Thomas Hoeren

Talhoff, Die Nutzung verwaister und vergriffener Werke im Urheberrecht


Oliver Talhoff, Die Nutzung verwaister und vergriffener Werke im Urheberrecht, Baden-Baden (Nomos) 2016, ISBN 978-3-8487-3426-9, € 98,-

MMR-Aktuell 2017, 392359    Viel ist schon über die schwierige Rechtslage bei verwaisten und vergriffenen Werken im Urheberrecht geschrieben worden. Auch bedingt durch die dazu ergangene EU-Richtlinie und die Umsetzung in Deutschland sind eine Reihe von Rechtsfragen rund um die Rechtslage bei nicht mehr auffindbarer Literatur schwierig geworden. Der Verfasser der vorliegenden Doktorarbeit nimmt sich nun umfassend dieser Thematik an und greift gleich beide Themen (verwaiste und vergriffene Werke) auf. Er beginnt seine Arbeit mit einer Analyse, wie oft das Phänomen verwaister und vergriffener Werke tatsächlich auftaucht, indem er hierzu verschiedene empirische Studien insb. für den Bereich Bücher und Printmedien nutzt (S. 49 ff.). Eher kurz gehalten sind die Ausführungen zum Problem der vergriffenen Werke (S. 69 ff.). Dann beschreibt er die Nutzungsformen verwaister Werke, insb. im Hinblick auf digitale Bibliotheken und weiteren Gedächtnisinstitutionen. Diesen konstatiert der Verfasser, dass über den bloßen Bestandsaufbau hinaus zahlreiche Formen der Bestandserhaltung wichtig seien. Da die derzeitigen freien Räume im UrhG für die Bestandserhaltung sehr restriktiv seien, sei es hier geboten, weitere urheberrechtliche Freiräume zu eröffnen (S. 122 ff.). Solchen öffentlichen Kultureinrichtungen gegenüber sieht der Verfasser die Nutzung durch private und kommerzielle Unternehmen und im privaten Interesse (S. 153 ff. und S. 161 ff.). Dann skizziert der Verfasser den neuen rechtlichen Rahmen der Regelungen solcher Werke (insb. S. 179 ff.), wobei das besondere Augenmerk auf der EU-Richtlinie und der Umsetzung ins deutsche Recht liegt (S. 219 ff.). Allerdings sieht der Verfasser diese Richtlinienregelungen als halbherzig an und kritisiert vor allem, dass nach Erwägungsgrund 25 der Richtlinie nationale Systeme erweiterter kollektiver Lizenzen und Wahrnehmungsvermutungen ausdrücklich zugelassen seien (S. 249 ff.). Er versucht dann, eigene alternative Lösungsansätze zu entwickeln (S. 300 ff.). Er schlägt eine bewusst weite Regelung vor, die alle Werkarten und alle Nutzungsmöglichkeiten mit einbezieht. Die Anforderungen an eine sorgfältige Suche sollten herabgesetzt werden, um die abschreckende Wirkung auf potenzielle Nutzer abzumildern. Es müsse das Bemühen im Vordergrund stehen, einen gemeinsamen europäischen Kulturraum zu schaffen. Gegen den Willen des Urhebers sei eine Verwendung vergriffener Werke nicht zulässig; insofern sei dem Urheber aber schon durch das Rückrufrecht wegen Nichtausübung geholfen. I.Ü. stehe dem Urheber auch gegenüber öffentlich finanzierten Einrichtungen in irgendeiner Weise ein Vergütungsanspruch für die Nutzung verwaister Werke zu (S. 351 ff.).

Die Arbeit ist sorgfältig und abgewogen strukturiert und vermittelt einen eigenständigen Denkansatz für die Lösung des Problems der verwaisten und vergriffenen Werke. Beide Fragen in einer Arbeit zu lösen, mag unter Umständen eine Überforderung darstellen. Am Rande fällt auf, dass der Verfasser eine Reihe einschlägiger Vorarbeiten zu dem Thema nicht zitiert hat, z.B. sei auf die Doktorarbeit von Lydia Tilch über verwaiste Werke hingewiesen. Ansonsten vermittelt die Arbeit von Talhoff einen schon überdurchschnittlichen Eindruck, der auch die Anschaffung und Lektüre für spezialisierte Forscher in dem Bereich lohnt.

 

Prof. Dr. Thomas Hoeren ist Direktor der zivilrechtlichen Abteilung des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Mitherausgeber der MMR.