Italien: Ein Jahr in der ewigen Stadt – Erasmus-Aufenthalt in Rom


Einmal in Rom zu leben war schon immer mein Traum. Dank dem Erasmus-Programm der Europäischen Union ist es ein Leichtes, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Durch mehrere Besuche kannte ich Rom bereits, Italienisch beherrschte ich nach zwei Intensivkursen in Grundzügen. Der einjährige Aufenthalt von September 2005 bis Juni 2006 hat mein Bild der Stadt in vielen Facetten bestätigt und in manchen verändert – und mein Italienisch deutlich verbessert.

Wer sich dazu entschließt, ein Auslandsjahr in Rom zu verbringen, sollte eine gewisse Leidenschaft und ein Grundverständnis für Land und Leute mitbringen, um nicht allzu große Überraschungen zu erleben. Ebenso sind Vorkenntnisse über die Stadt von Nutzen. Über zwei Dinge sollte man sich im Klaren sein: Die Stadt ist nach deutschen Maßstäben sehr chaotisch, außerdem ist das Leben dort äußerst kostspielig.

Die Universität La Sapienza

Die Universität La Sapienza (Roma I) ist die größte Universität Europas mit ungefähr 130 000 Studenten. Dementsprechend unübersichtlich sind die Strukturen. Die Verwaltung ist schwerfällig. Auch unter der römischen Bevölkerung genießt die Sapienza den Ruf, chaotisch zu sein, weshalb hier vor allem Auswärtige studieren; die echten „Römer“ zieht es mehr an die Universià Roma Tre. Der Campus der Sapienza ist aber hervorragend erreichbar, weil sozusagen direkt hinter der Stazione Termini, dem römischen Hauptbahnhof gelegen. Die Anreise nach Rom gestaltet sich dank des Billigflieger-Booms unproblematisch. Als Erasmus-Student wird man bei der Ankunft, zumindest in der Juristenfakultät, sehr freundlich im Erasmus-Büro („Sportello Erasmus“) empfangen und erhält neben dem Studienbuch auch eine Art Curriculum sowie ein Infoheft über die Stadt und die Universität. Bei Fragen helfen die netten Hiwis im Büro weiter.

Im Curriculum steht viel über die Formulare, die man benötigt, Formalitäten und einzuhaltende Fristen. In der Praxis wird das aber alles sehr viel flexibler gehandhabt und eine Unterschrift auch mal unbürokratisch auf dem kurzen Dienstweg beschafft. Allgemein werden Pläne und Vorschriften eher als dehnbare Leitlinien betrachtet, was manchmal nützlich und manchmal ärgerlich ist. Was man unbedingt braucht, ist der „codice fiscale“, eine Steuernummer, ohne die man keine Mensakarte erhält. Im Übrigen hält sich der bürokratische Aufwand für EU-Bürger in Grenzen.

Ist die Bürokratie erledigt, beginnt im Oktober das Studienjahr. Vorlesungen finden allgemein aber erst ab Januar statt, Vorlesungsende ist bereits im Juni, dann beginnt die Lern- und Prüfungsphase. Für Erasmus-Studenten organisiert die Universität von Oktober bis Januar Sprachkurse sowie einen Einführungskurs im italienischen Recht. Danach sollte man sich die Kurse, die man ab Januar besucht, zusammenstellen. Da das Vorlesungsverzeichnis regelmäßig erst sehr spät erscheint, ist es praktisch unmöglich, vor oder kurz nach der Ankunft bereits das vom Akademischen Auslandsamt geforderte „Learning Agreement“ zu erhalten und einzureichen. Da ist Ärger mit den deutschen Behörden vorprogrammiert.

Mittlerweile gibt es auf dem Campus der Sapienza ein WLAN, welches man auch als Erasmus-Student nutzen kann. Empfehlenswert ist es, die Mensa regelmäßig aufzusuchen. Dort erhält man für ca. 1,90 Euro ein mehrgängiges Menü. Ebenso sind die auf dem Campus befindlichen Kaffeebars zum einen eine günstige Möglichkeit, an ein gutes italienisches Frühstück zu kommen, zum anderen auch als sozialer Treffpunkt nicht zu unterschätzen.

Des Weiteren existiert an der Universität, genauer in den Räumen der „Economia“, der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, ein Ableger des Erasmus Student Network (ESN), das für die ausländischen Studenten regelmäßig Parties, Kinobesuche, Cocktailabende und Ausflüge organisiert. Tritt man bei, kann man zudem auch von den vergünstigten Cocktails in der „Cuccagna-Bar“ an der Piazza Navona profitieren.

