Ursachen und Erfolgsfaktoren von Restrukturierungsmaßnahmen (2005)


Trotz der sich jüngst abzeichnenden Konjunkturerholung wächst der internationale Wettbewerbs-, Produktivitäts- und Effizienzdruck auf deutsche Unternehmen. Kurz- und mittelfristig wird dies zu weiterem Restrukturierungsbedarf führen.

Sowohl bei der Früherkennung von Krisen als auch in der Umsetzungsphase von Verbesserungsmaßnahmen im Unternehmen sind Controlling und Rechnungswesen gefordert. Eine Untersuchung, welche die Roland Berger Strategy Consultants im November 2005 veröffentlicht hat, bietet hierzu einen Vergleich zwischen europäischen und deutschen Unternehmen. Das Controlling kann daraus handfeste Hinweise ziehen, wann Restrukturierungsprojekte eingeleitet werden sollten und welche Maßnahmen dabei in Frage kommen.

Die aktuelle Studie baut auf der in Deutschland im November 2003 veröffentlichten Untersuchung auf, zu der die BC-Redaktion bereits eine Zusammenfassung vorgelegt hat, siehe hier.

 

Wann und wie schnell reagieren Unternehmen auf Krisen?

Laut der Untersuchung von Roland Berger Strategy Consultants (nähere Angaben zur Studie siehe Kasten unten) reagiert die Mehrzahl der Unternehmen (71%) in Europa und Deutschland erst bei einer bereits eingetretenen Ergebnis- bzw. Liquiditätskrise. Im Einzelnen:

  • frühzeitiges Reagieren bei Erkennen einer strategischen Krise (z.B. Auftreten neuer Wettbewerber, zunehmende Veralterung von Produkttechnologie): 29% in Europa (32% in Deutschland),
  • Reagieren bei Ergebniskrise (z.B. sinkender Jahresüberschuss, EBIT): 54% (51%),
  • Reagieren bei Liquiditätsschwierigkeiten: 17% (17%).

In Osteuropa reagieren 25% der Unternehmen erst dann, wenn Liquiditätskrisen auftreten.

Eine frühe und konsequente Reaktion auf erkannte Krisen ermöglicht eine erfolgreichere Umsetzung der Restrukturierung (u.a. wegen des noch größeren Handlungsspielraums); bei zu langem Zögern droht eine Bestandsgefährdung des Unternehmens. Der Zeitraum zwischen Krisenerkennung und Beginn der Restrukturierung beträgt in Europa im Durchschnitt 16 Monate (in Deutschland: 14 Monate) – 48% der Unternehmen reagieren bereits innerhalb von 12 Monaten. Die Reaktionszeiten im Einzelnen:

  • < 12 Monate: in Europa 52% (in Deutschland: 64%)
  • 12 bis 24 Monate: 37% (21%)
  • > 24 Monate: 11% (15%)

Die Krisenreaktionszeiten bezogen auf die jeweiligen Branchen fallen sehr unterschiedlich aus. So benötigt beispielsweise die Energiebranche dreimal so viel Zeit wie der Einzelhandel (möglicher Grund: umfangreichere Erfahrungen des Handels bei Restrukturierungen in der Vergangenheit). Im Einzelnen:

  • Einzelhandel: 5,3%
  • Konsumgüter: 6,7%
  • Tourismus/Verkehr: 8,3%
  • Anlagen-/Maschinenbau/Stahl: 8,8%
  • Bau: 11,3%
  • Elektronik: 12,0%
  • Automobilindustrie: 12,8%
  • Medien/IT/Internet/Telekommunikation: 13,3%
  • Pharma/Chemie/Öl: 14,2%
  • Energie/Versorgungsunternehmen: 15,1%

Die hohe Regulierungsdichte im Versorgungssektor dürfte eine Erklärung für mangelnde Flexibilität und Handlungsfreiheit sein.

Große Kapitalgesellschaften in Europa reagieren im Übrigen geringfügig schneller auf Krisen als mittelständische Unternehmen.

 

Welche Instrumente werden zur Krisenfrüherkennung eingesetzt?

Um strategische Warnsignale, Ergebnis- und Liquiditätsverschlechterungen frühzeitig erkennen zu können, haben Unternehmen folgende Instrumente bereits vollständig implementiert:

  • Management-Informations-System (MIS): 65% in Europa (57% in Deutschland),
  • monatliche Review-Meetings mit beteiligten Unternehmensbereichen: 60% (46%),
  • rollierende Liquiditätsvorschau: 44% (54%),
  • Kennzahlenkatalog/Balanced Scorecard: 30% (27%),
  • Risikomanagement: 24% (35%).

