Südafrika: Der LL.M.-Studiengang an der University of Stellenbosch


1. Im harten Konkurrenzkampf der Absolventen im Fach Jura sind Zusatzqualifikationen, neben den meist obligatorischen Prädikatsexamina, eine hervorragende Möglichkeit, sich von der Masse der Bewerber abzuheben. Hierzu bietet sich der „Master of Law“ (LL.M.) als Alternative oder Ergänzung zum Doktor Juris geradezu an. Neben dem Erwerb von praktischen Kenntnissen auf dem Gebiet des internationalen Rechts, sowie der Vertiefung von Fremd- bzw. Fachsprachenkenntnissen, bietet das LL.M.-Studium dem interessierten Studenten die Möglichkeit, unbezahlbare Erfahrungen in einem fremden Rechtskreis und einer anderen Umgebung zu machen, was wiederum auf der Seite der sog. soft skills von vielen Personalchefs positiv verbucht wird.
Der richtige Zeitpunkt für ein LL.M.-Studium im Ausland richtet sich hierbei nach den individuellen Voraussetzungen: Ein LL.M.-Studium kann zur Überbrückung von Wartezeiten zwischen erstem Staatsexamen und Referendariat nützlich sein, es kann eine willkommene Gelegenheit zur Verbesserung der Chancen auf dem Arbeitsmarkt nach dem zweiten Staatsexamen bieten oder es kann auch während des Berufsalltags sinnvoll sein, etwa um von bereits erworbenen Erfahrungen und Kenntnissen zu profitieren und diese weiter auszubauen. Gründe für ein Zusatzstudium in der Form eines LL.M.-Studiums gibt es also reichlich. Der folgende Beitrag soll von den Möglichkeiten des LL.M.-Studiums an der University of Stellenbosch in Südafrika berichten.


2. Stellenbosch, 1679 von Gouverneur Simon van der Stel gegründet, ist die zweitälteste europäische Siedlung am Kap und liegt ein wenig landeinwärts, inmitten der Weinregion Südafrikas (den sog. Winelands), etwa eine dreiviertel Stunde mit dem Auto nordöstlich von Kapstadt. Die vorwiegend noch vom kapholländischen Stil geprägte Stadt und ihre meist „burischen“ Einwohner sind von den Problemen des neuen Südafrikas und der Gewalt und Kriminalität, wie sie etwa in der Metropole Johannesburg vorherrschen, weitestgehend verschont geblieben, was es den europäischen Besuchern beträchtlich erleichtert, sich an die afrikanischen Verhältnisse anzupassen und ein Gefühl der Sicherheit in einem fremden Land vermittelt.
Der Campus der 1866 gegründeten Universität von Stellenbosch bildet das Zentrum der Stadt, wobei sich die meisten Fakultäten in der Nähe der Zentralbibliothek befinden. Dem entsprechend ist das Stadtbild auch sehr von der Vielzahl von Studenten und ihren zahlreichen Aktivitäten auf und rund um den Campus geprägt. Ein Vergleich mit „Studentenstädten“ wie Heidelberg oder Tübingen drängt sich da dem Besucher unweigerlich auf.
Bereits kurz nach der Ankunft am Flughafen fühlt man sich gut aufgehoben, wobei sich das stets hilfsbereite und außerordentlich kompetente International Office, das Auslandssekretariat der Universität, praktisch um alles kümmert, vom Transfer vom Flughafen nach Stellenbosch, über Unterkunft auf dem Campus bis zu ausführlichen Einführungsveranstaltungen, Informationsrunden oder Stadt- und Campusführungen. Das mehrsprachige Team des International Office bietet einen 24-stündigen Service, der auch die Organisation der Freizeit in den unzähligen Sportclubs und sonstigen kulturell orientierten Societies umfasst und in Deutschland seinesgleichen sucht.