Studieren in der ewigen Stadt

Das Studium an der Juristenfakultät der Sapienza ist ähnlich wie in Deutschland organisiert, nur dass es in Studienjahre gegliedert ist. Man belegt seine Vorlesungen (Lezioni) und besucht sie nach Möglichkeit regelmäßig. Meiner Erfahrung nach werden häufig Anwesenheitslisten geführt, was auch von Vorteil sein kann, sofern man den Besuch von Vorlesungen zum Erhalt des Erasmus-Stipendiums nachweisen muss. Prüfungen finden in der Regel mündlich statt. Die meisten Professoren sind zu den Erasmus-Studenten freundlich und organisieren auch mal besondere Prüfungen nur für Ausländer, andere sind dagegen nicht bereit, Abstriche zu machen und lassen auch den einen oder anderen Kandidaten durchfallen. Auch an der Nachbarfakultät „Scienze Politiche“ (Politikwissenschaften) kann manVorlesungen besuchen und Prüfungen machen, meist auf nicht ganz so hohem Niveau, wie in der „Giurisprudenza“.

Welche Prüfungen man als Austauschstudent absolvieren muss, hängt von der Heimatuniversität und der Art des Austauschprogramms ab. Ich habe viele Studenten kennen gelernt, deren Herkunfts-Universitäten die Leistung von 60 ECTS-Punkten verlangt haben, was nach meinen Erfahrungen nicht zu schaffen ist, jedenfalls nicht, wenn man noch etwas anderes tun möchte, als nur zu lernen. 60 ECTS-Punkte entsprechen in Rom je nach Kursumfang ca. acht Prüfungen. Andere Studenten mussten überhaupt keine Prüfungen machen, sondern lediglich die Immatrikulation nachweisen. In Leipzig hat das Akademische Auslandsamt lediglich Anwesenheitsnachweise im Umfang von 18 Semesterwochenstunden verlangt, für das Landesjustizprüfungsamt musste ich zudem zwei Prüfungen machen, um die Anerkennung von Italienisch als Fachsprache und den Freiversuch für das Examen zu erhalten. Zwei weitere Prüfungen habe ich mehr oder minder aus Interesse belegt, insgesamt absolvierte ich also vier (entspricht 27 ECTS-Punkten). Ich empfehle auf jeden Fall, diese Fragen rechtzeitig mit dem jeweiligen Akademischen Auslandsamt abzuklären.

La vita romana

Rom ist eine sehr teure Stadt, was einerseits damit zu tun hat, dass die lokalen Gastwirte und Einzelhändler im Wesentlichen darauf spezialisiert sind, Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen, andererseits aber auch daran liegt, dass die Kaufkraft des Euro in Italien am geringsten ist, während sie in Deutschland am höchsten ist. Der Unterschied erscheint daher insbesondere für Deutsche besonders hoch. So bekommt man z. B. in keiner römischen Kneipe (zumindest in der Innenstadt) ein 0,4 l-Bier für weniger als fünf Euro, mittlerweile sind sechs Euro eigentlich die Regel. Wer sich die Mühe macht und sucht, mit Einheimischen spricht und die Augen offen hält, der findet aber auch sehr günstige und gute Restaurants, die nur in aller Regel nicht in den touristisch interessanten Vierteln liegen.

Für ein (annehmbares) WG-Einzelzimmer („stanza singola“) bezahlt man dem offiziellen Infoheft der Universität zur Folge zwischen 400 und 600 Euro, was sich auch mit meinen tatsächlichen Erfahrungen deckt. Üblich ist es vor allem bei Italienern und Spaniern, eine „camera doppia“, ein Doppelzimmer gemeinsam mit einem anderen Studenten zu mieten. Dabei kann man „schon“ ab 250 Euro eine annehmbare Unterkunft finden.

Das Studentenwohnheim ist für ausländische Studenten in der Regel nicht zugänglich, man ist also auf den freien Markt angewiesen. Es empfiehlt sich nicht nur, die Annoncen an den schwarzen Brettern der Uni durchzusehen, sondern auch auf Websites wie www.affittistudenti. it oder www.solocamere.it nach Unterkünften Ausschau zu halten. Auch das Gratis- Magazin Porta Porthese bietet Wohnungsanzeigen in Hülle und Fülle.

Vergleichsweise kostengünstig ist hingegen die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs. So kostet eine 75 Minuten lang gültige Fahrkarte lediglich einen Euro. Empfehlenswert ist der Kauf von Monatsfahrkarten, die für Studenten nur mit 18 Euro zu Buche schlagen. Damit lassen sich alle öffentlichen Nahverkehrsmittel nutzen.

Reiche Kultur

Auch das römische Nachtleben hat für jeden Geschmack etwas zu bieten. Angesagtestes Viertel ist bei der römischen Jugend derzeit (entgegen allen anders lautenden Äußerungen in Marco Polo, DuMont und Co.) das – etwas alternativ angehauchte – Quartier San Lorenzo hinter dem Bahnhof Termini bzw. der Sapienza. Unbedingt ausprobieren: die Pizzeria Formula Uno, ein Klassiker nicht nur unter Erasmus-Studenten.

