Dr. Ernst-Olav Ruhle, Dr. Martin Geppert, Dr. Fabian Schuster

Unzulässige Bündelung bei optionalen Tarifen der Deutschen Telekom? - Eine Replik


In einem Beitrag in MMR 8/2002 betrachten die Autoren regulatorische Fragestellungen zur Bündelung im Allgemeinen und zu den Optionstarifen der Deutschen Telekom (DTAG) im Besonderen.

(Schmidt/Wehmeier/Alkas, Unzulässige Bündelung bei optionalen Tarifen der Deutschen Telekom?, MMR 2002, 528-533)

1. Einleitung

 Sie kommen dabei zu folgenden zentralen Erkenntnissen:

  • die Optionsangebote der DTAG repräsentieren kein Bündelungsproblem i.e.S., sondern sind als Alternativen (Optionen) zu dem bestehenden Standardtarif der DTAG zu sehen;

  • die Optionsangebote sind eine Form der zulässigen Preisdifferenzierung i.R.d. Verbindungsangebote;

  • eine Verdrängung alternativer Anbieter wird mit derartigen Optionsangeboten weder aktiv verfolgt noch wäre dies eine (beabsichtigte oder unbeabsichtigte) Folge der Angebote;

  • die Regulierung in Bezug auf die Markteinführungsmöglichkeiten optionaler Tarife sollte nicht verschärft, sondern gelockert werden.

In der gebotenen Kürze einer Replik sollen einige dieser Aussagen kritisch beleuchtet werden.

2. Zur Frage der übermäßigen Kundenbindung und Sogwirkung

Schmidt et al. stellen dar, dass aus ihrer Sicht die von Wettbewerbern als auch von der Monopolkommission und dem Bundeskartellamt befürchteten Sogwirkungen durch die optionalen Tarife der DTAG nicht entstehen. Eine solche wäre gegeben, wenn durch die Optionsangebote der DTAG die Kunden durch das höhere Grundentgelt i.V.m. günstigeren Verbindungsentgelten dazu veranlasst würden, ihre Nachfrage auch auf Verbindungsleistungen der DTAG zu konzentrieren. Schmidt et al. halten dem entgegen, dass auf Grund der Möglichkeit, auch innerhalb der Optionsangebote hinsichtlich der Verbindungsleistungen die Angebote von Wettbewerbern zu nutzen, eine solche Sogwirkung nicht entstehen kann. Zudem würde die Behauptung der Sogwirkung die Annahme eines "irrational handelnden Kunden" (MMR 2002, 531) voraussetzen.

Dieser Argumentation sind zwei Punkte entgegen zu halten:

Zum einen gilt bzgl. der Überlegungen zur Rationalität der Kundenentscheidung, dass der Kunde nicht in jedem Einzelfall sein exaktes zukünftiges Konsumverhalten vorhersagen kann. Wenn Schmidt et al. meinen, dass es für einen Kunden irrational wäre, bei der Wahl eines Optionstarifs der DTAG sich übermäßig oder ausschließlich auf die Inanspruchnahme von Verbindungen der DTAG zu konzentrieren (d.h., man unterstellt, dass auch weiterhin Verbindungsleistungen alternativer Anbieter genutzt werden), so müssen sie sich gleichzeitig fragen lassen, warum in diesem Fall der Kunde überhaupt auf den Optionstarif der DTAG umsteigen soll. Ferner ist zu beachten: "Wegen des Preisvorteils infolge der Bündelung steigen die Such- und Wechselkosten, sodass der Kunde trotz seiner Wechselmöglichkeit de facto beim preisbündelnden Unternehmen bleibt. Bündelungsvorteile erhöhen künstlich die Wechselkosten, woraus eine Kundenbindung entsteht, aus der ein etabliertes Unternehmen Wettbewerbsvorteile ziehen kann." (Alkas, Preisbündelung auf Telekommunikationsmärkten aus regulierungsökonomischer Sicht, WIK Diskussionsbeitrag Nr. 219, April 2001, S. 34). "Insgesamt gesehen hemmen Preisvorteile, die durch Bündelung entstehen, die Substitutionsbereitschaft der Nachfrager, da für diese ein erheblicher Anreiz besteht, ihre Bezüge auf ein Unternehmen zu konzentrieren." (ebd., S. 36). Es wäre bei dem unterstellten Kundenverhalten insgesamt kostengünstiger, wenn der Kunde in seinem bisherigen "Tarifpaket" bliebe, d.h. von einem im Vergleich zum Optionstarif günstigeren Grundentgelt profitieren würde bei gleichzeitiger Nutzung von grds. günstigeren Call-by-Call-Angeboten alternativer Betreiber. Dies insbesondere deshalb, weil - nach Angabe von Schmidt et al. - die in den Optionsangeboten auf die Verbindungsentgelte gewährten Preisnachlässe sich i.R.d. Marktüblichen bewegen (MMR 2002, 530). Vorausgesetzt also, der Kunde handele tatsächlich so, wie im Beitrag unterstellt, wären Optionsangebote weitgehend sinnlos. In einer gewissen Weise mögen Bündel- und insbesondere Flatrateangebote wie der Tarif AktivPlus XXL aber auch tatsächlich ökonomisch "irrationale" Verhaltensweisen des Kunden ansprechen, da der Kunde möglichst davon abgehalten werden soll, Preisvergleiche zu unternehmen, da die tatsächlichen Kosten für die Inanspruchnahme eines Produkts innerhalb des Bündels verschleiert werden.

