Eigenkapital sicherer als Fremdkapital? Verkehrte Welt bei der Bankensanierung


 

„Grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum“ wusste schon Johann Wolfgang von Goethe im ersten Teil des „Faust“ zu berichten. Ein anderer passender Spruch besagt, in der Theorie gebe es keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, in der Praxis aber schon.

Aphorismen wie diese fallen einem ein, wenn man sich die aktuelle Rettung der britischen Co-operative Bank näher anschaut. Fundamentale Haftungsprinzipien werden hierbei außer Kraft gesetzt. Als Folge hieraus sind Eigenkapitalgeber besser geschützt und tragen weniger unternehmerisches Risiko als Fremdkapitalgeber. Der Fall zeigt eindringlich, wie eherne Grundsätze in Zeiten der Krise unversehens über Bord geworfen werden.

 

 

Hintergrund

Die Co-operative Bank (Co-op-Bank) ist eine nicht gewinnorientierte Genossenschaftsbank. Durch Fehlinvestition in ein anderes Finanzinstitut ist die Co-op-Bank in Schieflage geraten und muss ihr Eigenkapital nun um rund 1,5 Mrd. GBP erhöhen. Ein wesentlicher Teil dieser Erhöhung soll durch den Umtausch von nachrangigen Anleihen (Junior Bonds) in Eigenkapital erfolgen. Man spricht hierbei von einem Debt to Equity Swap. Anleiheinhaber verlieren dabei ihre festen Zinszahlungs- und Tilgungsansprüche. Im Gegenzug erhalten sie neue Anteile an einer nicht gewinnorientierten Bank. Die Dividendenrendite wird wohl deutlich niedriger ausfallen als die Fremdkapitalzinsen. Die jetzigen Eigenkapitalgeber werden von der Sanierung kaum betroffen werden (der etwaigen Verwässerung ihrer Anteile steht die Erhöhung des Eigenkapitals gegenüber).

 

 

Der Insolvenzfall – Finanzinstitut versus „normales“ Unternehmen

Gerät ein Unternehmen in die Insolvenz, werden zunächst die Insolvenzgläubiger aus der Insolvenzmasse befriedigt. Lediglich das nach Befriedigung der Gläubiger verbleibende Vermögen wird unter den Eigenkapitalgebern verteilt. Die Eigenkapitalgeber werden also nachrangig behandelt und tragen somit ein höheres Risiko als die Fremdkapitalgeber. Daher haben sie generell auch höhere Renditeerwartungen als Fremdkapitalgeber, woraus der Grundsatz folgt: Eigenkapital für ein Unternehmen ist teurer als Fremdkapital.

Anders verhält es sich bei einem Finanzinstitut. Bevor hier der Insolvenzfall eintritt, werden zunächst die regulatorischen Kernkapitalquoten unterschritten. Sobald dies der Fall ist, werden die Finanzinstitute von den Aufsichtsbehörden gezwungen, Gegenmaßnahmen einzuleiten. Die Bank hat nun zwei Möglichkeiten: Sie muss entweder das Eigenkapital erhöhen oder Fremdkapital abbauen. Im bisherigen Verlauf der Finanzkrise erfolgte die Sanierung häufig unter Verwendung von Steuergeldern. Entweder beteiligte sich der Staat direkt an den Instituten (Eigenkapitalerhöhung), oder es wurde eine sog. Bad Bank gegründet, die notleidende Aktiva zum Buchwert übernommen hat. Hierdurch konnten Abschreibungen in der Bankbilanz verhindert werden. Die Bereitschaft, weitere Steuergelder für Bankenrettungen zur Verfügung zu stellen, lässt jedoch EU-weit nach. Banken sind daher in Zukunft gezwungen, die Sanierung aus eigener Kraft zu stemmen. Zugleich gelten Finanzinstitute aber häufig als „systemrelevant“, weshalb eine Insolvenz um jeden Preis vermieden werden soll.

Eine freiwillige Eigenkapitalerhöhung wird bei einer in Schieflage geratenen Bank nur schwer möglich sein. Es bleibt also nur die Möglichkeit der (Zwangs)Reduzierung von Fremdkapital. Das Unterschreiten der Kernkapitalquote stellt „nur“ eine Verletzung regulatorischer Vorschriften dar. Dies berechtigt Gläubiger nicht zur Stellung eines Insolvenzantrags. Die Sanierung findet deshalb außerhalb des insolvenzrechtlichen Rahmens statt. Hierbei gibt es keine gesetzliche Handhabe, um Eigenkapitalgeber an der Sanierung zu beteiligen. Stattdessen wird die Sanierung häufig voll zulasten der Fremdkapitalgeber abgewickelt. Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass aus Bankensicht auch Kleinsparer mit ihren Sparbüchern und -briefen zu den Fremdkapitalgebern zählen. Mögliche Fremdkapitalrestrukturierungen sind:

  • Umwandlung von Fremd- in Eigenkapital (Co-op-Bank);
  • ersatzlose Streichung von Verbindlichkeiten (Sparguthaben über 100.000 € bei Bankenrettung in Zypern – siehe „Buchhalterische Überlegungen zur Zypernkrise“);
  • Verlängerung der Fristigkeiten;
  • Herabsetzung der vereinbarten Zinsen.

Viele dieser Maßnahmen werden auf „freiwilliger“ Basis durchgeführt. Dabei wird den Fremdkapitalgebern die Wahl gelassen, die Restrukturierungsbedingungen zu akzeptieren oder einen Insolvenzfall zu riskieren. Während sich Fremdkapitalgeber entscheiden müssen, ob sie bereit sind, eine Verschlechterung ihrer Position zu akzeptieren, bleiben die Eigenkapitalgeber unbehelligt.

Je höher die regulatorische Kernkapitalquote ist, desto eher müssen Institute mit der Sanierung beginnen. Eine hohe Kernkapitalquote führt somit zu einem besseren Schutz der Eigenkapitalgeber, da die Sanierung lange vor dem eigentlichen Insolvenzfall beginnt. Die regulatorische Kernkapitalquote bewirkt eine Umkehr der Haftungshierarchie: Im Falle der Sanierung müssen zunächst die Fremdkapitalgeber Verluste hinnehmen. Erst wenn die Sanierung scheitert und es tatsächlich zur Insolvenz kommt, kann es zu einer Beteiligung der Eigentümer kommen.

 

 

Ausblick und Diskussionsmöglichkeit im BC-Weblog

Die Umkehrung der Haftungshierarchie ist weder politisch noch ökonomisch sinnvoll. Es müssen daher Wege gefunden werden, wie im Sanierungsfall zunächst Eigenkapitalgeber eines Finanzinstituts eingebunden werden können. Eine Möglichkeit sind Zwangskapitalerhöhungen mit Zeichnungspflicht für Altaktionäre. Doch würde dies Bankaktien zu einem risikoreichen Investment mit unkalkulierbarem Verlustpotenzial machen.

Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Diskutieren Sie mit dem Autor Christian Thurow im BC-Weblog!

  

Christian Thurow, Dipl.-Betriebsw. (BA), Operational Risk Manager Corporate Finance, London (E-Mail: Thurow@virginmedia.com)

 

 

BC 8/2013