Ich gebe zu, dass ich kaum etwas über Dieselmotoren wusste, bevor ich über Volkswagens Manipulationen am Schadstoffausstoß recherchierte. Teslas Autopilot-Software sagte mir wenig. Leerverkäufe und Dividendenstripping? Fremdworte. Das Schwierigste war am Ende jedoch nicht, diese Systeme zu verstehen. Erschreckend ist, wie lange der Rechtsstaat für eine Reaktion braucht.
Nach vielen Jahren Recherche über Cum-Ex, Dieselgate und andere Wirtschaftsskandale beschäftigt mich eine Beobachtung stärker als jeder einzelne Fall: Der größte Verbündete vieler Beschuldigter ist nicht ihr Verteidiger. Es ist die Zeit.
2017 sprach ich mit dem Cum-Ex-Architekten Hanno Berger. „Ich bin ein Mann des Rechts“, sagte er mir aus seinem Schweizer Exil. Natürlich werde er sich einem deutschen Gericht stellen, sollte es zu einer Anklage kommen. Als die Anklage erhoben wurde, bezeichnete Berger sie als unbegründet. Als das Gericht sie zuließ, meldete er sich krank. Nach Deutschland ausgeliefert wurde er erst fünf Jahre später.
Bergers Geschäftspartner Kai-Uwe Steck präsentierte sich als reuiger Kronzeuge. Er sprach von Verantwortung, Reue und beteuerte, jeden Cent seiner Beute von 50 Millionen Euro zurückzuzahlen. Später erklärte er, er habe das meiste davon leider verspekuliert. Eine Freiheitsstrafe musste Steck dennoch nicht antreten. Heute hält er Vorträge über die Ungerechtigkeit der Justiz.
Der Blick auf den Cum-Ex-Skandal zeigt das strukturelle Problem besonders deutlich. Mehr als 1700 Beschuldigte warten bis heute auf eine gerichtliche Klärung ihrer Rolle. Es ist unwahrscheinlich, dass viele von ihnen jemals einen Gerichtssaal von innen sehen werden. Welche Botschaft kommt dabei an? Wer erst nach zehn oder fünfzehn Jahren mit einem Strafprozess rechnen muss, wird dieses Risiko einkalkulieren.
Es geht auch anders. In den USA kam Sam Bankman-Fried nur wenige Wochen nach dem Zusammenbruch der Kryptobörse FTX in Untersuchungshaft. Rund 16 Monate später wurde er zu 25 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Botschaft war unmissverständlich: Wer Milliardenbetrug begeht, muss zeitnah mit den Konsequenzen rechnen.
Es geht dabei nicht um amerikanische Strafmaße. Entscheidend ist etwas anderes: Ein Rechtsstaat lebt nicht allein von guten Gesetzen. Er lebt auch davon, dass seine Reaktion auf schwerwiegende Straftaten in einem angemessenen zeitlichen Zusammenhang mit der Tat steht. Wo Verfahren Jahrzehnte dauern, wird Zeit zum Verbündeten der Täter.