Zum anderen führen die Autoren selbst aus, dass mit der Idee der Optionsangebote bestimmte positive Erwartungen des anbietenden Unternehmens verknüpft sind. ("Die gegenüber den Standardtarifen abgesenkten Verbindungsentgelte setzen für die Nachfrager Anreize zur intensiveren Nachfrage, wodurch ... weitere Deckungsbeiträge erzielt werden."; "Zugleich dient ein differenziertes Tarifportfolio einschließlich optionaler Angebote, ..., bei der Deutschen Telekom wie bei anderen Anbietern der Kundenbindung. Auch hierdurch können und müssen Unternehmen ihre langfristige Profitabilität sichern.", MMR 2002, 530.) Diese Ausführungen zeigen letztendlich sehr deutlich, dass der Sinn und Zweck der Optionsangebote darin besteht, die Abwanderung bestehender Kunden zu verhindern, diese an die DTAG zu binden und gleichzeitig wenn möglich auch ihre Nachfrage zu erhöhen. Insofern kann daraus sehr wohl abgeleitet werden, dass eines der Ziele von Optionsangeboten darin besteht, eine Sogwirkung hinsichtlich der Nutzung auf dem Netz der DTAG zu erzielen. Auch dürfte sich das Unternehmen eine erhebliche Rückgewinnung von Kunden erhoffen, die gegenwärtig Verbindungsleistungen anderer Anbieter in Anspruch nehmen (diese Strategie der DTAG wurde bereits im Börsenprospekt v. 26.5.2000, S. 74 auf folgenden Nenner gebracht: "Im Bereich Netzzugang besteht die Strategie der DTAG darin, die Verlagerung der Zusammensetzung von Umsatzerlösen aus der Netzkommunikation von den Verbindungs- zu den Anschlussentgelten fortzusetzen ... Die DTAG beabsichtigt, in diesem Zusammenhang die Erfahrungen umzusetzen, die sie i.R.d. erfolgreichen, umfangreichen Vermarktung ihrer ISDN-Produkte i.R.d. T-DSL Produkte erworben hat. Sie beabsichtigt ebenfalls, weiterhin gebündelte Zugangsprodukte wie z.B. T-ISDN 300, in dem der ISDN-Anschluss zusammen mit niedrigeren Verbindungsentgelten und rabattierten monatlichen Teilnahmegebühren angeboten wird, einzuführen und aktiv zu vermarkten. Die DTAG ist der Ansicht, dass solche Produktpakete die Kundenbindung erhöhen und die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Kunden die Call-by-Call oder Preselection-Dienste der Wettbewerber der DTAG in Anspruch nehmen).

Die Intention der DTAG wurde überdeutlich in dem jeweils beantragten, inzwischen von der Reg TP aber nicht mehr genehmigten Preselection-Verbot, das die Inanspruchnahme der Optionstarife an ein Verbot der Preselection auf das Netz eines Wettbewerbers koppelte.

3. Zur Frage der Übertragung von Marktmacht und der vertikalen Integration

Ein zweiter, sehr erheblicher Einwand gegen die vorgetragene Argumentation bezieht sich auf die Marktposition der DTAG. Schmidt et al. betrachten dies unter der Überschrift "Übertragung von Marktmacht". Sehr verklausuliert kommt letztendlich zum Ausdruck, dass sehr wohl erkannt wird, dass die DTAG im Vergleich zu anderen Unternehmen eine marktmächtigere Stellung hat. Sie ist nämlich gleichzeitig der marktbeherrschende Anbieter im Bereich von Anschlüssen als auch gleichzeitig ein Anbieter auf dem - stärker wettbewerblich orientierten - Markt für Verbindungsleistungen (hinsichtlich der Verbindungsleistungen gilt dies nur für den Bereich des Fernverkehrs und des internationalen Verkehrs, im Ortsnetz hat die Telekom weiterhin für Ortsnetzverbindungen einen überragend hohen Marktanteil jenseits der 95%). Somit kann die DTAG Vorteile aus ihrer Struktur als vertikal integriertes Unternehmen ziehen.