3. Die juristische Fakultät der Universität wurde 1921 gegründet und befindet sich im „Ou Hofgebou“, dem ältesten Gebäude der Universität. 1976 wurde der erste LL.M.-Grad verliehen, wobei damals das Programm nur als Jahresarbeit („by thesis“) angeboten wurde. Seit 1994 kann der LL.M. auch in Kursen („by course work“) erlangt werden. Das einjährige Studium ist in zwei Semester unterteilt (Februar bis Juni, Juli bis Dezember), und die Aufnahme ist zu Beginn jeden Semesters möglich. Die Bewerbungsfrist für die Aufnahme im Februar läuft bis zum 30. September des Vorjahrs, die für August bis 30. April – in besonderen Fällen können auch Nachfristen gewährt werden. Bewerbungen sind an den „Faculty Officer“ zu richten (die LL.M.-Koordinatorin Carin Visser reicht diese jedoch ebenfalls weiter und hilft immer freundlich und geduldig). Zu beachten ist hierbei, dass diverse Unterlagen und Formulare auszufüllen sind und ein Visum bei der südafrikanischen Botschaft zu beantragen ist, was sehr zeitraubend werden kann. Es empfiehlt sich daher, sich frühzeitig (mindestens ein Jahr im Voraus) um alles zu kümmern. Bei Problemen hilft jedoch wiederum das International Office weiter.
Das Kursangebot für den LL.M. by course work umfasst eine Vielzahl interessanter und anspruchsvoller Kurse, welche durch eine Kooperation mit der „University of Cape Town“ und der „University of Western Cape“ erweitert werden kann. Hierbei werden drei Alternativen zur Kurskombination angeboten: Der „general LL.M. by course work“, der „LL.M. in International Trade Law“ sowie der „LL.M. in Human Rights“. Im Rahmen des „general LL.M. by course work“ ist es dem Studenten freigestellt, seine Kurse selbst zu wählen. Der „LL.M. in International Trade Law“ umfasst die Kurse UN-Kaufrecht, Seehandelsrecht, Dokumentenakkreditive, Internationale Schiedsgerichtsbarkeit und Steuerrechtliche Aspekte des internationalen Handels. Zum Pflichtprogramm des „LL.M. in Human Rights“ zählen Fächer wie Arbeitsrecht, Familienrecht und vergleichende Menschenrechte etc. Neben dem regelmäßigen Besuch der auf Englisch abgehaltenden Kurse – die für den deutschen Studenten ungewohnt in Gruppen von max. ca. 20 Studenten abgehalten werden – müssen weitere Leistungsnachweise durch Klausur-Examina, mündliche Referate, kleinere Hausarbeiten und Essays erbracht werden. Zusätzlich zu der gewählten Fächerkombination ist eine 10.-15.000 Wörter umfassende Seminararbeit anzufertigen.


4. Als Studienland erfreut sich Südafrika wachsender Beliebtheit, was sich in der Zahl der alljährlichen internationalen Absolventen des LL.M.-Programms niederschlägt. Die juristische Fakultät der „University of Stellenbosch“ zählt zu den angesehensten Institutionen des südlichen Afrikas, und jedes Jahr halten namhafte Gastdozenten wie Prof. Dr. von Münch, Prof. Dr. Zimmermann oder Prof. Dr. Herberts Vorlesungen für die LL.M.-Studenten. Das „Department of Trade Law“ hat zusammen mit der „University of Namibia“ und dem Schweizer Sekretariat für Wirtschaft die Gründung eines „Trade Law Centers“ vereinbart, und die Kurse im Steuerrecht werden mit der Unterstützung international erfahrener Unternehmensberatungen wie PriceWaterhouseCoopers oder Arthur Anderson durchgeführt. Viele der Dozenten wie z. B. Prof. Butler, Prof. Hugo oder Prof. Lubbe sind durch ihre Arbeit national und international bekannt und sorgen für sehr hohe Ansprüche.


5. Alles in allem stellt der LL.M. an der „University of Stellenbosch“ eine hervorragende Alternative zu den entsprechenden Abschlüssen an Universitäten in den USA oder in Großbritannien dar. Neben kulturellen und landschaftlichen Eindrücken wird in Stellenbosch eine hochwertige und auch preiswerte Ausbildung geboten, die allerdings auch ein gehöriges Maß an Eigeninitiative und Arbeitswillen abverlangt. In jedem Fall ist dort eine unvergessliche Studienzeit garantiert, von der auch in späteren Jahren noch persönlich und fachlich profitiert werden kann.


Christian Wiesener


JuS 8/2001