Tobias Freudenberg

Generationen von Juristen


Vorvergangene Woche durfte ich die Festrede auf der juristischen Absolventenfeier der Universität Bielefeld halten. Das war ein schöner Termin. Alle waren in Feierlaune, es gab etwas zu essen und zu trinken. Komplizierte Dogmatik oder sonstiges juristisches Hochreck waren ausdrücklich nicht erwünscht, Folien musste ich auch nicht mitbringen. Wenn man dann noch der Versuchung widersteht, schlaue Ratschläge zu erteilen oder altklug daherzureden, kann man bei einem solchen Anlass eigentlich nichts falsch machen.

 

Später habe ich mich auf der zentralen Feier aller Fakultäten ge­tummelt. Es war ein erfrischendes Bad in einer gut gelaunten Menge. Allseits große Freude über das Erreichte und große Lust auf das, was als nächstes kommt. Stolz und Erleichterung auch bei den glücklichen Eltern. Das weckte Erinnerungen. Auch für mich war das damals ein spannender Lebens­abschnitt. Leider gab es bei uns keine Absolventenfeier. Man bekam sein Examenszeugnis per Post, das war’s. Es ist schön, dass mittlerweile viele rechtswissenschaftliche Fakultäten die Heldentaten ihrer Studierenden – was sonst sind erfolgreiche Abschlüsse in Jura? – offiziell zelebrieren.

In Bielefeld verließ ein Jahrgang der so genannten Generation Y die Universität. Man hört und liest ja viel über diese Kohorte. Sie soll verwöhnt sein und bequem, sich vor allem selbst verwirklichen wollen – in der Freizeit und im Berufsleben. Ich habe schon so manchen Kanzlei­partner über die Ypsiloner schimpfen gehört. Die Leistungsbereitschaft sei nicht annähernd so hoch wie die Ansprüche an die Arbeit­geber. Work-Life-Balance, sagte einer, sei etwas für Weicheier, nicht für ­Anwälte.

So sehr die Altvorderen auch wettern – die Millennials haben offensichtlich großes anwaltliches Talent. Sie verstehen es nämlich sehr gut, ihre Forderungen durchzusetzen. Es gibt kaum noch Stellenausschreibungen von Kanzleien, in denen nicht mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, alternativen Karrierewegen oder Förderprogrammen für Familie und Gesundheit um die Gunst der Nachwuchsjuristen geworben wird. Work-Life-Balance ist inzwischen also doch etwas für Anwälte – der Generation Y sei Dank.

Der Marburger Soziologie-Professor Martin Schröder hält die ganzen Generationenunterschiede für einen populärwissenschaftlichen Mythos. Die Ypsiloner haben keine andere Lebenseinstellung als frühere Jahrgänge, schreibt er in einer aktuellen Studie. Auch die Bielefelder Absolventen machten nicht den Eindruck, als wollten sie ihre Zukunft lockerer angehen als ältere Juristengenerationen. Von den ­frühen Absolventen des Jahres sind manche schon im Referendariat, ­andere promovieren bereits – der klassische Weg also. Einer, dessen erfolgreich bestandene ­„Erste Prüfung“ noch ziemlich frisch schien, gab die Devise aus, „bis zum Jahres­ende hart zu feiern und dann so richtig durchzustarten“. Das, finde ich, ist generationenübergreifend eine sehr sympathische Einstellung. 

Tobias Freudenberg ist Rechtsanwalt und Schriftleiter der NJW, Frankfurt a. M.

Dieser Text stammt aus der NJW 52/2018. Sie können die Fachzeitschrift hier kostenlos testen.