Angesichts der unterschiedlichen Wettbewerbsintensitäten auf den Anschluss- und den Verbindungsmärkten kann sie durch entsprechende Preisdifferenzierung das Marktgeschehen zu ihren Gunsten beeinflussen, indem sie die Preise auf dem wettbewerbsstärkeren Markt absenkt (diese Strategie verfolgt sie bei den Verbindungsentgelten, vgl. MMR 2002, 530) und auf den wettbewerbsschwachen Märkten erhöht. Genau diesen beiden Zielen werden die Optionsangebote gerecht, indem durch ein zusätzliches Grundentgelt (dies ist auch als Beitrag zur Strategie des "soft rebalancing" zu sehen), das letztendlich im Anschlussbereich zuzurechnen ist, im wettbewerbsschwächsten Segment die Preise erhöht werden, um gleichzeitig im Verbindungsbereich preislich mit alternativen Anbietern mithalten zu können. (der Anteil alternativer Unternehmen an den Anschlusskanälen beträgt 3%, der Anteil an den Verbindungsminuten im Ortsnetz ist nur geringfügig höher, vgl. Reg TP, Jahresbericht 2001, http://www.regtp.de/aktuelles/start/fs_03.html, S. 13 ff.).

Diesem Argument steht auch nicht entgegen, dass der Anschlussbereich dem Wettbewerb geöffnet ist und auch in einer Reihe von Gebieten bereits Anschlusswettbewerb besteht (die Angaben, wie viel Prozent der Bevölkerung in Gebieten leben, in denen der Direktanschluss durch Wettbewerber zur DTAG realisiert werden kann, variieren. Schmidt et al. sprechen von ca. 50% der Bevölkerung, die Reg TP ermittelte Ende 2001 einen Anteil von ca. 1/3 der Bevölkerung, vgl. Reg TP, Jahresbericht 2001, S. 14).

Letztendlich lässt sich festhalten, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Gebieten wohnt, in denen gegenwärtig und auch in absehbarer Zukunft kein Wettbewerb um den Anschluss bestehen wird. Gerade diese strukturelle Situation ermöglicht es der DTAG, durch die "innovative Gestaltung" von Optionsangeboten unter Einschluss von Leistungen aus wettbewerbsschwachen Bereichen ihre marktbeherrschende Stellung bzw. in vielen Gebieten Deutschlands ihr noch bestehendes faktisches Monopol im Bereich des Anschlusses in wettbewerbsbedrohender Weise auszunutzen (vgl. hierzu auch Alkas, a.a.O., wo es [S. 19] unter der Überschrift "Marktmacht und Markteintrittsbarrieren als Bedingungen für Preisbündelung" heißt: "Für eine erfolgreiche Preisdifferenzierung ist Marktmacht erforderlich, für deren Beurteilung das Zusammentreffen von hohen Marktanteilen auf dem relevanten Markt und das Bestehen von Markteintrittsbarrieren (MEB) relevant sind. Das bedeutet, dass Preisbündelung nicht nur im Monopolfall, sondern auch auf oligopolistischen Märkten oder anders formuliert unter unvollkommener Konkurrenz stattfinden kann." Die Situation des Wettbewerbs in den Ortsnetzen und die Preisbündelungsstrategien der DTAG bieten für den hier aufgezeigten Problemfall ein eindrucksvolles Beispiel).

Durch die bestehende Situation kommt es letztendlich zu einer Übertragung der Marktmacht aus dem Anschlusssegment in den Bereich der Verbindungsleistungen. Genau dieses Leveraging ist aus regulatorischer und wettbewerbspolitischer Sicht sehr kritisch zu sehen. Angesichts der Tatsache, dass das zukünftige TK-Recht in Umsetzung der neuen EU-Richtlinien eine stärker differenzierte Analyse der einzelnen Märkte vornehmen wird, bleibt zu hoffen, dass die Frage der Übertragung von Marktmacht aus dem Anschlussbereich in den Verbindungsbereich mit Hilfe optionaler Angebote einer gründlicheren Betrachtung unterzogen wird (vgl. Entwurf einer Empfehlung der Kommission über relevante Produkt- und Dienstemärkte des elektronischen Kommunikationssektors, die auf Grund der Richtlinie 2002/21/EG des Europäischen Parlaments und des Rates über einen gemeinsamen Rechtsrahmen für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste für eine Vorabregulierung in Betracht kommen, http://europa.eu.int/information_society/topics/telecoms/news/documents/recommendation_directive_2002_21_EC/de.pdf).

