Rechtsreferendar Dr. Arne Kießling, Düsseldorf

Australien: Zwischen der australischen und der deutschen (Rechts-)Welt – Wahlstation in der Kanzlei Buse Heberer Fromm in Sydney


Die Wahlstage gilt vielen Referendaren zu Recht als eine der dankbarsten Stationen des Referendariats. Erstens kann man nach den meisten Ausbildungsordnungen frei entscheiden, wo man die Station verbringen will, zweitens kann man nach den Examensklausuren und damit dem größeren Teil des zweiten Staatsexamens endlich ein bisschen aufatmen. Außerdem kann man diese Station auch perfekt dazu nutzen, sich (weiter) in einem Rechtsgebiet zu spezialisieren und/oder mit einem Auslandsaufenthalt Fremdsprachenkenntnisse zu vertiefen– das alles natürlich zusammen mit der verdienten Erholung nach den Klausuren.

Kanzlei und Struktur

Ich hatte in meiner Wahlstation von Dezember 2009 bis einschließlich Februar 2010 das Glück, dies alles als Referendar bei Buse Heberer Fromm in Sydney erleben zu dürfen. Buse Heberer Fromm ist eine der größeren Wirtschaftskanzleien in Deutschland und an mehreren Standorten überregional vertreten. Die Kanzlei unterhält darüber hinaus auch verschiedene Auslandsbüros (so z. B. Mailand, Paris oder New York). Ich hatte mich bereits während meiner Strafrechtsstation bei Buse Heberer Fromm in Sydney beworben. Das Büro wird geleitet von Herrn Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Babeck, der als Partner Buse Heberer Fromm angehört, aber als australischer solicitor auch eine weitere, sehr interessante Stellung einnimmt: Dr. Babeck ist gleichzeitig als sog. European Counsel für die Kanzlei DibbsBarker tätig, einer großen überregionalen law firm in Australien mit Standorten in Sydney, Brisbane, Canberra und Perth. Buse Heberer Fromm ist in DibbsBarker eingegliedert, was in der Praxis bedeutet, dass Wolfgang Babeck sowohl Mandate von Buse Heberer Fromm als auch solche des European Desk von DibbsBarker betreut. Seine Mandanten sind überwiegend mittelständische oder größere Unternehmen, u. a. aus Deutschland, England oder Australien.

Das Büro von DibbsBarker in Sydney liegt mitten im sog. Central Business District. Dadurch ist einerseits für eine sehr gute Verkehrsanbindung aus den Vororten gesorgt, andererseits finden sich auch in unmittelbarer Nähe zum Büro reichhaltige kulinarische Angebote für die Mittagspause. Die Häfen und Quays Sydneys sind zu Fuß innerhalb von fünf Minuten ebenso gut zu erreichen wie die Oper und der botanische Garten.

Die oben beschriebene Sonderstellung Wolfgang Babecks zwischen deutscher und australischer Wirtschaftskanzlei hat für den Referendar mehrere Vorteile: Man kann auf der einen Seite teilweise im deutschen Recht tätig werden, wobei vorwiegend Fragen aus dem Handels- und Gesellschaftsrecht relevant werden. Auf der anderen Seite kommt man zusätzlich zu einem großen Teil mit dem Common Law Australiens in Berührung. Bei der täglichen Arbeit werden dadurch regelmäßig die Unterschiede der beiden Rechtsordnungen in der Denk- und Herangehensweise an Rechtsfragen deutlich und ausgiebig erörtert.

Wolfgang Babeck ist darüber hinaus Mitglied der Human Rights Group des sog. Law Council of Australia, so dass man neben dem weit überwiegenden wirtschaftsrechtlichen Teil auch viele interessante Einblicke in die Arbeit von NGOs bekommen und sich mit aktuellen Fragen von Menschenrechtsverletzungen und des Völkerrechts auseinandersetzen kann.