Während 62% der Unternehmen in Westeuropa ein Früherkennungssystem umgesetzt haben, sind dies in Osteuropa lediglich 33%. Auch Deutschland liegt bei der Implementierung von Frühwarnsystemen noch unter dem europäischen Durchschnitt.

 

Vertiefungshinweis:

Unternehmen, die Früherkennungsinstrumente (z.B. rollierende Liquiditätsvorschau, Balanced Scorecard) eingeführt haben, weisen eine deutlich kürzere Reaktionszeit bei Krisen auf.

Wie ein Früherkennungssystem im Einzelnen ausgestaltet und in der Praxis umgesetzt wird, zeigen insbesondere folgende BC-Beiträge:

  • Buchner/Weigand, Früherkennung in der Unternehmenssteuerung (BC 6/2002, S. 129 ff., und BC 8/2002, S. 178 ff.)
  • Ertl, Liquiditätsplanung – Grundlage eines Finanzierungs- und Liquiditäts-Risikomanagements (BC 1/2003, S. 17 ff.)

 

Welche Maßnahmen werden zur Krisenbewältigung ergriffen?

Bei nahezu allen Restrukturierungen wird Personal abgebaut; sie stellt in Europa und Deutschland die häufigste Maßnahme dar. Im Einzelnen:

  • Overhead-Reduzierung: 90% in Europa (96 % in Deutschland),
  • Reduzierung Personalaufwand/Mitarbeiter-Abbau: 87% (99 %),
  • Senkung Sachkosten: 86% (96 %),
  • Umsatzsteigerung: 82% (82%),
  • Senkung Working Capital: 80% (für Deutschland keine Angaben).

Aus den geplanten Umsatzsteigerungen erwarten 46% der europäischen Unternehmen einen Ergebniseffekt, während es in Deutschland lediglich 30% sind. In Deutschland überwiegen somit Kostensenkungsmaßnahmen zur Verbesserung des Unternehmensergebnisses.

Zum Abbau von Personal werden in Europa primär Aufhebungsverträge geschlossen. Die Instrumente zur Reduzierung des Personalaufwandes im Einzelnen:

  • betriebsbedingte Kündigungen: in Europa 60% (in Deutschland: 74%)
  • Altersteilzeit: 58% (78%)
  • Fluktuation: 57% (90%)
  • Aufhebungsverträge: 53% (94%)
  • Gehaltskürzung/Lohnverzicht: 30% (47%)

Der wesentlich höhere Anteil an Aufhebungsverträgen beim Personalabbau in Deutschland lässt auf eine größere Bedeutung der Konsensgesellschaft und eine allgemein stärkere Position der Gewerkschaften schließen.

 

Angaben zur Roland Berger-Studie

Befragung: schriftliche Befragung von 2 575 Unternehmen in 12 europäischen Ländern:

  • 675 in Deutschland
  • 750 in Westeuropa
  • 1 150 in Zentral- und Osteuropa

Rücklaufquote: 13%. In die Auswertung eingegangen sind Unternehmen, die in den vergangenen 3 Jahren ein Restrukturierungsprojekt durchgeführt haben.

Branchenverteilung: 11% Pharma/Chemie/Öl, 10% Bau, 10% Medien/IT/Internet/Telekommunikation, 10% Anlagen-/Maschinenbau/Stahl, 8% Versorgungsunternehmen/Energie, 7% Automobilindustrie etc.

Zeitraum der Befragung: Durchführung der Studie Ende 2004 und 2005, Präsentation der Ergebnisse im November 2005.

Unternehmensstruktur: Fast 50% der Befragten haben einen Jahresumsatz von ≤ 500 Mio. Euro; ca. 35% der Unternehmen beschäftigen weniger als ca. 500 Mitarbeiter sowie rund 40% weniger als 1000 Mitarbeiter.

Titel der Studie: „Restrukturierung in Europa 2005“.

Kontakt:

Roland Berger Strategy Consultants

Michael Blatz (Partner)

Alt Moabit 101b

10559 Berlin

Tel.: 030/39927-347

E-Mail:

Internet: www.rolandberger.de


 

Handfeste Umsetzungshilfen zum Krisen- und Sanierungsmanagement

Zur frühzeitigen Erkennung und Bewältigung von Unternehmenskrisen haben BC-Autoren konkrete Checklisten und Praxishinweise zusammengestellt, die auf der BC-Homepage abgerufen werden können:

 

Die Autorin

Miriam Ebert, Rechtsanwältin, Mitarbeiterin der BC-Redaktion, Verlag C. H. Beck, München.

BC 1/2006