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Ungarn: Ein Treffen mit Eike von Repgow, Andrássy Gyula und Giscard d`Estaing – LL.M. an der Andrássy-Universität in Budapest


Wenn die Europäische Union am 1. 5. 2004 um 10 Mitgliedstaaten erweitert wird, rückt Ungarn wieder in das Zentrum Europas. Die erwarteten Wachstumsraten machen auch ein Studium im Land interessant. Bereits heute bietet die Fakultät für Vergleichende Staats- und Rechtswissenschaft der Andrássy Gyula Deutschsprachige Universität (Andrássy-Universität) in Budapest die Möglichkeit, den Master of Law (LL.M.) zu erwerben. Das Studium in Budapest ermöglicht einen Einblick in Leben und Kultur dieses jahrelang durch den Eisernen Vorhang von Westeuropa abgeschnitten Landes.

Die Universität

Die im September 2002 eröffnete Universität residiert im renovierten Festetics Palais, dem Stadtpalais der Adelsfamilie Festetics im Herzen von Budapest. Sie ist eine ungarische Einrichtung, die aus einem Gemeinschaftsprojekt Österreichs, der deutschen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg und Ungarns hervorging. Die Idee der Errichtung der Universität entwickelte sich im Zusammenhang mit der bevorstehenden Erweiterung der EU und dem Beitritt Ungarns. Die Universität soll die traditionelle Verbundenheit zwischen Ungarn und dem deutschsprachigen Raum bekräftigen und durch die Ausbildung von Führungskräften aktiv zum Beitrittsprozess des mitteleuropäischen Raumes beitragen. Sie ist die erste deutschsprachige Universität, die nach dem Zweiten Weltkrieg außerhalb Deutschlands eröffnet wurde.

Studiengänge und Studieninhalte

Die Universität bietet vier verschiedene Studiengänge an. Hierzu zählen Internationale Beziehungen mit dem Schwerpunkt Wirtschaft oder Diplomatie, Mitteleuropäische Studien und Vergleichende Staats- und Rechtswissenschaft, wobei eine studiengangübergreifende Teilnahme an Lehrveranstaltungen möglich und erwünscht ist und auf den interdisziplinären Charakter der Studien großen Wert gelegt wird.

Im Mittelpunkt des Studiengangs Vergleichende Staats- und Rechtswissenschaft steht die Entwicklung der europäischen Integration und das Recht der Europäischen Union. Weitere Schwerpunkte bilden die Rechtsvergleichung, Rechtsgeschichte, Politikwissenschaft und das europäische Privat- und Gesellschaftsrecht. Abgerundet wird das Programm durch ein umfassendes Angebot an Sprachkursen, Vorträgen und Veranstaltungen, mit dem Ziel die soziale Kompetenz der Studenten zu fördern. Hierzu wurde beispielsweise im WS 2003/2004 ein Seminar in Zusammenarbeit mit der Führungsakademie Baden-Württemberg unter dem Titel „Führung und Kommunikation“ angeboten. Im vergangenen Semester gehörten zu dem Pflichtprogramm Vorlesungen zum Europäischen Gesellschafts- und Privatrecht bei Professor Schubel, ein Texte-Seminar zum Staats- und Europarecht unter der Leitung von Professor Hufeld, ein Seminar über internationale Konflikte und Konfliktbewältigung bei Professor Pfetsch sowie die von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte Vorlesung zur Verfassungsentwicklung der Europäischen Union mit Professor v. Danwitz. Darüber hinaus nahmen wir an der Vorlesung zu den Internationalen Organisationen bei Professor Kussbach, an der Veranstaltung „Public Diplomacy“ bei Herrn Botschafter Bettzuege und an der Vorlesung zur Europäischen Rechtsgeschichte bei Professor Schroeder teil.

Dieses Programm konnten wir durch zahlreiche Wahlfächer und Gastvorträge ergänzen. Hierfür gelang es der Universität namhafte Dozenten aus Ungarn, Österreich, Deutschland und der Schweiz zu gewinnen. Gerne erinnern wir uns an Professor Koller und Dr. Frei aus der Schweiz sowie an den österreichischen Völkerrechtler Professor Köck und den ehemaligen österreichischen Bundesratspräsidenten Professor Schambeck.

