Dr. Colette R. Brunschwig, Abteilung Rechtsvisualisierung, Universität Zürich

Rechtsvisualisierung -- Skizze eines nahezu unbekannten Feldes


Mit diesem Artikel sollen drei Fragen zu einer noch relativ unbekannten Entwicklung im Rechtsbereich beantwortet werden: 1. Lassen sich trotz der Bilderfeindlichkeit des Rechts Anzeichen dafür erkennen, dass rechtliche Inhalte (auch) nichtsprachlich repräsentiert und kommuniziert werden? 2. Gibt es eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der (audio-)visuellen und der multisensorischen Repräsentation und Kommunikation von rechtlichen Inhalten auseinandersetzt? Wenn ja, was wird dort geforscht und gelehrt? 3. Eignet sich der Begriff "Rechtsvisualisierung" für diese Disziplin?

I. Die Zeichen der Zeit


1. Multimedia, Multicodierung und Multimodalität

Die meisten Computer sind heute multimediafähig (vgl. Mangold, Medienpsychologie, in: Bruns/Meyer-Wegener (Hrsg.), Taschenbuch der Medieninformatik, 2005, S. 343). Sie vermögen verschiedene Codierungen aufzunehmen, wie etwa geschriebene und gesprochene Sprache, unbewegte und bewegte Bilder (vgl. Mangold, a.a.O.). Da diese unterschiedlich repräsentierten und kommunizierten Inhalte die visuelle und die auditive Wahrnehmung ansprechen, sind sie auch multimodal, d.h. multisensorisch (zur Multimodalität vgl. Weidenmann, Multicodierung und Multimodalität im Lernprozess, in: Issing/Klimsa (Hrsg.), Information und Lernen mit Multimedia, 2. überarb. Aufl. 1997, S. 67, und Mangold, a.a.O.; um zu verdeutlichen, dass der Fachbegriff "Multimodalität" mehrere Sinnesorgane betrifft, werden nachfolgend die Wörter "Multisensorik" und "multisensorisch" benutzt). "Auf dem Weg in die Multimedia-Kultur treten nicht nur Texte und Bilder (im Weiteren ebenso Töne) in ein neues Verhältnis, es entstehen auch neue Formen der Präsentierung und des Zugangs zu Inhalten." (Hartmann, Multimedia, 2008, S. 51). Insb. im WWW wird mehr und mehr multicodal und damit multisensorisch kommuniziert (vgl. Meier, (Bild-)Diskurs im Netz, Konzept und Methode für eine semiotische Diskursanalyse im World Wide Web, 2008, S. 158 ff.).

Dass sich Multimedia auch auf den rechtlichen Kontext auswirkt, also rechtliche Implikationen hat, dafür gibt -- um nur eines von zahlreichen Beispielen zu nennen -- die Zeitschrift "MultiMedia und Recht" ein untrügliches Zeugnis (zu den Implikationen, welche die Digitalisierung für das Recht hat, vgl. Almog, How digital technologies are changing the practice of law, Lewiston, NY [et al] 2007, S. 1 ff., und Boehme-Neßler, Unscharfes Recht, Überlegungen zur Relativierung des Rechts in der digitalisierten Welt, 2008, S. 33 ff. i.V.m. S. 225 ff.). Was indessen die rechtlichen und rechtlich bedeutsamen Inhalte (im Folgenden sind rechtlich relevante Inhalte stets mitgemeint, wenn von rechtlichen Inhalten die Rede ist) anbelangt, lässt sich feststellen, dass sowohl in der Praxis als auch in der Wissenschaft des Rechts diese Inhalte weitgehend immer noch in schriftlicher oder mündlicher Sprachform repräsentiert und kommuniziert werden, während multicodale und multisensorische Repräsentations- und Kommunikationsformen, wie sie oben beschrieben wurden, abgewertet oder zumindest kritisch beurteilt werden (vgl. Brunschwig, Tabuzone juristischer Reflexion. Zum Mangel an Bildern, die geltendrechtliche Inhalte visualisieren, in: Schweighofer u.a. (Hrsg.), Zwischen Rechtstheorie und e-Government, Aktuelle Fragen der Rechtsinformatik, 2003, S. 411 ff.; Röhl/Ulbrich, Recht anschaulich, Visualisierung in der Juristenausbildung, 2007, S. 15 ff., und Boehme-Neßler, a.a.O., S. 271 f.).



