Indien: Wahlstation an der deutschen Botschaft in Neu Delhi


Wer daran interessiert ist, zeitweilig in einem fremden Land zu leben und zu arbeiten, sollte sich diese Möglichkeit während des Referendariats nicht entgehen lassen. Es gibt wohl kaum wieder die Chance, dermaßen intensiv und doch in begrenzter Zeit in ein fremdes Land und Rechtssystem hineinzuschnuppern. Möchte man dann noch gerne einen Bereich des Staatsdienstes kennenlernen, der sonst wenig zugänglich ist, und interessiert sich für das diplomatische Miteinander verschiedener Staaten, so bietet sich die Station bei einer Botschaft an. Bei mir kam noch der Wunsch hinzu, eine völlig andere als die europäische Rechts- und Kulturlandschaft kennenzulernen, so dass ich mich für Asien und dort Indien bewarb. Dieser Wunsch ging dann auch in Erfüllung.

1. Die Arbeit an der Botschaft. Die deutsche Botschaft in Neu Delhi gehört zu den größeren Vertretungen. Sie hat etwa 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und gliedert sich in die Abteilungen bzw. Referate Rechts- und Konsularwesen (RK), Politik und Protokoll, Presse, Kultur sowie Wirtschaft/Wirtschaftliche Zusammenarbeit, Wissenschaft und Arbeit & Soziales. Die Referendare werden zumindest für die Hälfte ihrer Zeit in RK eingesetzt, üblich sind darüber hinaus Zeitabschnitte bei Wirtschaft und Politik. Dabei ist es aber durchaus möglich, eigene Wünsche zu äußern und noch in weitere Bereiche hineinzuschnuppern.

Ich habe zu Beginn meiner viermonatigen Station ab 1. 1. 2001 zunächst sechs Wochen in RK verbracht. Hier sind die Referendare in die Arbeit fest eingeplant und haben nicht wenig zu tun. Eigentlich soll hier ein Referendar den anderen einarbeiten, das funktioniert aber nicht immer. So war bei meinem Arbeitsanfang die vorherige Referendarin bereits seit November fort, ich musste mich also – anhand des dicken Aktenstapels, den ich vorfand – selbst einarbeiten. Das klappte allerdings mit Hilfe der von vorherigen Referendaren erstellten Arbeitsanleitungen und ständiger Nachfragen bei den wirklich netten Mitarbeiter(inne)n in RK ganz gut. Hauptsächlich werden hier Remonstrationsbescheide, Stellungnahmen und Klageerwiderungen bei verwaltungsgerichtlichen Klagen auf Visumserteilung angefertigt. Mit soliden Kenntnissen im Verwaltungsrecht und Grundkenntnissen im Ausländerrecht kam ich da gut zurecht. Außerdem habe ich Anfragen deutscher Gerichte in Asylsachen bearbeitet. Die hierfür erforderliche ständige Kommunikation mit dem Auswärtigen Amt in Berlin funktioniert über E-Mail recht effizient. Weitere Aufgaben sind die Durchführung von Interviews mit Visumsantragsstellern, bei denen Verdacht auf eine Scheinehe besteht (auf Deutsch, Englisch oder mit Dolmetscher), und die Betreuung deutscher Strafgefangener. Ich bin auf diese Weise mit dem indischen Vertrauensanwalt der Botschaft nach Nahan, Ambala und Amritsar gekommen, wo zur Zeit deutsche Häftlinge einsitzen. Für solche Dienstreisen muss allerdings, wegen etwaiger beamtenrechtlicher Haftungsansprüche, das jeweilige OLG seine Einwilligung geben. Die wurde bei mir per Fax eingeholt, es wäre aber praktischer gewesen, sie gleich (formlos) mitzubringen.

Im Anschluss hieran habe ich drei Wochen in der Presseabteilung verbracht. Dies war anfangs nicht vorgesehen, sondern hat sich spontan ergeben, als das konkrete Projekt anstand, die Website der Botschaft zu gestalten, d. h. vor allen Dingen zunächst einmal die Inhalte zweisprachig zu erstellen bzw. zusammenzutragen. Das war eine völlig unjuristische Tätigkeit, die mir viel Spaß gemacht hat.

Schließlich war ich dann noch für jeweils zwei Wochen in der Wirtschafts- und der Politikabteilung, wobei die Leitung dieser Abteilungen zu der Zeit von demselben Mitarbeiter wahrgenommen wurde, so dass ich je nach Aufgabe von einem Bereich in den anderen wechselte. Die Aufgaben reichten von der Abfassung eines Berichts über den Besuch des marokkanischen Königs in Indien über die Teilnahme an einer internationalen Konferenz zur Plastikmüllverwertung bis zur Erstellung des Menschenrechtsberichts 2000.

Über die Arbeit der übrigen Abteilungen der Botschaft kann man sich auch recht gut in der so genannten Morgenrunde am Dienstag informieren, in denen ein Austausch zwischen den einzelnen Abteilungen stattfindet.

Generell ist das Arbeitsklima an der Botschaft sehr angenehm. Immer wieder wird man von Botschaftsangehörigen zum Mittagessen oder auch zu sonstigen Veranstaltungen eingeladen.
Besondere Bekleidungsvorschriften bestehen nicht, bei den Mitarbeiter(inne)n ist von Kostüm bzw. Anzug bis zur Jeans alles vertreten. Mit ordentlicher, vorzeigbarer Kleidung, wie man sie etwa auch beim Anwalt tragen würde, ist man gut beraten. Einstellen sollte man sich auch auf abendliche Empfänge, bei denen dann Abendgarderobe erwartet wird.

