Indien: Wahlstation bei der Deutsch-Indischen Handelskammer in Bangalore


Die deutschen Auslandshandelskammern bieten Rechtsreferendaren die Möglichkeit, ihre Wahl- oder Verwaltungsstation in einer ihrer weltweiten Niederlassungen abzuleisten. Der Verfasser hat seine Wahlstation von Mai bis September 2000 bei der Deutsch-Indischen Handelskammer (DIHK) in Bangalore verbracht.


Die DIHK wurde 1956 als Dienstleistungsorganisation zur Förderung der deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen gegründet. Mit 6.350 Mitgliedsfirmen und insgesamt rund 80 Mitarbeitern ist die DIHK die mitgliedsstärkste deutsche Auslandskammer und gleichzeitig eine der größten Wirtschaftsorganisationen Indiens. Die DIHK hat ihre Hauptgeschäftsstelle in Bombay und Zweigstellen in Delhi, Madras, Kalkutta und Bangalore. Die Betreuung der deutschen Mitgliedsfirmen übernimmt das Verbindungsbüro in Düsseldorf. Die DIHK berät und unterstützt ihre Mitglieder in allen Fragen des deutsch-indischen Handels. Dazu gehören insbesondere die Anbahnung von Geschäftskontakten, die Erteilung von Handelsauskünften, die Beratung über Vertriebswege und Absatzstrategien sowie die Anfertigung von Marktstudien und Übersetzungen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Schlichtung von Handelsstreitigkeiten durch sog. Mediationsverfahren, in denen die Kammer eine neutrale Vermittlerposition einnimmt. Darüber hinaus organisiert die DIHK Messen, Geschäftsreisen und andere Veranstaltungen. Sie stellt außerdem Zeitschriften, Broschüren und Merkblätter zur Verfügung.
Geographisch größer als Mitteleuropa und mit mittlerweile weit über eine Milliarde Einwohnern nach China zweitgrößte Nation der Welt, ist Indien mit zahlreichen Problemen eines modernen Schwellenlands behaftet: Armut, Bevölkerungsexplosion, Analphabetismus, Landflucht, Krankheiten, Umweltverschmutzung und Verkehrschaos seien hier nur als Stichworte genannt. Dieser Bericht will all diese Probleme weder aufgreifen oder gar lösen. Nur so viel sei gesagt: Für den Referendar ist die Ankunft in Indien im Regelfall mit einem „Kulturschock“ verbunden. Wer zum ersten Mal nach Indien kommt, wird vermutlich überrascht und erschrocken sein über die großen Gegensätze dieses Landes: Prunkbauten und Nobelhotels neben Elendshütten und provisorischen Bretterverschlägen; verkrüppelte Bettler und Obstverkäufer neben Geschäftsleuten und Computerspezialisten; Luxusautomobile, Cybershops und Modeboutiquen neben Eselskarren und mittelalterlich anmutenden Gerätschaften; westlicher Lifestyle neben jahrhundertealter Tradition.


Wer den Kulturschock überwindet und sich für einige Monate wirklich und vorbehaltlos auf dieses Land einlässt, wird eine Vielzahl einzigartiger und unvergesslicher Eindrücke erlangen. Die Vielfalt des Landes ist beeindruckend: Von Hochgebirgen und Wüsten im Norden bis zu tropischen Stränden und Wäldern im Süden. In kaum einem anderen Land der Welt finden sich sämtliche Weltreligionen so dicht gedrängt aufeinander: Moscheen neben Hindutempeln, christliche Kirchen neben buddhistischen Pilgerstätten.


Die größte Demokratie der Welt, wie sich Indien selbst stolz bezeichnet, entspricht nur bedingt dem Klischee vieler Reiseführer und bietet weit mehr und vor allem anderes als „nur“ Tempel, Elefanten und Schlangenbeschwörer: Es ist vor allem die Dynamik des Landes, die hervorsticht und überrascht. Nichts ist wie erwartet, alles in ständiger Bewegung und Veränderung. Der Faszination Indiens kann sich kaum jemand entziehen.


