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Rechtsassessor Tim Gerhäusser, Freiburg i. Br.

Österreich: „Küss die Hand gnäd’ge Frau!“ – Wahlstation in der Anwaltskanzlei windisch law offices in Wien

Hofburg, Burgtheater, Belvedere, Hofreitschule, Schloss Schönbrunn und Stephansdom – dies sind nur einige Orte, die jeder Tourist mit der österreichischen Bundeshauptstadt verbindet. Dass es aber hinter dieser Sissi-Romantik auch interessante Einblicke in ein fremdes Rechtssystem geben kann, durfte ich während meiner Wahlstation in Wien erfahren.

Bei der Suche nach einer passenden Ausbildungsstelle griff ich auf die einschlägigen Internetsuchportale und Aushänge an den Landgerichten zurück. Es fand sich neben den üblichen Verdächtigen – internationalen Großkanzleien mit Büros in Wien – die Ausschreibung meiner späteren Ausbilderin, Frau Rechtsanwältin Dr. Windisch-Altieri, deren Kanzlei seit Jahren deutsche Referendare zur Ausbildung annimmt. Ein knappes Anschreiben mit angehängtem Lebenslauf via E-Mail genügte zur Bewerbung, und kurze Zeit später kam bereits eine Zusage aus dem 1. Bezirk in Wien. Mir wurde mitgeteilt, dass ein Kollege des LG Düsseldorf während meines ersten Arbeitsmonats ebenfalls in der Kanzlei arbeiten und mir dadurch die Einarbeitung leichter fallen würde – ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wie ich im Nachhinein feststellen durfte. Nicht nur in beruflicher Hinsicht kann so leichter Anschluss gefasst werden.

Die Kanzlei

Die Kanzlei Windisch Law Offices wurde im Jahre 2007 durch Frau Dr. Windisch-Altieri gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt durchlief die Kanzleigründerin Arbeitsstationen als Rechtsanwaltswärterin, Anwältin und Partnerin in verschiedenen größeren österreichischen Wirtschaftskanzleien. Die Kanzlei befindet sich im 1. Wiener Bezirk zwischen Stephansdom und Schwedenplatz in einem schmucken, renovierten Gebäude mit der imposanten Anschrift „Stoss im Himmel 3“. Neben meiner Ausbilderin arbeiten dort noch eine weitere Rechtsanwältin in Bürogemeinschaft sowie juristische Hilfskräfte und Sekretärinnen: alles in allem eine überschaubare Bürostruktur, die das Eingewöhnen leicht macht und die Arbeit transparent.

Die Kanzlei selbst betreut internationale Mandate auf allen Gebieten des Wirtschaftsrechts. Zu den Kernkompetenzen der Kanzlei gehört die Beratung im Unternehmens- und Medienrecht. Zu den Klienten zählen internationale Unternehmen jeglicher Größe, darunter Handels- und Dienstleistungsunternehmen, Banken und Finanzdienstleister, IT- und Telekommunikationsunternehmen, Online- und Mobile-Games-Entwickler sowie Künstler, Komponisten und Theaterproduzenten.

Der Arbeitsalltag

Diese interessante und buntgemischte Mandantenstruktur spiegelte sich auch im Arbeitsalltag wider. Wer hier nur einen langweiligen Nine-to-Five-Job erwartet, liegt gründlich daneben. Zu Beginn meiner Stage konnte ich bei einem Gesellschafterwechsel einer GmbH mit Tätigkeitsschwerpunkt auf dem Gebiet der Onlinespiele-Entwicklung mitwirken. In dieser Phase der Umstrukturierung galt es rechtliche Hinweise und Leitfäden für die Mandanten zu erarbeiten – ein nicht immer leichtes Unterfangen, wenn man sich auf der einen Seite agile Jungunternehmer mit Tatendrang vorstellt, deren Wünsche und Innovationen auf der anderen Seite in einen rechtlichen Rahmen einzufügen sind. Bereits hier zeigte sich das große Vertrauen, das die Ausbilderin in die von ihr betreuten Referendare setzt. Eigenständiges Arbeiten war die Regel und nicht die Ausnahme.

Überrascht zeigte ich mich über einen weiteren Arbeitsauftrag: die Neugründung einer Tochter eines bekannten italienischen Modeunternehmens mit Investoren aus dem Vereinigten Königreich mit späterem Verkaufsschwerpunkt in Russland. Eine solche Gründung im „big business“ darf man in Deutschland sicherlich eher bei einer der größeren Wirtschaftskanzleien erwarten. Diese fordernde Tätigkeit beschäftigte mich mehrere Wochen meines Aufenthalts. Erstaunt war ich darüber, welche ausgefallenen Wünsche russische Geschäftspartner an beglaubigte Notariatsunterlagen stellen können und mit welcher Flexibilität man auf diese Wünsche zu reagieren hat. In diesem Zusammenhang waren Besuche beim Handelsgericht Wien und dessen Rechtspflegern an der Tagesordnung, und ich konnte Einblicke nehmen in Abläufe, die der deutschen Bürokratie in nichts nachstehen. Auch konnte ich feststellen, dass mit Freundlichkeit und Charme in Österreich Vieles leichter geht. Wer hier mit dem von heimischen Gerichten gewohnten sachlichen, in österreichischen Ohren zu kalten Ton auftritt, wird nicht zum gewünschten Ziel kommen. In Wien wird parliert. Höfliche Umgangsformen, die in Deutschland wohl schon verloren gegangen sind, gehören hier einfach dazu, sei es beim Bäcker, im Kaffeehaus oder eben beim Handelsgericht.

