Indien: Zwischen Mediation und Alltagschaos – Wahlstation bei der Deutsch-Indischen Handelskammer in Bombay


Schwüle schlägt einem am Flughafen in Bombay entgegen. Kein prächtiges Flughafen-Gebäude empfängt einen, keine Klimaanlage. Man fühlt sich ein wenig an einen Dschungel-Airport erinnert statt an die Wirtschaftsmetropole eines Eine-Milliarde-Volkes. Am Ausgang drängen sich zahlreiche Taxifahrer um die müden Reisenden, unzählige Hände ringen lautstark und bedrängend darum, das Gepäck die paar Meter zum Taxi zu schleppen gegen einen reichhaltigen „Tipp“ selbstverständlich. Das „Einheits“-Taxi in Bombay, in geld-schwarz gehalten, ist eine Fiat-Version aus der 60-er Jahren, dem Trabbi ähnlich. Das Gefährt muss schon mal vor dem Start angeschoben werden, damit der Motor anspringt für die Fahrt in die etwa eine Stunde entfernte Innenstadt. Der Weg führt mit indischer Musik aus dem Autoradio über die holprigen Straßen vorbei an unzähligen Blechhütten oder einfachen Verschlägen; in Monsun-Zeiten schützen sich die Bewohner mit Plastikfolien gegen den Regen. Es kann vorkommen, dass man an den Ampeln mit Lastelefanten und einer S-Klasse gleichzeitig zusammen wartet, während Kinder mit Armstummeln an die Autofenster schlagen, um Rupien zu erbetteln. Zu guter Letzt verlangt der radebrechend englisch sprechende Taxifahrer eine detaillierte Führung zum gewünschten Ziel, er kennt wie so oft selbst nicht den Weg. Auf den Punkt gebracht: Schon mit der Ankunft kann man gewiss sein – Indien ist anders!

Meine juristische Herausforderung suchte ich an einer beliebten Schnittstelle von Recht, Wirtschaft und Kultur der Deutsch-Indischen Handelskammer mit Sitz in Mumbai, wie Bombay seit 1996 offiziell heißt. Dependancen gibt es in Delhi, Kalkutta, Madras und Bangalore. Die Handelskammer ist mit ihren über 6.500 deutschen und indischen Mitgliedsunternehmen die größte ihrer Art. Ständig werden Rechtsreferendare aufgenommen, die dem Bereich der Legal Services zugeordnet sind.

Haupttätigkeit der Referendare ist die außergerichtliche Beilegung von Rechtsstreitigkeiten, so genannte Claim Cases, zwischen deutschen und indischen Unternehmen. Sinnvoll ist dies für viele deutsche Unternehmen, die einigermaßen zügig Forderungen durchsetzen wollen. Denn einen Titel vor indischen Gerichten zu erhalten kann durchaus 15 Jahre dauern, und die Vollstreckung bleibt auch danach schwierig. Sowieso ist Indien weit bürokratischer als Deutschland, was sich jedoch auf Grund einer seit 1991 begonnen Privatisierungsinitiative langsam ändert.

Diese Streitschlichtung, eine Art Mediation, wird von den Rechtsreferendaren mit hoher Eigenverantwortung ausgeübt. Vorab werden die Erfolgschancen geprüft. Wenn offensichtlich kein Anspruch für eine Partei besteht, ist eine Streitschlichtung sinnlos, da auch unglaubwürdig. In diesem Fall kann es schwierig sein, auch diesen Standpunkt zu vermitteln, denn indische Geschäftsleute und Firmen sind sehr viel stärker von Emotionalität, Spontanität und Ehrgefühl geprägt, als man es von den eher rationalen Entscheidungen und Entscheidern im Westen gewohnt ist. Eine spannende Gelegenheit also, auch eine ganz andere Kultur des Geschäftemachens und der Streitschlichtung kennen zu lernen. Dazu bestand in der Kammer auch Gelegenheit, denn „Kundenbesuche“ sind durchaus an der Tagesordnung. Ein relativ verhandlungssicheres Englisch, das indische Gerichtssprache und eine von vier offiziellen Amtssprachen auf dem Subkontinent ist, ist vorteilhaft. Auffällig beim „Kundenkontakt“: Noch bevor sich die Besucher vorstellen, zücken sie ihre Visitenkarte. Wenn die juristische Vorprüfung der Schlichtungssache für eine Partei tatsächlich einen Anspruch wahrscheinlich erscheinen lässt, wird mit der anderen Partei Kontakt aufgenommen. Werden Anschreiben nicht innerhalb einer Frist beantwortet, so wird telefonisch nachgehakt oder auch ein Besuch der betreffenden Partei, soweit sie in Indien ihre Sitz hat, in Erwägung gezogen. Häufig auftretende Streitfälle sind etwa solche über Gewährleistungsansprüche, Garantie, schlichte Nichtleistung oder Nichteinhaltung von Vertriebsverträgen. Die Kammer nimmt dabei eine strikt neutrale Position ein.