Mit weit über sechs Millionen Einwohnern gehört Bangalore zu den zehn größten Städten des Landes. Im Süden Indiens auf etwa 920 m Höhe gelegen, herrscht das gesamte Jahr ein angenehmes Klima, mit Temperaturen nicht über 35° Celsius. Bangalore wird wegen der rasant anwachsenden Computerindustrie auch als das „Silicon Valley“ Indiens bezeichnet.
Für indische Verhältnisse modern und wohlhabend, ist Bangalore die am westlichsten orientierte Stadt des Landes. Bangalore ist hektisch, laut und scheinbar ohne Struktur. Klassische Sehenswürdigkeiten fehlen: Zwar gibt es einige Museen und Parkanlagen, doch können diese kaum mit ähnlichen Einrichtungen in anderen Teilen des Landes mithalten. Dafür findet man Einkaufsstraßen und Shopping-Center, in denen die vergleichsweise gut situierten Bewohner der Stadt einkaufen. Echte indische Atmosphäre kann man auf dem City-Market erleben. Oase der Stadt ist der botanische Garten, Lal Bagh. Dort kann man für einige Zeit der starken Luftverschmutzung entgehen. Abends kann man sich die Zeit in einigen Pubs oder Bars nach westlichem Vorbild vertreiben oder auch in eines der Kinos gehen, in denen auch westliche Filme laufen.


Das Büro der Kammer in Bangalore ist mit nur vier festangestellten Mitarbeitern klein und übersichtlich, die Atmosphäre entspannt und freundlich. Neben der Bürochefin, Frau Audrey D’Souza, arbeiten hier noch eine Sekretärin, eine Schreibkraft sowie eine Hilfskraft.
Der zugewiesene Referendar ist der einzige Deutsche im Büro und beschäftigt sich dementsprechend häufig mit Übersetzungsarbeiten. Neben kurzen Texten sind vor allem auch technisch und juristisch schwierige Fachtexte, wie z. B. Vertragsentwürfe und Produktbeschreibungen, zu übersetzen. Gute Englischkenntnisse sind daher unabdingbar. Ein zweiter Schwerpunkt besteht in der Bearbeitung sog. claim cases. Bei Zahlungs- oder sonstigen Kommunikationsproblemen zwischen deutschen und indischen Firmen mahnt der Referendar Zahlungen an, fertigt entsprechende Schriftsätze und bemüht sich um die gütliche Beilegung dieser Handelsstreitigkeiten. Die entsprechenden Vergleichs- und Vermittlungsgespräche führt der Referendar selbstständig und eigenverantwortlich. Daneben übernimmt er große Teile der deutschen Korrespondenz. Gelegentlich kommen auch Firmenbesuche sowie offizielle Anlässe, wie z. B. der Besuch eines Bundesministers, hinzu, an denen der Referendar teilnimmt. Wem das nicht ausreicht, kann zusätzlich mit einem indischen Rechtsanwalt, mit dem das Büro eng zusammenarbeitet, Verbindung aufnehmen.


Insgesamt bieten sich dem Referendar bei der Tätigkeit in der Kammer daher vielfältige Gelegenheiten, mit deutschen und indischen Firmen und Geschäftsleuten in Kontakt zu treten und dabei das Wirtschafts- und Rechtssystem Indiens kennen zu lernen. Auch wenn all dies nicht immer unbedingt examens- oder prüfungsrelevant ist, so ist die Vielfalt der Aufgaben und deren wirtschaftlicher Bezug sowie die eigenverantwortliche Betreuung der Handelsstreitigkeiten eine Herausforderung, die den eigenen Verständnis- und Erfahrungshorizont erweitert.


Da man in der Kammer mit Arbeit nicht überhäuft wird und auch Arbeitszeiten recht flexibel gehandhabt werden, bleibt ausreichend Zeit, Land und Leute kennen zu lernen. Es gibt viel zu sehen. Im Süden Indiens sind es vor allem Tempel, Teeplantagen und Palmenstrände; im Norden die großen Metropolen Bombay, Delhi und Kalkutta sowie die Maharadscha-Paläste in Rajasthan und der Taj Mahal in Agra. Vor allem aber sind es die Menschen in ihren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen, die einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen und zum Nachdenken anregen.


