USA: Drei Monate in der Stadt der Träume – Wahlstation bei Gibbons in New York


Schon vor Beginn meines Referendariats hatte ich vor, die Freiheit der Wahlpflichtstation zu nutzen, um die Stadt kennenzulernen, die für mich die bei weitem beste Kombination aus fachlichem Fortkommen und Freizeitwert, bot: New York City. Die Suche nach einer Wirtschaftsrechtskanzlei für die Stage gestaltete sich schwierig, weil die großen Sozietäten eine Wahlstation in ihrem New Yorker Büro regelmäßig davon abhängig machen, dass man die Anwaltsstation oder einen Teil der Wahlstation in einem der deutschen Büros absolviert hat. Nachdem ich auf Gibbons aufmerksam gemacht wurde, bewarb ich mich dort für das Foreign Legal Internship Program (FLIP) der Kanzlei, das speziell auf deutsche Referendare zugeschnitten ist. Zwei Monate später traf ich mich mit dem Partner, dem ich später auch zur Ausbildung zugeordnet war. In einem ungezwungenen Gespräch durfte ich zunächst meine Erwartungen schildern, bevor er mir meinen potenziellen Arbeitsalltag bei Gibbons vorstellte. Kurz darauf hat Gibbons mir die Teilnahme am FLIP angeboten.

Zeitaufwändig: Wohnungssuche

Ausgangspunkt meiner Wohnungssuche war eine Liste der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen. Allerdings stellte ich schon bald fest, dass die angegebenen E-Mail-Adressen und Telefonnummern größtenteils nicht mehr aktuell waren. Die Adressen der Wohnheime und der Wohnungsvermittlungen können aber recht hilfreich sein. Nicht abschrecken lassen darf man sich von den horrenden Mietpreisen in Manhattan, wo man für ein WG-Zimmer ohne weiteres 900 US-Dollar pro Monat und für ein Appartement 1500 US-Dollar monatlich zahlt. Wenn man deutlich längere Anfahrtswege und die abschätzige Bezeichnung „bridge-and-tunnel-guy“ auf sich zu nehmen bereit ist, kann man in Brooklyn oder Queens günstiger wohnen. In Anbetracht dessen, dass ich nur drei Monate in New York war, habe ich es aber trotz des permanent hohen Lärmpegels nie bereut, zentral in Manhattan gewohnt zu haben. Es hat mir alle Aktivitäten ungemein erleichtert.

Bürokratisch: Visum

Mitte 2007 haben die USA die Visumbestimmungen für Rechtsreferendare verändert. Konnten diese bislang – wie Famulanten an einem amerikanischen Universitätskrankenhaus – mit einem „B1/B2“-Besuchervisum einreisen, benötigen sie jetzt das allgemeine Austauschvisum der Kategorie „J1“. Am zeitaufwändigsten dürfte es sein, im Vorfeld des Konsulatstermins das Visumzertifikat DS-2019 (Certificate of Eligibility) zu bekommen. Dieses ist nicht bei der konsularischen Vertretung erhältlich, sondern kann nur von Sponsororganisationen ausgestellt werden, die vom U.S. Department of State bevollmächtigt sind, das Zertifikat zu erteilen.

In meinem Fall übernahm es dankenswerterweise meine Ausbildungskanzlei, die German American Chamber of Commerce (GACC) in New York als Sponsororganisation zu gewinnen. Es ist aber auch möglich, die GACC von sich aus anzusprechen (so genanntes J-1 Exchange Visitor Visa Program). Dem Antrag sind u. a. folgende Nachweise beizufügen: ein Sprachnachweis Englisch (alternativ ein offizielles Testergebnis TOEFL/Cambridge, in meinem Fall genügte ein Zeugnis über eine universitäre Fremdsprachenausbildung), ein Nachweis über die finanzielle Absicherung (mindestens 1500 US-Dollar pro Monat), zwei Empfehlungsschreiben (Stationszeugnisse reichen aus) sowie ein Nachweis über Krankenversicherungsschutz in den USA, der den Stationszeitraum sowie 30 Tage darüber hinaus abdecken muss, da das J1-Visum pauschal einen Aufenthalt bis 30 Tage nach Ende der Station ermöglicht (grace period). Die GACC bietet an, den Abschluss dieser Krankenversicherung gemeinsam mit dem Antrag auf Erteilung des DS-2019 zu vermitteln (Versicherer: AIG). Diese Versicherung kostet 80 US-Dollar pro Stationsmonat. Es gibt bei deutschen Anbietern günstigere Konditionen für vergleichbare Versicherungen (z. B. Hallesche Krankenversicherung).

