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Gefahr durch Lkw-Boom Versicherungswirtschaft fordert Verbesserung der aktiven und passiven Fahrzeugsicherheit - Weniger Unfälle sind möglich

Todbringende Laster: Wenn Trucks in Crashs verwickelt sind, kommt es zu verheerenden Unfallfolgen für alle beteiligten Verkehrsteilnehmer und das immer öfter.

Während die Anzahl aller Verkehrsunfälle mit Personenschaden in den letzten acht Jahren nahezu konstant blieb (+ 0,3 Prozent), nahm die Zahl derer mit Lkw-Beteiligung um satte 17,4 Prozent zu. Insgesamt reduzierte sich zwar die Zahl der bei Lkw-Unfällen getöteten Verkehrsteilnehmer um knapp 12 Prozent, doch was auf den ersten Blick positiv erscheint, relativiert sich beim Vergleich mit allen Unfallarten. Dort ging die Getötetenrate immerhin um rund 27 Prozent zurück.

Doch auch die Kapitäne der Landstraße selbst sind einem hohen Risiko ausgesetzt. Während die Zahl der getöteten Pkw-Insassen von 1992-1999 um fast 30 Prozent und die der getöteten Fußgänger gar um über 44 Prozent zurückging, kamen im gleichen Zeitraum 21 Prozent mehr Lkw-Insassen bei Unfällen ums Leben. Das liegt unter anderem an der rasanten Zunahme der Verkehrsleistung des Straßengüterverkehrs in Deutschland vor allem durch ausländische Lkw, die heutzutage schon rund ein Viertel der gesamten Verkehrsleistung auf den Straßen erbringen, aber auch an der oft mangelhaften Sicherheit rund um den Lkw.

Um das Unfallrisiko von Lkw einzudämmen, fordern die Unfallforscher im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) deshalb umfangreiche Verbesserungen der aktiven und passiven Fahrzeugsicherheit von Lkw. So können nach Ansicht der Versicherungswirtschaft elektronische Bremssysteme, Abstandsregler, ESP, reflektierende Konturmarkierungen, optimierte Spiegelsysteme und Rückfahrkameras schon im Vorfeld viele Crashs vermeiden. Die passive Sicherheit kann durch steifere Strukturen des Fahrerhauses, durch die Erhöhung der Angurtquote sowie durch verbesserte Unterfahrschutzsysteme an Front, Seite und Heck deutlich erhöht werden.

Alleine durch die Umsetzung der Maßnahmen zur aktiven Lkw-Sicherheit könnten jährlich etwa 1500 schwere Unfälle vermieden oder zumindest abgeschwächt und rund 240 Getötete gerettet werden. Bei unvermeidlichen Crashs kann die verbesserte passive Sicherheit von Lkw zur weiteren Minderung der Unfallfolgen beitragen.

In einer Studie hatten Unfallforscher des Institutes für Fahrzeugsicherheit in München alle 850 Lkw-Unfälle, die 1997 in Bayern registriert wurden, ausgewertet. Der Freistaat kann in diesem Punkt als repräsentativ für die gesamte Bundesrepublik angesehen werden. Ein Schwerpunkt der Untersuchung war die Prüfung, welche Unfälle mit heutigen oder in der Entwicklung stehenden aktiven Sicherheitssystemen vermieden werden könnten.

Problem 1: Abstand

Viele Unfälle passieren nur deshalb, weil der erforderliche Sicherheitsabstand nicht eingehalten wurde. Elektronische Bremssysteme und Abstandsregler können immerhin jeden zehnten Trucker-Crash positiv beeinflussen.

Problem 2: Schleudern und Umkippen

Nicht nur überhöhte Geschwindigkeit oder regennasse Fahrbahnen können Ursachen für Unfälle durch Schleudern sein. Zwar lässt sich die Physik mit technischen Mitteln nicht aushebeln, viele Gefahrensituationen ließen sich aber mit elektronischen Stabilisierungssystemen wie z. B. ESP mit Kippstabilisation deutlich entschärfen.

Problem 3: Wahrnehmung des Lkw

Kaum zu glauben, aber wahr: Lkw werden häufig übersehen. Vor allem nachts und von der Seite tarnen die "Könige der Landstraße" ihre wahren Dimensionen in gefährlicher Weise. Kommen Nieselregen und verschmutzte Markierungsleuchten dazu, kann es zu tödlichen Begegnungen zwischen Pkw und Lkw kommen. Reflektierende Konturmarkierungen der Lkw sowie der Sattelauflieger wie vom GDV schon vor Jahren gefordert und seit 1. 4. 2000 erlaubt können helfen, rund 5 Prozent aller schweren Unfälle mit Lkw zu vermeiden.

Problem 4: Unfälle mit Fußgängern, Radfahrern, Motorradfahrern

David gegen Goliath. Beim Lkw-Unfall hat David fast nie eine Chance. Toter Winkel, ungenügender seitlicher Sicherheitsabstand oder Rückwärtsfahren ohne Sicherheitsposten führen zu schweren, oft tödlichen Unfällen mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern (Fußgänger, Radfahrer, Motorradfahrer). Doch sind elektronische Abbiegeassistenten mit seitlichen Abstandswarnern in der Entwicklung. Rückfahrkameras gibt es heute schon. Beide Systeme würden diese Gefahren deutlich reduzieren.

Problem 5: Lkw-Pkw-Frontalkollision

Bei Frontalcrashs fährt der Pkw oft ungeschützt unter das Lkw-Fahrerhaus. Der Laster nimmt kaum Energie auf, der Airbag kann nicht optimal wirken. Frontunterfahrschutzsysteme sind zwar schon entwickelt, aber erst ab 2003 verpflichtend vorgeschrieben. Allein mit dieser Maßnahme, die der GDV vehement fordert könnte jedem dritten Schwerverletzten oder Getöteten sein Schicksal erspart bleiben.

Problem 6: Auffahrunfall

Was für den Frontalaufprall gilt, kann auch auf das Heck übertragen werden: Ein wirksamer Heckunterfahrschutz verringert die Anzahl schwerer Unfälle deutlich. Bisherige Systeme taugen als wirksame Unfallverhütungsmaßnahme nicht.

Problem 7: Lkw-Insassenschutz

Zu wenig Wert wurde bislang auf die Struktursteifigkeit von Fahrerhäusern von Frontlenkerfahrzeugen gelegt. Ein ganz großes Manko: Nur wenige Lkw-Fahrer gurten sich an. Schwingsitze mit integriertem Gurtsystem könnten die Akzeptanz bei den Truckern steigern. Zusätzliche Aufklärung durch Fahrschulen oder die Transportwirtschaftsverbände muss das Schutzpotential von Sicherheitsgurten deutlich machen. Und schließlich müssen die Polizeikontrollen verstärkt werden.

(Quelle: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV -, Berlin)


NZV 2/2001

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