Zu den weiteren Aufgaben der Referendare zählen die Beantwortung von allgemeinen Fragestellungen im Gesellschaftsrecht, dem Insolvenzrecht, dem Steuerrecht. Für detailliertere Anfragen vermittelt die Kammer Rechtsanwälte mit ausgeprägten Expertenwissen. Zu den wirtschaftsnahen Tätigkeiten während der Wahlstation gehörten die Evaluierung einer Umfrage zum Investitionsklima in Indien oder die Begleitung von Wirtschaftsdelegationen aus Deutschland. Zudem werden auch Übersetzungen von Verträgen oder Gerichtsurteilen angefertigt.

Neben juristischer Arbeit bleibt in der Kammer, die ihren Sitz im Business-Viertel Colaba hat, auch Zeit für ungewöhnliche Aufgaben. Dazu zählten für mich unter anderem die Diskussion mit und der Unterricht von indischen Deutschschülern des örtlichen Goethe-Instituts „Max Mueller Bhavan“ oder eine 90-minütige Vorlesung vor Studenten des Indo German Training Centers, einer Einrichtung deutscher Konzerne, die sich an das Vorbild der deutschen Wirtschaftsakademien anlehnt und eine duale Ausbildung mit einem Praxiseinsatz in den Firmen anstrebt.

Inder sind sehr wissbegierig, jedoch erhalten bei weitem nicht alle die Chance zum Lernen. Die Realitäten Indiens sind weit davon entfernt, allen Qualifizierten eine Ausbildung zu ermöglichen. Nichtsdestotrotz weiß man auf Grund der Green Card-Diskussion um die hohe Qualifikation der IT-Fachleute. Zudem verfolgt Indien ein eigenes Mondlande-Programm und verkauft Satellitenfotos sogar an den Bundesnachrichtendienst. Im großen Kontrast dazu steht die Armut, die auf den Straßen sichtbar wird. Bombays geschätzte 16 Millionen Einwohner wohnen nach inoffiziellen Angaben zu zwei Dritteln in Slums, wobei es hier auch verschiedenste Kategorien gibt. Diese Kontraste machen Indien und insbesondere das wuselige, auch häufig als chaotisch empfundene Bombay zu einer echten Herausforderung, die alle Sinne strapaziert. Allein das Fahren in den Vorortzügen zur Rush-Hour ist ein Erlebnis. Die Abteile sind erst dann gefüllt, wenn an den Einstiegen eine große Menschentraube hängt.

Meine Unterkunft als „paying guest“ wurde von der Kammer organisiert und war vergleichsweise günstig, wenn man bedenkt, dass sich Bombay hinsichtlich der Mietpreise mit Tokio und New York vergleichen kann. Vor der Tür meines Apartment-Hauses stand auch tatsächlich eine der sprichwörtlichen heiligen Kühe, der Passanten ständig frisches Gras opferten.

Europäische Essgewohnheiten werden außer in Fünf-Sterne-Hotels selten befriedigt. Häufig gibt es Reis mit Gemüse oder Hühnchen, dazu scharfe Soßen und Chapati (ein indisches Fladenbrot), was man möglichst nicht an Straßenständen kaufen sollte, da die indischen Hygienevorstellungen teilweise erheblich von den europäischen abweichen.

Die Andersartigkeit des Landes mit seinen über 300.000 Heiligen und den unterschiedlichsten Religionen, den ungewohnten Sitten, den quirligen Basaren und Straßen, den unzähligen Menschen zwingt zu Toleranz und einem notwendigen Maß an Gelassenheit.

Am Ende des knapp viermonatigen Aufenthalts bleibt die Faszination für eine Gesellschaft, eine Kultur, bei der man das Gefühl hat: Je mehr man davon erfährt, umso weniger scheint man zu wissen. Und das Bedürfnis, trotzdem ständig mehr zu erfahren.

Bewerbungen um und Informationen über eine Wahlstation an einem der Büros der Deutsch-Indischen Handelskammer sind frühzeitig zu richten an: Deutsch-Indische Handelskammer, Maker Tower „E“, 1st Floor, Cuffe Parade, Mumbai 400 005, India. Internet: www.indo-german.com.

Assessor jur. Alexander Cordes, Düsseldorf/Bremen


JuS 5/2003