Arbeitstag

Der Arbeitstag beginnt morgens gegen 9.30 Uhr, oftmals mit einer Besprechung über den Tagesablauf oder die Entwicklung neuer oder aktueller Mandate. Die Arbeit in der Kanzlei ist vielfältig: So stellten sich in meiner Zeit gesellschafts- und insolvenzrechtliche Fragen, zu denen ich regelmäßig einen kurzen Vermerk zu erarbeiten hatte. Außerdem konnte ich immer wieder australische Unternehmenskaufverträge überarbeiten oder bestimmte Shareholders Agreements für den jeweiligen Mandanten vorbereiten. Dies schloss teilweise die vorbereitende Korrespondenz mit anderen Rechtsanwälten oder Rechtsabteilungen sowie entsprechende Telefonate ein. Neben vielen hochinteressanten Mandaten waren meine Highlights zum einen der Verkauf einer australischen Gesellschaft an ein deutsches Unternehmen, weil sich dabei sowohl Fragen des deutschen Rechts als auch des Common Law stellten und zum anderen die rechtliche Begleitung eines deutschen Großkonzerns auf dem für mich ungewohnten Gebiet der Intellectual Property, die vertiefte Einblicke in große Gerichtsverfahren im Common Law bot. Dabei ist man keinefalls nur Zuarbeiter ohne Mandantenkontakt. Wolfgang Babeck legt großen Wert darauf, seine Referendare z. B. in Telefonkonferenzen, zu Mandantenbesprechungen oder anderen Meetings mitzunehmen. Auf diese Weise bekommt man nicht nur einen Einblick in das australische Recht, sondern lernt auch vieles über den Umgang mit Mandanten, (gegnerischen) Anwälten oder Geschäftsleuten. Außerdem ist man als Deutscher keineswegs isoliert am European Desk, sondern arbeitet täglich mit australischen Anwälten zusammen und fertigt den überwiegenden Teil der Vermerke, Mandantenschreiben und der E-Mail-Korrespondenz auf Englisch an. Auf diesem Wege vertieft sich schnell die Kenntnis der englischen Rechtssprache.

Die Arbeitszeiten sind mit denen großer deutscher Wirtschaftskanzleien nicht vergleichbar. Wenn wir wegen einer wichtigen Telefonkonferenz mit einem deutschen Mandanten ausnahmsweise bis 20 Uhr abends im Büro geblieben sind, waren wir die letzten, die das Haus verlassen haben. Im Regelfall endet der Arbeitstag zumindest für Referendare zwischen 17 und 18 Uhr. Wolfgang Babeck lässt einem aber auch hierbei durch großzügige und flexible Regelungen ausreichend Freiheiten, da er auf eigenverantwortliches Handeln seiner Referendare setzt. Gleiches gilt für den Urlaub: In Absprache mit Dr. Babeck hat man ausreichend Zeit, das Land zu bereisen, wenn der Resturlaub des Referendariats dazu ausreicht.

Daneben hat man die Möglichkeit, ein einwöchiges Praktikum am Federal Magistrates Court of Australia zu machen, an dem ein ehemaliger Partner von DibbsBarker als Richter tätig ist. Insbesondere die Aufteilung zwischen barristers und solicitors und die cross examinations, bei denen die Parteien vernommen werden, machen einen Aufenthalt bei Gericht unbedingt empfehlenswert.

Vorbereitung und Planung

Auch wenn im Gegensatz zu einer Station beispielsweise in den USA die bürokratischen Hürden deutlich niedriger sind, sollte man den Aufenthalt doch frühzeitig und sorgfältig planen. Zwar ist oftmals mehr als ein Referendar bei Wolfgang Babeck tätig, er erhält aber für jeden Monat deutlich mehr Bewerbungen, als er Stagenplätze vergeben kann. Das bedeutet, dass man sich möglichst frühzeitig um die Station bemühen muss, günstigstenfalls mindestens ein Jahr vor dem geplanten Antrittstermin. Üblicherweise führt Dr. Babeck mit Bewerbern, die er in die engere Auswahl einbezieht, ein Telefonat, oftmals auch überraschenderweise auf Englisch. Das führte bei mir dazu, dass wir neben dem üblichen Zeitunterschied noch eine relativ schlechte Telefonverbindung von meiner Verwaltungsstation in Kapstadt nach Australien hatten, so dass es ein sehr unterhaltsames Gespräch wurde. Danach findet regelmäßig noch ein ausführliches persönliches Gespräch mit ihm, einem seiner Kollegen oder einem ehemaligen Referendar statt.