Damit war das Spektrum der wirtschaftsrechtlichen Tätigkeit jedoch noch nicht erschöpft. Ein Unternehmenskauf auf dem Gebiet der Pharmabranche wurde während meiner Stationszeit vorbereitet. Hierbei konnte ich Erfahrungen sammeln bei der Bewertung einer „legal due dilligence“. Meine Ausbilderin half mir sehr und erleichterte durch ihre langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet die Einarbeitung. Auch oblag es mir im Zusammenhang mit diesem Unternehmensdeal, für die Mandantschaft zu prüfen, wie Marken in Iran und Irak übertragen werden können – eine Tätigkeit, die ich nicht in Wien erwartet hatte.

Ein Schmänkerl des Arbeitsalltags war auch das Durchforsten der „bunten Blätter“. Nicht aus Interesse darüber, welchen B-Prominenten der „Baulöwe“ Lugner dieses Jahr zum Opernball einladen wird, sondern aus medienrechtlicher Sicht. Die Kanzlei ist durch einen bekannten deutschen Schauspieler beauftragt, seine Interessen gegenüber der nicht gerade zimperlichen österreichischen Boulevardpresse zu vertreten. In diesem Zusammenhang habe ich Anträge und Klagen nach dem österreichischen Mediengesetz entworfen und bei Gericht eingebracht, wobei eingebracht in diesem Zusammenhang einer Bemerkung bedarf: Die österreichische Justiz ist der deutschen voraus. Der Schriftverkehr mit den Gerichten läuft elektronisch ab, wird signiert und mit Hilfe einer speziellen Software dem Gericht übermittelt. Eine innovative Kommunikationsart, die dem modernen Arbeitsalltag näher kommt als ein deutscher Gerichtsbriefkasten.

Bei den Abläufen im Juristischen scheint Vieles bekannt. Dies mag auch daran liegen, dass das österreichische „Allgemeines bürgerliches Gesetzbuch“ (ABGB) Ähnlichkeiten mit dem deutschen BGB aufweist und die europäische Integration und Vereinheitlichung Einzug in Österreich gehalten hat. Doch gerade in den zu findenden Unterschieden lässt sich das Verständnis des deutschen Rechts schulen. Hierbei ist sicherlich auch die Sprache bei einer Auslandsstation in Österreich vorteilhaft. Viele Kollegen nutzen ihre Wahlstationen im Ausland dazu, um bestehende Fremdsprachendefizite auszubügeln. Die Feinheiten des fremden Rechts, die sich gerade auch aus der Sprache ergeben, bleiben ihnen jedoch verschlossen. In Österreich kann man dagegen sofort in medias res gehen.

Leben in Wien

Die Lebenshaltungskosten in Wien sind vergleichbar mit denen deutscher Großstädte. Wohnungen und WG-Zimmer sind ab 250 Euro zu finden. Der ÖPNV ist sehr gut ausgebaut, und eine Monatskarte kostet etwa 50 Euro. Im 1. Bezirk mangelt es auch nicht an günstigen Möglichkeiten zum Mittagessen. Nahezu jedes Restaurant hat gute und preiswerte Angebote.

Wien bietet bei der Freizeitgestaltung die Vorteile einer Großstadt. Bars, Clubs und Diskotheken – es ist für jeden etwas dabei. Wer jedoch mehr sehen möchte als die in jeder europäischen Stadt ähnlichen „Locations“, kann in Wien auf ein reichhaltiges Kulturangebot zurückgreifen. Die weltberühmte Oper und die Theater sind ein Muss. Museen und Kunstausstellungen können jeden regnerischen und kühlen Tag interessant machen. Berühmt sind natürlich auch die Tanzveranstaltungen der Wiener Ballsaison von November bis etwa Karneval. Mit etwas Glück lassen sich hierfür Karten ergattern. Zu achten ist jedoch auf die strenge Kleiderordnung. Smoking und bodenlange Ballkleider sind bei vielen Veranstaltungen Pflicht. Hierauf stellen sich aber die bekannten internationalen Modeketten in Wien ein und bieten auch für den kleineren Referendarsgeldbeutel gute Möglichkeiten.

Fazit

Lehrreich, spannend, erlebnisreich: So lassen sich meine Erfahrungen aus der Wahlstation in kurzen Worten zusammenfassen. Internationales Wirtschaftsrecht muss nicht immer in großen „law firms“ stattfinden, sondern kann auch in kleineren Einheiten effektiv betrieben werden. Dieses Erlebnis auch noch in einer solch wunderschönen Stadt wie Wien machen zu dürfen, gibt dem Ganzen das Häubchen Schlagobers auf die Sachertorte.

Bewerbungen sind mit Anschreiben und Lebenslauf sowie den üblichen Unterlagen an Frau Rechtsanwältin Dr. Bettina Windisch-Altieri unter www.windischlaw.com zu richten. Die Kanzlei gewährt eine finanzielle Unterstützung zur Miete. Neben den auch aus Deutschland bekannten Internetportalen ist www.jobwohnen.at empfehlenswert. Hier finden sich preiswerte Angebote für möblierte Zimmer und Wohnungen.


JuS 3/2010, S. XXIII



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