Internationale Rechnungslegung für den Mittelstand: Der aktuelle Stand des SME-Projekts des IASB


IDW-Stellungnahme vom 21.9.2006

Seit Anfang August 2006 [Ergänzung d. Red.] liegt ein erster sog. Mitarbeiterentwurf des International Accounting Standards Board (IASB) eines IFRS für mittelständische Unternehmen vor. Dieser Standard soll mittelständischen Unternehmen (SME – small and medium-sized entities) eine Alternative zu den auf börsennotierte Unternehmen ausgerichteten Gesamt-IFRS bieten. Das IDW beurteilt diesen Entwurf als einen Schritt in die richtige Richtung, der vor einigen Monaten noch nicht unbedingt erwartet werden konnte. Gleichwohl besteht Verbesserungsbedarf. Das IDW setzt sich für weitere Vereinfachungen ein.

 

Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital

Nach dem derzeitigen IAS 32, einem Standard, der für alle IAS/IFRS-Anwender verbindlich ist, müssen viele deutsche Unternehmen, insbesondere Personenhandelsgesellschaften und Genossenschaften, ihr gesellschaftsrechtliches Eigenkapital in einer IFRS-Bilanz als Fremdkapital ausweisen. Der vorliegende SME-Entwurf löst diese unakzeptable Situation nicht, da zwar die in IAS 32 enthaltenen Abgrenzungskriterien für Eigen- und Fremdkapital vereinfacht dargestellt, jedoch nicht grundsätzlich inhaltlich abgewandelt werden. „Inwieweit die vom IASB beabsichtigte Überarbeitung des IAS 32 das Problem der Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital lösen wird, bleibt abzuwarten“, so Prof. Dr. Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des IDW. „In den bislang beim IASB erörterten Alternativen sehen wir jedenfalls noch keine abschließende und überzeugende Lösung für dieses drängende Problem deutscher Personenhandelsgesellschaften und Genossenschaften.“

 

Eigenständiger Standard versus Rückgriff auf die Gesamt-IFRS

Die Akzeptanz eines SME-Standards wird entscheidend vom Umfang der Erleichterungen gegenüber der Anwendungspflicht aller IFRS abhängen. Der jetzige Entwurf stellt im Wesentlichen eine Kurzfassung der bestehenden IFRS dar. Anstatt der IFRS, die derzeit ca. 2.400 Seiten umfassen, muss das mittelständische Unternehmen zunächst nur einen Regelungsumfang von ca. 240 Seiten beachten. Um die Regelungen jedoch verstehen und interpretieren zu können, müssen häufig die ausführlicheren IFRS herangezogen werden. „Es besteht die große Gefahr, dass es sich bei dem verkürzten Standard um eine Mogelpackung handelt“, so Naumann. „Wir haben stets gefordert, dass der SME-Standard ein eigenständiges und abgeschlossenes Regelwerk darstellen sollte. Um diese Anforderung zu erfüllen, sollte der SME-Standard um alle für dessen Verständnis wesentliche Passagen ergänzt werden.“

Der Eigenständigkeit des SME-Standards steht zudem der verpflichtende Rückgriff (mandatory fallback) auf die Gesamt-IFRS im Fall einer Regelungslücke entgegen. Darüber hinaus enthält der Entwurf eine Vielzahl von Verweisen auf die Gesamt-IFRS. Diese sind teilweise verpflichtend, etwa beim Wertminderungstest für den Geschäfts- und Firmenwert. Zahlreiche andere Verweise sind optional, da das IASB die Wahlrechte aus den Gesamt-IFRS weitergeben will. So dürfen z. B. Vermögenswerte des Sachanlagevermögens zum Zeitwert bilanziert werden. Nach Ansicht des IDW sollten die sachgerechten Verweise in den SME-Standard integriert, die übrigen gestrichen werden. „Einem Unternehmen, das diese Wahlrechte in Anspruch nehmen möchte, steht es jederzeit frei, nach den Gesamt-IFRS zu bilanzieren“, meint Naumann.

 

Bilanzierung von Finanzinstrumenten

Deutliche Erleichterungen sind im vorliegenden Entwurf für die Bilanzierung von Finanzinstrumenten bei SME vorgesehen. Sie betreffen besonders die Bilanzierung von Sicherungsgeschäften und die Regelungen zur Ausbuchung von Finanzinstrumenten. Damit wurde zwei wichtigen Anregungen des IDW im Grundsatz Rechnung getragen. Diese von den Gesamt-IFRS abweichenden Bewertungsregeln müssen nach Ansicht des IDW noch insoweit angepasst werden, als die Zeitwertbewertung auf solche Finanzinstrumente beschränkt werden sollte, die auf aktiven Märkten gehandelt werden. Die Anwendung komplexer und aufwendiger Bewertungsmodelle zur Ermittlung von Zeitwerten ist auch im Interesse der Verlässlichkeit und Nachprüfbarkeit der Wertansätze abzulehnen.

