 138 StGB „Nichtanzeige geplanter Straftaten“ einen Straftatbestand der Mitwisserschaft. Doch greift diese Norm nur in seltenen Fällen, etwa bei Vorbereitung eines Angriffskriegs oder der Geldfälschung – nicht aber bei Bilanzmanipulation. Zu bedenken ist, ob nicht aus der Berufsethik eines Bilanzbuchhalters heraus eine moralische Verpflichtung zur Aufdeckung bemerkter Straftaten besteht. Viele ausländische Verbände unterstützen ihre Mitglieder bei der Beurteilung der Lage mithilfe eines Verhaltenskodex (Code of Conduct), in welchem das von Verbandsmitgliedern erwartete Verhalten beschrieben ist. Beispielhaft sei auf das Institute of Internal Auditors oder CIMA verwiesen.

Die Aufdeckung von Straftaten wie der Bilanzmanipulation aus dem Unternehmen heraus wird als Whistleblowing (deutsch: Hinweise auf Missstände in Unternehmen) bezeichnet. Dieses kann für den Whistleblower schnell schwerwiegende persönliche Konsequenzen nach sich ziehen, wie Verlust des Jobs, Isolation, Gerichtsstreitigkeiten. Ein eindrückliches Beispiel hierfür liefert die Darstellung von Michael Woodford, dem ehemaligen CEO (Chief Executive Officer = geschäftsführendes Vorstandsmitglied) von Olympus, der im Jahr 2011 einen größeren Bilanzierungsbetrug aufdeckte. Selbst seine Position als CEO schützte ihn nicht vor Entlassung und Stigmatisierung.

Bilanzbuchhalter befinden sich somit in einem Spannungsverhältnis aus strafrechtlich relevanten Sachverhalten, moralischer Verantwortung und persönlichen Interessen. Jeder Einzelne muss hier für sich selbst entscheiden, wie weit bzw. welchen Weg man zu gehen bereit ist, und die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen. Der Lüneburger Prozess verdeutlicht eindrücklich, dass Bilanzbuchhalter sich und ihre persönliche Verantwortung nicht hinter ihren rein ausführenden, organisatorischen Tätigkeiten verstecken können.

 

Christian Thurow, Dipl.-Betriebsw. (BA), Lead Auditor Europe in der Internen Revision, London (E-Mail: Thurow@virginmedia.com)

 

BC 5/2015