Für die Ausstellung des DS-2019 sollte man eine Wartezeit von mindestens sechs Wochen einplanen. Für Eilige bietet die GACC eine Expressbearbeitung von garantiert unter sechs Wochen für zusätzliche 250 US-Dollar an. Bei mir hat es – ohne Expressbearbeitung – gute vier Wochen gedauert, bis das DS-2019 – ein Blatt Papier, auf dem die Sponsororganisation bestätigt, dass man tatsächlich eine Ausbildungsstelle für die Wahlstation hat – per FedEx zugestellt worden ist.

Das U.S. Department of Homeland Security hat ein internetbasiertes System eingeführt, das die Schritte u. a. von J1-Visumsempfänger ab dem Zeitpunkt des Erhalts der ersten Dokumente (d. h. des DS-2019) bis zum Ende der Wahlstation und der Ausreise nachvollziehen soll. Für die Aufnahme in dieses System muss der Antragsteller das Formular I-901 online ausfüllen und die SEVIS-Gebühr (Student and Exchange Visitor System) i. H. von 100 US-Dollar entrichten.

Anschließend kann man den Termin für das Visuminterview bei der Konsularabteilung in Berlin, Frankfurt a. M. oder München – entweder online (für 10 Euro pauschal) oder telefonisch bei dem Visa-Infomationsdienst (1,86 Euro pro Minute) – vereinbaren. Die Wartezeit variiert (zur Zeit ca. sechs Wochen), kann aber aktuell im Internet abgefragt werden. Neben dem DS-2019 und der Zahlungsbestätigung für die SEVIS-Gebühr benötigt man insbesondere eine Bestätigung über den Zahlungseingang der Antragsgebühr i. H. von zurzeit 74 Euro, einen gültigen Reisepass, die Formulare DS-156, 157 und 158, die online verfügbar sind, ein Passbild, eine Versicherung darüber, die USA nach der Wahlstation auch wieder verlassen zu wollen, sowie einen mit 1,45 Euro frankierten und an sich selbst adressierten Rückumschlag für den Pass.

Der Interviewtermin im U.S.-Generalkonsulat in Frankfurt a. M. bestand bei mir aus dreieinhalbstündigem Warten und zwei kurzen Gesprächen am Schalter. Zunächst wurde lediglich die Vollständigkeit der Unterlagen überprüft. Danach musste ich meine Fingerabdrücke abgeben und zwei Fragen zur Art meiner Tätigkeit in den USA beantworten. Sofern alles zur Zufriedenheit des konsularischen Dienstes verläuft, erhält man innerhalb von zwei Wochen seinen Pass mit dem J1-Visum zugeschickt. Da sich das Procedere für das Visum in die Länge ziehen kann, kann man nicht früh genug mit der Vorbereitung beginnen. Dies gilt besonders für Referendare, die sich nicht unbedingt noch unmittelbar vor oder gar während der Klausuren mit Visumangelegenheiten befassen möchten.

Abwechslungsreich: Die Arbeit

Gibbons P. C. ist eine Full-Service-Kanzlei mit insgesamt etwa 220 Anwälten, davon etwa 40 in New York. Die Kanzlei ist sehr zentral in Midtown Manhattan angesiedelt. Die Tätigkeitsbereiche sind Corporate, Criminal Defense, Employment Law, Finance, Government Affairs, Intellectual Property, Litigation, Products Liability und Real Property. Meine Aufgaben habe ich ausschließlich von meinem Ausbildungspartner erhalten, der im Bereich Corporate tätig ist.