Einschränkend muss dabei allerdings angemerkt werden, dass Indien kein klassisches Reise- oder Urlaubsland ist: Die Entfernungen sind lang, Bus- und Bahnreisen langsam, beschwerlich und keinesfalls mit deutschen Verhältnissen vergleichbar. Die Städte sind groß und unübersichtlich; Klima, Schmutz und Armut oft kaum erträglich. Echt touristische Infrastruktur gibt es nur an den Hauptattraktionen des Landes. Wer sich darüber im Klaren ist und unterwegs nicht die Nerven verliert, wird mit zahlreichen und unersetzlichen Erlebnissen, vor allem auch menschlicher Art, belohnt.


Sieht man Sinn und Chance der Auslandswahlstation zutreffend auch und gerade im Kennenlernen eines fremden Kultur- und Gesellschaftskreises, so ist Indien der richtige Platz: für einige Monate fernab von allem Bekannten zu leben und sich auf völlig andere Verhältnisse einzustellen, ist eine Herausforderung, die nicht nur die eigene Persönlichkeit, sondern auch das Verhältnis zu Deutschland prägt, dessen Probleme hier in einem anderen Licht erscheinen. In Indien kann man den auch für Juristen so wichtigen „Blick über den Tellerrand“ auf einzigartige Weise in die Praxis umsetzen.


Fazit: Insgesamt ist die Station bei der DIHK Bangalore eine vielfältige Erfahrung: In fachlicher Hinsicht ist die Arbeit in der Kammer abwechslungsreich und mit starkem wirtschaftlichem Bezug, allerdings nicht immer unbedingt examensrelevant oder ausbildungswichtig. Im Übrigen kann man in dieser Station eines der interessantesten und dynamischsten Länder der Welt kennenlernen. Von einer „Urlaubsstation“ zu sprechen, wäre indes verfehlt: Durch die oft umfangreiche Tätigkeit in der Kammer erhält der Referendar nicht nur Einblicke in das Alltags- und Geschäftsleben, sondern auch einen Eindruck vom Wirtschafts- und Rechtssystem des Landes. Darüber hinaus lernt man zahlreiche Deutsche und Inder auch privat und damit nicht nur oberflächlich kennen. Dies alles sind Erfahrungen, die dem normalen Besucher im Regelfall verschlossen bleiben. Der Verfasser vermag hier keine verbindlichen Ratschläge zu erteilen. Nur soviel: Indien ist kein einfaches und oft auch kein angenehmes Land. Es ist ebenso aufdringlich, hektisch und grell wie es bunt, vielfältig und faszinierend ist. Jeder Referendar sollte sich daher genau auf Indien vorbereiten und überlegen, ob er sich darauf einlassen will. Immerhin muss er es mehrere Monate fernab vieler Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten aushalten, was im Falle Indiens eine echte Belastung sein kann. Beschwerlichkeiten und Unzulänglichkeiten muss man hinnehmen. Wer sich dessen bewusst ist, sorgfältig plant und kulturell offen ist, wird diese Wahlstation mit Gewinn absolvieren.


Praktische Hinweise: Wer Interesse an dieser optimalerweise 3-4 Monate langen Station hat, sollte wegen der großen Nachfrage möglichst schon zu Beginn des Referendariats seine Bewerbung mit den üblichen Unterlagen richten an:

Indo-German Chamber of Commerce

Herrn Dr. Krüger

Maker Tower „E“

1st Floor

Cuffe Parade

P.O.Box 11092

Bombay (Mumbai) 400 005

India

Telefon: 0091/22/218631

Telefax: 0091/22/2180523

E-Mail:

Allgemeine Informationen über die Auslandshandelskammern erhalten Sie unter der Adresse:

Deutscher Industrie- und Handelstag (DIHT)

Adenauerallee 148

53113 Bonn 1

Telefon: 0228/10 41 86

Für weitere Fragen und Auskünfte steht auch der Verfasser unter seiner E-Mail-Adresse zur Verfügung.

Rechtsreferendar Matthias Dühn, Trier


JuS 10/2000