NJW Editorial  

Heft 50/2016


Besinnung auf den ehrbaren Kaufmann  

Die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex setzt ein Ausrufezeichen: Vorstand und Aufsichtsrat sollen bei der Unternehmensführung – über die zwingende Beachtung des Legalitätsprinzips hinaus – ihr Verhalten auch an den ethischen Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft ausrichten, mithin stets auch die Legitimität ihrer Entscheidungen im Blick haben. So sehr dieser Vorschlag zu begrüßen ist, so sehr ist es doch zugleich ein Armutszeugnis, wenn unseren Spitzenmanagern eine solch fundamentale Handlungsmaxime erst wieder in Erinnerung gerufen werden muss. Ähnliche Appelle waren allerdings in der Vergangenheit vielfach unerhört geblieben: Boni für skandalöse Bankgeschäfte, exzessive Vorstandsvergütungen und -abfindungen auch für wenig glanzvolle Leistungen, Diesel-Betrügereien ohne Eingeständnis von Schuld, Cum-ex- Geschäfte unter Ausnutzung einer vermeintlichen Gesetzeslücke, Korruption, soziale Ausbeutung und schlimmste Umweltverbrechen nicht nur in der Dritten Welt – die Liste nicht-ethischer Handlungen ließe sich leicht verlängern. Nur in seltenen Ausnahmefällen wurden die hierfür Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen.

Die vielfältigen Anstrengungen, die in den letzten Jahren zur Verbesserung der Corporate Governance unternommen wurden, sind indes nicht ohne Wirkung geblieben. In zahlreichen Aufsichtsräten und Vorstandsetagen ist das Signal angekommen: Asoziales Verhalten von Unternehmensführern, durch das die vorhandenen Gräben sowohl zur eigenen Arbeitnehmerschaft als auch zur Gesellschaft allgemein weiter vertieft werden, ist nicht hinnehmbar. Es kann eine gefährliche Belastung für die Unternehmen werden, wenn es staatliche Reaktionen in Form von Sanktionen und schärferer Regulierung provoziert.

Indem die Kodexkommission die Besinnung auf den „Ehrbaren Kaufmann“ einfordert, liegt sie voll im Trend der Zeit: Die Gesellschaft, insbesondere die nachwachsende Generation, lehnt den Raubtierkapitalismus der Jahrtausendwende, der letztendlich zur milliardenteuren Finanzkrise geführt hat, entschieden ab und sehnt sich nach einer sozial gerechten, friedvollen und ökologisch gesunden Welt. Diese Sehnsucht sollte man nicht als Utopie oder Naivität abtun, sondern verantwortungsbewusst aufgreifen (und daher etwa auch nicht die Gesetzgebung zu Corporate Social Responsibility in Bausch und Bogen verdammen). Dies bedeutet: Unternehmen sollen und müssen gewinnorientiert arbeiten – Gewinnmaximierung um (fast) jeden Preis ist hingegen ein Unternehmensziel von vorgestern. 

 

Editorial

PDF öffnen  Prof. Dr. Walter Bayer, Jena