Die Arbeit war vielfältig. Teilweise wurde ich in Mandate mit Europa- und Deutschlandbezug einbezogen. Dabei soll aber nicht der Eindruck entstehen, als habe ich Übersetzerdienste erbringen müssen. Vielmehr bestanden meine Aufgaben regelmäßig darin zu prüfen, ob der Mandant nach deutschem Recht einen Anspruch hat beziehungsweise der Mandant nach deutschem Recht haften muss. Weiterhin habe ich an Fällen zu Haftungsfragen amerikanischer Gesellschaften mitarbeiten können. Dabei habe ich umfassende Recherchen zum amerikanischen case law durchgeführt, die gefundenen Fälle zusammengefasst und Stellungnahmen zur Relevanz und Bindungswirkung dieser Urteile erarbeitet. Ich durfte selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten, gleichzeitig standen die Türen für Rückfragen immer offen.

Über die tägliche Arbeit hinaus waren alle Anwälte sehr bemüht, meinen Aufenthalt möglichst abwechslungsreich zu gestalten. So war ich bei verschiedenen Gerichten. Die Anwälte nahmen sich immer Zeit, die Fälle vorher vorzustellen. Außerdem durfte ich an externen Vortrags- und Networking-Veranstaltungen sowie an kanzleiinternen Associate-Fortbildungen und sozialen Ereignissen verschiedenster Art, u. a. im Waldorf Astoria und im World Financial Center, teilnehmen.

Meine Arbeitszeiten waren montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr. Ich erhielt ein eigenes Büro mit Blick auf den Hudson River. Das Büro war ausgestattet wie ein Associate-Büro, und ich hatte Zugriff auf Intra- und Internet. Meine Betreuung war vorbildlich. Eine deutsche Anwältin nahm sich sehr viel Zeit und stand mir bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite. Mit vielen Anwälten kam ich auf dem Flur oder in der Küche unproblematisch ins Gespräch. Ohne dies als Bezahlung verstehen zu wollen, gewährte mir die Kanzlei ein „housing stipend“ von monatlich 725 US-Dollar. Ich hatte während meines Studiums über zwei Jahre hinweg an der Universität Münster an deren FFA-Programm zum anglo-amerikanischen Recht teilgenommen und daher Grundkenntnisse sowohl des amerikanischen Rechts als auch der juristischen Fachterminologie. Dies hat mir die tägliche Arbeit erheblich erleichtert. Allein mit Schulenglisch dürfte der Einstieg deutlich schwieriger sein.

Leben in Manhattan

Die Arbeitszeiten ließen mir genügend Zeit, die spektakuläre Vielfalt Manhattans zu erkunden. Wer Interesse hat, andere deutsche Referendare zu treffen, kann dies – nach Anmeldung – jeden Freitag bei Alston & Bird zwischen 8 und 9.30 Uhr tun. Die Kanzlei bietet ein „Referendar-Frühstück“ an, bei dem US-Anwälte in lockerem Rahmen etwa einstündige Vorträge zu verschiedenen Themen des amerikanischen Rechts (z. B. Civil Procedure, Corporate Law, Tax) halten. Trotz der frühen Tageszeit empfand ich die Veranstaltung als lohnenswert.

Resümee

Ich habe es keinen Tag bereut, meine Wahlstation bei Gibbons in New York verbracht zu haben. Einerseits konnte ich an interessanten und lehrreichen Mandaten mitarbeiten, andererseits war die work-life-balance so gut, dass ich nie das Gefühl hatte, etwas zu verpassen. Alles in allem waren diese drei Monate eine sehr gute Erfahrung, die ich nicht missen möchte und wohl nie vergessen werde.

Rechtsreferendar Jan-Patrick Bost, Münster


JuS-Magazin 2/2008, S. 26