Ist die Stelle einmal zugesagt, gehen die Vorbereitungen los. Für die Tätigkeit als Referendar ist ein Visum erforderlich, das aber unproblematisch via Internet auf den Seiten des australischen Department of Immigration (http://immi.gov.au) beantragt werden kann und das man im Regelfall umgehend erhält. Für einen Stationsreferendar sind mehrere Visa erhältlich, ich selbst hatte ein sog. Working Holiday Visa, das für 210 Australische Dollar zügig zu bekommen ist.

Sollte man über die USA nach Australien reisen, was im Hinblick auf die dann geltende erweiterte Gepäckgrenze von 2 x 23 kg durchaus empfehlenswert ist, benötigt man außerdem eine sog. ESTA-Genehmigung, die aber ebenfalls online (https://esta.cbp.dhs.gov) beantragt werden kann.

Im Hinblick den Reiseantritt bietet es sich außerdem an, ein paar Tage vor Beginn der Station einzutreffen, um sich ein wenig zu akklimatisieren und schon mal einen ersten Blick auf Sydney werfen zu können.

Danach stellt sich die Frage der Unterkunft. Wolfgang Babeck verschickt bei Zusage regelmäßig eine Liste mit Unterkünften, die aber leider nicht mehr aktualisiert wird und daher teilweise veraltet ist. Meines Erachtens sind die östlichen Vororte Sydneys am schönsten, auch weil man morgens zum Büro nicht länger als eine halbe Stunde Fahrtzeit braucht. Ich selber habe im Stadtteil Bondi Beach in unmittelbarer Nähe zum Strand bei einer Gastfamilie gewohnt, bei der außer mir noch andere ausländische Studenten wohnten. Die Zeit bei der Familie war fantastisch, erstens wegen der Nähe des Hauses zum Strand, so dass ich oft nach der Arbeit noch eine halbe Stunde surfen gehen konnte. Zweitens empfiehlt es sich sehr, mit Australiern zu wohnen, weil man auf diese Weise den authentischsten Eindruck der australischen Mentalität und Kultur gewinnt. Der Aufenthalt nur im Dunstkreis anderer deutscher Referendare bedeutet sicherlich eine verschenkte Gelegenheit.

Grundsätzlich ist Sydney zu jeder Jahreszeit schön, allerdings gilt das insbesondere für den australischen Sommer. So hatte ich das Glück, Weihnachten mit „meiner“ australischen Familie feiern zu können, das berühmte Silvesterfeuerwerk an der Harbour Bridge zu sehen und beim Australia Day und Chinese New Year dort zu sein. Wer die Australier kennt, weiß, dass sie aus jedem noch so kleinen Anlass eine Riesenparty machen können – dies mitzuerleben, ist eine unvergessliche Erfahrung.

Fazit

Oft wird gegen Auslandsstagen eingewandt, die Vorbereitung sei zu aufwändig und der Erfolg und der Nutzen seien ungewiss. Wenn man sich frühzeitig vor dem akuten Klausurenstress ausreichend Zeit nimmt und sich sorgfältig vorbereitet, ist der erste Einwand hinfällig. Der Nutzen einer Auslandsstage ist hingegen immens: Erstens sehen es spätere Arbeitgeber immer sehr gerne, wenn man das Referendariat genutzt hat, über den Tellerrand zu blicken, und dabei zweitens noch seine Sprachkenntnisse vertieft hat. Vor allem aber trifft man beeindruckende Menschen und macht fantastische Erfahrungen, die man nicht wieder vergessen wird: Eine Wahlstation in Sydney ist dafür ein Garant.


JuS 4/2010, S. XXXIX