2. Im Widerspruch zu den Zeichen der Zeit

Mit ihrer ablehnenden bis skeptischen Haltung nichtsprachlichen rechtlichen Inhalten gegenüber stehen die Akteure des Rechts (mit "Akteuren des Rechts" sind im Folgenden Sender und Empfänger (Rezipienten) rechtlicher Inhalte gemeint, wie etwa Anwälte, Richter, Mitarbeitende der Verwaltung, Parlamentsmitglieder usw.) im Widerspruch zu den Zeichen der Zeit. Überdies hat das Recht derzeit große Lücken, handelt es sich darum, seine Inhalte multikodal und multisensorisch zu repräsentieren und zu kommunizieren.



3. Fragen

Angesichts dieses Widerspruchs und der angedeuteten Lückenhaftigkeit des Rechts stellen sich folgende Fragen:

Lassen sich trotzdem Anzeichen dafür erkennen, dass rechtliche Inhalte (auch) nichtsprachlich repräsentiert und kommuniziert werden? (Zu dieser Frage hat mich Rodowicks zweite Frage inspiriert: "For me there are three fundamental questions we need to ask in order to understand audiovisual culture. Each requires an interdisciplinary response. [...] Second, how is the nature of representation and communication changing with respect to the digital creation, manipulation, and distribution of signs?"; Rodowick, Audiovisual Culture and Interdisciplinary Knowledge, in: New Literary History, Vol. 26, No. 1, Baltimore, MD 1995, S. 112.)


Gibt es eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der (audio-)visuellen und der multisensorischen Repräsentation und Kommunikation von rechtlichen Inhalten auseinandersetzt? Wenn ja, was wird dort geforscht und gelehrt?


Eignet sich der Begriff "Rechtsvisualisierung" für diese Disziplin?




Die vorliegende Skizze bezweckt, die gestellten Fragen zu beantworten.




II. Multisensorisches Recht im Zeichen der Zeit


1. (Audio-)Visuelle Repräsentation und Kommunikation rechtlicher Inhalte


a) Beispiele aus der Rechtswissenschaft

Rechtsvisualisierungen werden insb. in der Lehre eingesetzt, z.B. Visualisierungen zur Methode der Falllösung im Privatrecht:

die visualisierten Sachverhaltsanalysen zum Thema "Wer will was von wem?";


die visualisierten Anspruchsgrundlagen (gemeint ist das "Woraus?");


Visualisierungen zur Normanalyse und zur Rechtsanwendung (mit Bezug auf Visualisierungen zur Methode der Falllösung vgl. z.B. Münch/Bortolani-Slongo, Praxisorientierte Einführung ins Privatrecht, 2. Aufl., S. 38 ff.; ob, wie und in welchem Umfang Visualisierungen in der Rechtslehre eingesetzt werden, vgl. dazu Henze, Bildmedien im juristischen Unterricht, 2003, S. 5 ff., und Langer, Die Verbildlichung der juristischen Ausbildungsliteratur, 2004, S. 1 ff.).




Die Filme von Tele-Jura und Law Vodcast bilden Beispiele für die audiovisuelle Repräsentation und Kommunikation rechtlicher Inhalte zu didaktischen Zwecken (http://www.telejura.de/idee.html und http://www.law-vodcast.de/).