Zu diskutieren bleibt dabei die Frage, wo - im Falle der Übertragung - regulatorisch eingegriffen wird. Die ökonomische Logik spricht dafür, im Falle der Übertragung beträchtlicher Marktmacht nicht im wettbewerblich besser funktionierenden Markt, sondern im Markt mit beträchtlicher Marktmacht regulierend einzugreifen. Dies würde bedeuten, im Anschlussbereich einzugreifen, um vorausschauend die Marktmacht in diesem Bereich zu begrenzen und somit auch deren Übertragung. Im Falle von Bündelangeboten ist dies problematisch, handelt es sich doch um ein kombiniertes Angebot von Entgelten für den Anschlussbereich und für Verbindungen. Daher sind aber in jedem Fall regulatorische Eingriffe für das Paketangebot möglich und erforderlich.

4. Zur Frage der Verfügbarkeit von Vorleistungsprodukten

Ein drittes Argument, das in Bezug auf das Angebot von optionalen Tarifen durch die DTAG zu berücksichtigen ist, ist die Frage, ob auch ein entsprechendes Vorprodukt auf der Großhandelsebene zur Verfügung steht.

Optionsangebote sind dann weniger kritisch (wenn auch nicht unbedenklich) zu sehen, wenn rechtzeitig zu ihrer Einführung auch ein entsprechendes Angebot auf den Vorleistungsebenen für alternative Anbieter besteht. Dies kann und sollte auf verschiedenen Wertschöpfungsstufen bestehen und neben Resale-Angeboten auch Angebote für infrastrukturbasierte Unternehmen umfassen. In diesem Fall wird es dem Unternehmen mit beträchtlicher Marktmacht nicht mehr so leicht gemacht, die Wettbewerbs- und Marktbedingungen zu seinen Gunsten zu beeinflussen, da Unternehmen, die nicht über ein entsprechendes Anschlussnetz verfügen, dennoch in die Lage versetzt werden, auf eine ähnliche Art und Weise in den Wettbewerb einzutreten.

Schmidt et al. lehnen aber eine entsprechende Verpflichtung zu Resale-Angeboten ausdrücklich ab (vgl. MMR 2002, 532). Die Ablehnung einer Verpflichtung zu einem parallelen Angebot von Wholesale-Leistungen bei der Einführung von Optionsangeboten steht daher einer Lockerung der Regulierung in diesem Bereich deutlich entgegen.

5. Fazit

Wir kommen daher zu dem Ergebnis, dass - im Gegensatz zu den Ausführungen von Schmidt/Wehmeier/Alkas - die Regulierung von Optionsangeboten eine zentrale Aufgabe für den Ausbau eines funktionsfähigen Wettbewerbs darstellt. Die strukturellen Marktvorteile der DTAG durch ihre vertikale Integration sprechen eindeutig für eine weiterhin genaue regulatorische Beobachtung entsprechender Angebote und ein Eingreifen der Reg TP, wenn sich abzeichnet, dass aus diesen Angeboten wettbewerbsverdrängende Effekte entstehen. In diesem Zusammenhang sei auch darauf verwiesen, dass von der Lit. die Wirkungen von Preisbündelungen ähnlich denen eines Treuerabatts eingeschätzt werden (vgl. Alkas, a.a.O., S. 35 ("Ihr strategischer Effekt [Anm.: der Effekt der Preisbündelung] liegt auf der langfristigen Kundenbindung, da bei einem Wechsel zu neuen Anbietern der Kunde alle bis dahin angesammelten Preisvorteile verliert. Dies kann dazu führen, dass eine Kundenbindung auch dann gewahrt bleibt, wenn zwischenzeitlich die Preise für andere Leistungen des gleichen Anbieters steigen, aber die Anreize des bestehenden wirtschaftlichen Vorteils überwiegen.").

Es ist den Autoren zwar im Prinzip zuzustimmen, dass optionale Tarife ein Beispiel für eine von den Kunden durchaus gewünschte Produktdifferenzierung darstellen können. Aus Markt-, Wettbewerbs- und damit Kundensicht ist allerdings zu fordern, dass durch die Bündelung von Produkten marktbeherrschender Anbieter die Marktbeherrschung nicht zusätzlich abgesichert und verstärkt wird. Insofern muss man sich der Haltung der Monopolkommission und des Bundeskartellamts anschließen, die die nachteiligen Konsequenzen der Produktbündelungen auf die Wettbewerbsentwicklung sehr deutlich ansprechen.

Dr. Ernst-Olav Ruhle/RAe Dr. Martin Geppert/Dr. Fabian Schuster, RAe Piepenbrock und Schuster, Düsseldorf.


MMR 2002, Heft 10, V