Besonderes Augenmerk wird auch auf aktuelle Themen gelegt. So wurde beispielsweise die Entscheidung des BVerfG zur Kopftuchproblematik im Fall Ludin und jüngste Entwicklungen zur Bewältigung dieses Spannungsverhältnisses in Europa in einer gemeinsamen Diskussionsrunde des Seminars zum Staats- und Europarecht und dem Seminar zu Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ unter Leitung von Professor Hufeld und Dr. Dieringer behandelt.

Studienbedingungen und Studentenleben

Im vergangenen Semester waren an der Andrássy-Universität etwa 120 Studenten immatrikuliert. Diese geringe Studentenzahl ist eine der bemerkenswertesten Besonderheiten dieser Universität. Die Lehrveranstaltungen heben sich damit deutlich von der uns bekannten akademischen Ausbildung in Form einer Massenabfertigung durch monotonen Frontalunterricht ab. Selten zählen Lehrveranstaltungen mehr als zehn Studenten, so dass Vorlesungen zu Seminaren werden. Die fakultätsübergreifende Möglichkeit der Teilnahme an den Lehrveranstaltungen stellt eine weitere Bereicherung der Ausbildung dar, da die Studenten so individuelle Studienschwerpunkte setzen können und untereinander in engem Kontakt stehen.

Durch die Teilnahme an Veranstaltungen der Fakultäten Internationale Beziehungen und Mitteleuropäische Studien kann man die juristischen Kenntnisse um politische, wirtschaftliche und historische Aspekte erweitern. Die Bibliothek zeichnet sich durch ihre Aktualität, Vielseitigkeit und vor allem durch die Hilfsbereitschaft der Bibliothekarinnen aus. Auch wenn es im Bereich der Fachzeitschriften noch einige Defizite gibt, so ist es dennoch möglich, über Fernleihe und die engen Kontakte zu Universitäten in Bayern und Baden-Württemberg auch auf exotischere Literatur zuzugreifen. Neben ausreichenden Computerarbeitsplätzen mit Internetzugang stehen den Studenten in der Bibliothek zahlreiche ungarische, österreichische und deutsche Tages- und Wochenzeitungen zur Verfügung. Darüber hinaus ist die Andrassy-Universität über das Internet an verschiedene wissenschaftliche Datenbanken angeschlossen.

Auf Grund der geringen Studentenzahl ist jeder aufgefordert, sich in die Universitätspolitik und das Studentenleben aktiv einzubringen. Im letzten Semester konnten die Studenten neben einer Welcome-Party, einige Kneipentouren, eine Nikolausfeier, eine Reise nach Bratislava und diverse Theaterbesuche organisieren. Ferner wurde ein Universitätschor und eine Studentenzeitung gegründet sowie der Andrássy-Ball ins Leben gerufen. Auch die Universitätsverwaltung bemüht sich um ein umfangreiches und interessantes vorlesungsbegleitendes Rahmenprogramm. Hierzu gehören Fahrten nach Wien und Brüssel mit Besuchen bei der OSZE, der NATO und der EU.

Voraussetzungen

Die Aufnahmevoraussetzungen für das postgraduale Studium an der Fakultät für Vergleichende Staats- und Rechtswissenschaften der Andrássy-Universität sind ein abgeschlossenes rechtswissenschaftliches Studium und die erfolgreiche Teilnahme an einer schriftlichen und mündlichen Aufnahmeprüfung. Die Studiengebühren belaufen sich auf ca. 500 Euro pro Semester, was im Vergleich zu anderen internationalen Aufbaustudiengängen eher im unteren Bereich liegt. Die Landesstiftung Baden-Württemberg bietet Absolventen baden-württembergischer Universitäten Stipendien für den Aufenthalt an der Andrássy-Universität an. Außerdem besteht die Möglichkeit, sich für ein Stipendium des DAAD zu bewerben. Die Dauer des Studiums beträgt grundsätzlich zwei Jahre (vier Semester), wobei eine Verkürzung auf ein Jahr (zwei  Semester) beantragt werden kann. Diese Möglichkeit bietet sich insbesondere für sog. Vollzeitstudierende. Allerdings erhöht sich die Belastung der Studenten enorm, was die ausschließliche Konzentration auf das Studium erfordert. Das Wintersemester dauert in der Regel von September bis Dezember und das Sommersemester von Februar bis Mai, wobei sich an jedes Semester eine Prüfungszeit anschließt.