Die Arbeitszeit liegt im Winter (Oktober bis April) zwischen 8 und 17 Uhr, im Sommer an einigen Tagen nur bis 14 Uhr. Während dieser Zeit wird Anwesenheit erwartet, die angesichts des Arbeitsumfangs auch erforderlich ist.

2. Wohnen und Leben in Delhi. Delhi ist laut, dreckig (die Luftverschmutzung in der Stadt ist sehr hoch – Asthmatikern würde ich von der Station dringend abraten!) und versinkt im Verkehrschaos. Aber es ist auch spannend, exotisch, interessant...

An der Botschaft existiert eine Liste mit Adressen verschiedener Vermieter, jeweils mit Erfahrungsberichten früherer Referendare versehen, die die Botschaft auf Anfrage zuschickt. Im Übrigen ist das Leben in Delhi zunächst eine Herausforderung. Aber nach einer Weile geht das obligatorische Feilschen, ob bei der Rikschafahrt oder dem Obstkauf, schon viel einfacher. Dass man immer wieder kleineren Betrügereien zum Opfer fällt, gehört dazu, hierauf allzu heftig zu reagieren, wirkt unangemessen und wird mit Unverständnis betrachtet. Die ständige Konfrontation mit einer völlig anderen Mentalität kann anstrengend sein, ist aber immer wieder auch anregend und spannend.

Sehr vorsichtig sollte man mit Essen und Leitungswasser sein. Unbedingt die Hygienevorschriften (abkochen, entkeimen, schälen) beachten. Die Botschaft selbst hat eine kleine Kantine, es gibt in der „Nähe“ (15-20 Minuten zu Fuß) auch mehrere Restaurants, die lecker und nicht zu teuer sind.

Das Klima in Delhi ist extrem gegensätzlich. Im Januar war es noch empfindlich kühl (ca. 5 Grad Celsius). Februar und März waren sehr angenehm, im April stieg das Thermometer tagsüber dann schon auf über 40 Grad Celsius. Den Sommer habe ich nicht mitbekommen; die Hitze soll aber, insbesondere während der Monsunzeit, nur schwer erträglich sein.

3. Reisen und Impfungen. Indien ist ein phantastisches und, wenn man die in allen Reiseführern beschriebenen Verhaltensmaßregeln befolgt, ein sehr sicheres Reiseland. Ich war an vielen Wochenenden und in meinen zehn Tagen Urlaub am Schluss der Station alleine unterwegs und habe mich zwar oft genervt, aber nie bedroht gefühlt. Es gibt mehrere Ziele, die sich von Delhi aus am Wochenende mit dem Zug erreichen lassen, wobei man allerdings meist anstrengende Nachtfahrten in Kauf nehmen muss. Für Reisen ist der Reiseführer von Lonely Planet extrem hilfreich.

Unbedingt achten sollte man auf einen ausreichenden Impfschutz, neben Polio, Diphterie und Tetanus auf jeden Fall auch Hepatitis A und B, Typhus und Malariaprophylaxe. Hiernach sollte man sich schon einige Monate vorher bei seinem Hausarzt oder einem Tropeninstitut erkundigen.

4. Bewerbung. Beim Auswärtigen Amt (Werderscher Markt 1, 10117 Berlin, 0188-17-2682) fordert man die Bewerbungsunterlagen an. Man muss sich mindestens neun Monate vor Antritt der Station bewerben (allerdings nicht mehr als ein Jahr vorher). Bei der Entscheidung über die Bewerbung wird eine Art Durchschnitt aus Abitur- und Examensnote und Sprachkenntnissen gebildet, beachtet wird auch, ob man seine „Auslandstauglichkeit“ bereits durch ein Auslandssemester o. ä. bewiesen hat. Man kann und sollte seine Bewerbung auf bestimmte Sprachräume, Kontinente oder Länder beschränken, je nach Begehrtheit des Ziels kann es allerdings auch passieren, dass man völlig woanders landet. Wenn alles gut geht, kommt etwa sechs Monate vor Antritt der Station der Zusagebescheid, so dass man trotz Examensklausuren noch genügend Zeit hat, sich um Impfungen, Flugtickets und alle anderen Reisevorbereitungen zu kümmern.

5. Fazit. Die Wahlstation hat mir einen wirklich umfassenden Einblick in die Arbeit einer Botschaft und die diplomatischen Beziehungen zwischen den Ländern vermittelt und mir von Anfang bis Ende viel Spaß gemacht. Ich habe auch zu keiner Zeit bereut, dass mein Wunsch, nach Indien zu kommen, in Erfüllung gegangen ist. Es ist wahr, das Land ist anstrengend, auch ausruhen kann man sich an anderen Ausbildungsstätten sicherlich mehr. Sofern man sich aber bewusst macht, in ein Land mit Menschen einer völlig anderen Mentalität zu kommen, bereit ist, Einiges zu arbeiten und gewisse Abstriche an der eigenen Bequemlichkeit zu machen, hat man die besten Voraussetzungen, die Monate in Indien in vollen Zügen zu genießen.

Assessorin Dr. Ruth König, Gießen


JuS 9/2001