Tobias Freudenberg

Kritik des Rechts


Die Bucerius Law School in Hamburg ist die erste private Hochschule für Rechtswissenschaft in Deutschland. Sie wurde vor fast 20 Jahren von der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius gegründet.

 

Die Forschungs- und Lehranstalt gilt in vielen Bereichen als vorbildlich. Ihre Absolventen schließen die Ausbildung überdurchschnittlich gut ab – was freilich auch damit zu tun hat, dass die Hochschule ihre Studierenden sorgfältig auswählt. Die Law School wird jedenfalls häufig als Elite-Uni oder Kaderschmiede gepriesen. Aus manchen Kanzleien hört man, dass die Absolventen von dort etwas eingebildet seien. Wobei es außerhalb der Hansestadt oft klischeehaft heißt, dass in Hamburg ein gewisser Snobismus ohnehin verbreitet sei. Aber das ist erstens eine andere Geschichte und zweitens unzulässig verallgemeinernd.

Die Bucerius Law School macht jedenfalls lobenswerte Sachen, zum Bespiel bei der Einrichtung von Lehrstühlen und Professuren. Anstatt das x-te Ordinariat für eins der Hauptfächer zu gründen, gibt es an der Stiftungshochschule schon seit 2005 einen Lehrstuhl für die Grund­lagen des Rechts. Dort beschäftigt man sich damit, die Bedeutung des Rechts für die Ordnung und Entwicklung moderner Gesellschaften zu klären. Außerdem sollen Aufbau und Grundstrukturen von Rechtsordnungen entschlüsselt werden.

Der Ruf ist schon raus

Jetzt soll an der Privatakademie auch noch ein neuer Lehrstuhl ­Kritik des Rechts besetzt werden. Der Ruf ist schon raus. Die favorisierte Professorin soll sich „kritisch mit den Hintergründen des Rechts, seinen Wirkmechanismen und den das Recht prägenden Institutionen und Einflüssen auseinandersetzen“. Das soll nicht ausschließlich im ­Elfenbeinturm stattfinden, sondern „an das positive Recht und an die Rechts­praxis an- und rückgebunden sein“. So soll laut der Hochschule „systematisierende Rechtsarbeit mit theoretischer Reflexion unter Berücksichtigung gesellschaftswissenschaftlicher Bezüge und empirischer Erkenntnisse“ verbunden werden.

Das klingt vielleicht etwas hochgestochen, ist aber genau das, was eine Hochschule, die sich als Bildungseinrichtung versteht, auszeichnet. Immerhin sind sich (fast) alle einig, dass die Juristenausbildung inzwischen viel zu sehr auf das Lösen von Fällen fixiert ist. Die Regensburger Juraprofessorin Katrin Gierhake hat kürzlich in dieser Zeitschrift eine „aufgeklärte Juristenbildung“ gefordert, die zum Nachdenken und zur Kritik anregt, auch um die Urteilskraft der Studierenden zu schärfen. An anderer Stelle wiesen Hochschullehrer darauf hin, dass gute Juristen „nicht ohne fundierte Kenntnisse der gesellschaftlichen und ideengeschichtlichen Kontexte des Rechts auskommen“.

Das ist genau das, was die beiden Hamburger Lehrstühle vermitteln sollen. Wenn sie Vorbildcharakter auch für die staatlichen Hochschulen haben, dürfen sie sich an der Bucerius Law School darauf zurecht etwas einbilden. •

Tobias Freudenberg ist Rechtsanwalt und Schriftleiter der NJW, Frankfurt a. M.