Der Studienplan setzt sich aus obligatorischen und fakultativen Lehrveranstaltungen zusammen, wobei eine vorgeschriebene Mindeststundenzahl nicht unterschritten werden darf. Dies ist insofern von Bedeutung, da für den Erwerb des Abschlusses eine bestimmte Anzahl von Kreditpunkten gesammelt werden muss. Die einzelnen Pflicht- und Wahlfächer werden am Ende des Semesters mit einer mündlichen oder schriftlichen Prüfung abgeschlossen. Je nach Art der Veranstaltung sind auch andere Leistungsnachweise möglich. Eine weitere Voraussetzung für den Erwerb des LL.M.-Abschlusses ist die Abfassung einer Magisterarbeit mit einer anschließenden Disputation, wobei sich die Themenvergabe in erster Linie nach den individuellen Interessen des Studenten richtet.

Leben in der Donaukönigin

Budapest? Vor Beginn des Aufenthaltes erstreckten sich unsere Kenntnisse darauf, dass es sich um die Hauptstadt Ungarns handelt, die Stadt aus den Teilen Buda, Pest und Obuda besteht und dass jeder der hier einige Tage verbracht hat, begeistert war. Nach bisher dort verbrachten sechs Monaten ist uns Budapest mit seinen verschiedenen Facetten, seinem kulturellen Reichtum und seinem pulsierenden Leben mehr als ans Herz gewachsen.

Budapest zählt heute ca. 2,1 Millionen Einwohner. Sie ist von Kontrasten geprägt. Im ruhigen Buda findet man neben dem Burgberg mit dem einstigen Königspalast viele Thermalbäder, die an die Römerzeit bzw. die türkische Herrschaft erinnern. Das lebendige und manchmal etwas hektische und anstrengende Pest hingegen, verfügt über legendäre Konditoreien, Literaturcafes, Lokale und Museen. Ein Budapester Sprichwort sagt: „Lebe in Buda und arbeite in Pest“. Ohne Ungarischkenntnisse gestaltete sich die Wohnungssuche zunächst etwas schwierig, aber mit Hilfe der Universität, die bei der Suche von Wohnungen oder Zimmern behilflich war, gründeten wir im September eine deutsche WG. Die Mietpreise in der Innenstadt entsprechen annähernd dem deutschen Niveau, außerhalb kann man auch sehr günstig wohnen. Preiswert ist das Essen in den Lokalen und Restaurants der Stadt. Für umgerechnet drei bis vier Euro erhält man nicht selten schon ein Drei-Gänge Menü. Für das abendliche Programm bleiben auf Grund der vielen Lokale, Theater, Kinos und Konzerte keine Wünsche offen. Budapest bietet Herausforderungen und Reize zugleich. Auf Grund der entstandenen Freundschaften und Kontakte wird die Metropole der Magyaren auch nach unserem Aufenthalt Ziel vieler Gedanken und Reisen sein.

Fazit

Neben den Erfahrungen, die ein Aufbaustudium im Ausland immer mit sich bringt, besticht das LL.M.-Programm der Andrássy-Universität durch seine Interdisziplinarität, europarechtliche Aktualität und der einmaligen Chance, ein Stück des Weges der mitteleuropäischen Staaten und insbesondere Ungarns in die EU mitzugehen. Das Aufbaustudium an dieser Universität stellt sich für uns als eine erstklassige Bereicherung und Erweiterung unserer juristischen Ausbildung dar. Die angenehme Lernatmosphäre, die vorteilhafte Kleinheit und der noch immer vorhandene Pioniergeist der Gründungsphase dieser Universität verleihen ihr ihren unwiderstehlichen Charakter.

Susanne Krapp und Stephan Weinrich

JuS-Magazin 2/2004, S. 26


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