 

Praxis-Info!

Auch wenn das IASB-Projekt bis auf weiteres für die meisten kleineren Unternehmen keine Bedeutung haben wird, so werden sich jedoch insbesondere mittelständische Unternehmen mit internationalen Verflechtungen mit einer Umstellung auf die internationalen Rechnungslegungsstandards beschäftigen müssen.

Für diese Unternehmen werden – im Unterschied zu den Full- bzw. Gesamt-IFRS – spezielle Standardregeln gefordert:

  • kürzer,
  • einfach(er) d.h. verständlich(er),
  • sachgerecht(er) gegliedert,
  • zusätzliche Wahlrechte einräumen,
  • anwenderfreundlich(er),
  • einbändig, also ohne Rückgriffsnotwendigkeit auf die Gesamt-IFRS.

Dies ist in vielerlei Hinsicht nicht gelungen, wie die Stellungnahme des IDW deutlich macht.

Hinsichtlich der Wahlrechte werden lediglich in geringem Umfang weitere – neben den von Gesamt-IFRS gewährten (z.B. Neubewertungsmodell für Sach- und immaterielle Anlagen) – zusätzlich eingeräumt:

  • Herstellungskosten für selbsterstellte immaterielle Vermögenswerte: Während der Entwicklungsphase (Kursentwicklungskosten) besteht keine Ansatzpflicht; bei Ausübung des Ansatzwahlrechtes sind die Regeln von IAS 38 vollständig zu beachten (SME-Vorabentwurf Abschnitt 18.14).
  • Bilanzierung der Beteiligungen an assoziierten Unternehmen im Einzelabschluss: Neben dem Wahlrecht nach den Gesamt-IFRS, die Anschaffungskosten oder Fair Value-Methode anzusetzen, kommt noch die Equity-Methode hinzu (SME-Vorabentwurf Abschnitt 14.3).

Für die Jahresabschlusserstellung werden beispielsweise folgende Erleichterungen gewährt:

  • Anhangangaben: Reduzierung,
  • Nicht planmäßig abzuschreibende immaterielle Vermögenswerte und Goodwill: Der Wertminderungstest muss in diesen Fällen nicht mehr zwingend jährlich, sondern darf – wie bei den übrigen betroffenen Vermögenswerten (u.a. Vorratsvermögen) – auch erst bei Vorliegen entsprechender Indizien vorgenommen werden.
  • Die Eröffnungsbilanz muss nicht IFRS-Bilanzansätze und -werte für SME enthalten, sondern kann mit den nach bisherigen Rechnungslegungsregeln ermittelten Beträgen erstellt werden, wenn die Ermittlung der IFRS-SME-Werte mit vertretbarem Aufwand nicht möglich (impracticable) ist.

Das „Schwergewicht“ der Gesamt-IFRS könne allerdings von keinem Konzept für die SMEs abgeworfen werden (so Hoffmann/Lüdenbach, DStR 42/2006, S. 1907). Dieselben Autoren sehen angesichts der Vielzahl der an den Standardsetter herangetragenen Wünsche ein Scheitern des SME-Projekts auf absehbare Zeit.

Hoffmann/Lüdenbach empfehlen daher eine andere Lösung: „Die Full-IFRS sollten drucktechnisch so aufbereitet werden, dass die Abweichungen – Nichtanwendungsbereich oder Wahlrechte für die SME – hervorgehoben werden. Die SME-IFRS-Anwender müssten zwar den voluminösen 2.500-Seiten-Band heranziehen, aber dafür keinen zweiten.“ Schließlich sollten innerhalb des weiteren Standardisierungsprozesses stets die besonderen Bedürfnisse der SME berücksichtigt werden.

 

Hinweis:

Voraussichtlich im Dezember 2006 wird das International Accounting Standard Board (IASB) den entsprechend weiterentwickelten SME-Entwurf veröffentlichen, der die International Financial Reporting Standards (IFRS) auf mittelständische Unternehmen zuschneiden soll.

 

[Anm. d. Red.]

BC 11/2006