Schön ist es abends auch in Trastevere, wo man vor allem in lauen Sommernächten den Straßenkünstlern und Artisten auf der Piazza Santa Maria in Trastevere zuschauen kann. Auch hier isst man hervorragend Pizza, und zwar im San Calisto auf der gleichnamigen Piazza. Von dort kommt man auch leicht über die Ponte Sisto auf die andere Seite des Tibers, wo man sich „bei Bruno“ auf dem campo de’ fiori oder am Palazzo Farnese trifft.

Das Thema „Sehenswürdigkeiten“ würde natürlich den Rahmen dieses Berichts sprengen, hier sei auf die unüberschaubare Fülle an Reiseführern verwiesen. Zu empfehlen ist etwa der Lucentini, den man sich am besten gleich auf Italienisch kaufen sollte. Selbst in einem Jahr wird man es kaum schaffen, sich alle Sehenswürdigkeiten Roms und seiner Umgebung anzuschauen. Aber in der ewigen Stadt ist man bekanntlich nie zum letzten Mal, jedenfalls sofern man nicht vergisst, am Schluss des Aufenthalts eine Münze im Trevi-Brunnen zu versenken.

Wenn man schon mal in Rom ist, sollte man auch die Umgebung erkunden. Zu empfehlen sind, um nur einige Orte zu nennen, Ostia Antica (wegen der Kultur), Lido di Ostia (wegen des Strandes), Castelgandolfo (wegen der päpstlichen Sommerresidenz mit schönem Badesee) und natürlich Neapel (wegen desVesuv, der Insel Capri und Pompei). Der öffentliche Transport ist im Vergleich zu Deutschland zwar sehr unzuverlässig (man glaubt es kaum, aber nach einem einjährigen Rom-Aufenthalt fällt einem eine zwanzigminütige Verspätung der Deutschen Bahn gar nicht mehr auf), dafür aber auch sehr günstig. Nach Neapel kommt man von Rom aus bereits für ca. 10 Euro. Das ESN (siehe oben) bietet viele Fahrten in alle größeren Städte Italiens an.

Ein Jahr, das sich lohnt

Aus Rom nimmt man nach einem Jahr eine Menge Erkenntnisse sowie ein verändertes Bild von Italien und auch einen anderen Blick auf das eigene Land mit. Zu den wesentlichen Erkenntnissen gehört, dass das Leben in Italien anders funktioniert als in Deutschland – manchmal chaotischer, manchmal lauter und grundsätzlich etwas langsamer, aber keineswegs schlechter. Man kann, sofern man die notwendige eigene Offenheit mitbringt, eine Menge Freundschaften knüpfen, wenn auch einem bekannten Vorurteil entsprechend kaum mit Italienern, sondern vor allem mit anderen Erasmus- und sonstigen Austauschstudenten aus der ganzen Welt. Dieses Jahr in der Stadt, die einmal Zentrum desAbendlandes war, „bildet“ im wahrstenWortsinn und überwältigt mit ihren Eindrücken. Ich kenne niemanden, der nicht betrübt darüber war, diese Stadt am Ende des Auslandsjahrs wieder verlassen zu müssen.

Allerdings sollte man auch keine falschen Erwartungen an das Jahr stellen; was man aus Rom mitnimmt, hängt vor allem anderen da- von ab, wie man das große Angebot nutzt. So kann man an der Uni viel lernen, wenn man sich entsprechend organisiert und interessiert ist. Der Schwerpunkt lässt sich aber auch auf Kultur bzw. die sprichwörtliche dolce vita verlegen. Am besten versucht man, beides in Einklang zu bringen. Das Gerücht, ein Erasmus- Aufenthalt sei ausschließlich Urlaub, trifft auch nicht zu, denn mittlerweile achten die Auslandsämter der Universitäten darauf, dass die Austauschstudenten auch wirklich studieren, wenn sie die Förderung erhalten möchten. Wer aus rein karrieristischen Motiven geht, also bloß um seinen Lebenslauf aufzupolieren, der hält das Jahr, wie die Erfahrung zeigt, nicht durch. Für Rom braucht es auch eine gehörige Portion an Leidenschaft.

Unabdingbar sind darüber hinaus Offenheit, Flexibilität, Kommunikations- und Improvisationsfähigkeit, auch wenn das der deutschen Seele manchmal schwer fällt. Wer diese Eigenschaften mitbringt und sich für das überwältigende Angebot öffnet, das Rom ihm macht, wird aber ein unvergessliches Jahr voller großartiger Erfahrungen erleben, die ihn im Leben wirklich weiterbringen.

Wer mehr Informationen sucht, kann entweder mein Rom-Tagebuch besuchen (www.koreng.eu), mich per E-Mail kontaktieren (akoreng@gmail.com) oder einfach selbst ein Jahr in der ewigen Stadt verbringen.

Wiss. Mitarbeiter Ansgar Koreng, Leipzig


JuS-Magazin 3/2009, S. 12