b) Beispiele aus der Rechtspraxis

"Bilder spielen im Strafprozess eine große Rolle: das Radarfoto, die Wiedererkennung bzw. Wahl-Gegenüberstellung oder Wahl-Lichtbildvorlage, die Kameraaufnahme des Bankräubers, des Geldautomatenschwindlers, des Tankstellenüberfalls, aber auch -- bürgernah -- videoüberwachte Bahnhofsplätze, Einkaufszonen und Kaufhäuser. Wenn sie in den Strafprozess eingeführt werden, dann geschieht dies im Wege des sog. Augenscheins (§ 86 StPO), einem der vier Beweismittel der Strafprozessordnung. [...] Für die Protagonisten des Strafverfahrens -- Staatsanwalt, Gericht, Verteidiger -- sind Bilder wichtig: Sie dienen der Überführung oder Entlastung des Verdächtigen, [...]." (Leitner, Bilder zu Beweiszwecken im Strafprozess, in: Joly/Vismann/Weitin (Hrsg.), Bildregime des Rechts, 2007, S. 171). Und nochmals Leitner: "Bilder sollen darüber hinaus dem Opferschutz dienen. Mit dem Zeugenschutzgesetz wurde bereits 1998 die Möglichkeit der Videoaufzeichnung von Zeugenaussagen und der Videoübertragung von Zeugenaussagen in die Hauptverhandlung eröffnet." (Leitner, a.a.O., S. 174).

Ein Beispiel aus dem Zivilprozessrecht (Baustreitigkeit): "Ein Bauherr stellt bei der Abnahme des Rohbaus Mängel an den Außenwänden des Kellergeschosses fest. Die Bauunternehmung streitet ab, dass es sich um Baumängel handelt. Hier bietet die vorsorgliche Beweisaufnahme die Möglichkeit, den Sachverhalt durch einen vom Gericht eingesetzten Sachverständigen in einer Expertise festhalten zu lassen, bevor die Außenwände des Kellergeschosses mit Erde zugedeckt sind und unter der Gartenanlage verschwinden." (Münch/Bortolani-Slongo, a.a.O., S. 34.) Wenn der Sachverständige diesen vorsorglichen Beweis aufnimmt, dürfte er dies tun, indem er auch die Außenwände fotografiert.

Das öffentliche Straßenverkehrsrecht mit seinen Verkehrssignalen, das Raumplanungs- und das öffentliche Baurecht, in denen die jeweiligen Vorschriften zuweilen von Bildern begleitet werden, bilden weitere Ausnahmen zur Logozentrik des Rechts. Ebenso "[sind] im Urheber-, Patent- und Markenrecht Bilder nicht nur üblich, sondern unverzichtbar" (Boehme-Neßler, a.a.O., S. 272).

Wirtschaftliche Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, rechtliche Inhalte (audio-)visuell und multisensorisch zu repräsentieren und zu kommunizieren (vgl. z.B. Animators at Law (http://www.animators.com/); DOAR Litigation Consulting (http://www.doar.com/); IuraVista (http://www.iuravista.com/HOME.html); Legal Design (http://www.legaldesign.net/index.html); Legal Design (http://www.legaldesign.com/) und Legal Visuals (http://www.legalvisuals.nl/). Schließlich bietet der Markt Rechtsvisualisierungssoftware an (vgl. http://www.casesoft.com/; http://www.indataorp.com/ ; http://www.smartdraw.com/  und http://www.verdictsystems.com/).




2. Eine solche wissenschaftliche Disziplin gibt es

Forschung und Lehre der beinahe unbekannten wissenschaftlichen Disziplin manifestieren sich in Publikationen, Institutionen, Projekten und Konferenzen. Im Rahmen dieser Skizze ist es einzig möglich, diese Manifestationen anzudeuten. Bereits erwähnte Forschungs- und Lehraktivitäten werden nicht mehr aufgeführt. Obwohl sie sich in der Wirklichkeit z.T. überschneiden, lassen sich drei Formen von wissenschaftlichen Aktivitäten ausmachen:

solche, die sich hauptsächlich auf das Visuelle konzentrieren (visuelles Recht);


Aktivitäten, die vorwiegend das Audiovisuelle im Auge haben (audiovisuelles oder multisensorisches Recht; das audiovisuelle Recht stellt bereits multisensorisches Recht dar, weil es mehr als nur einen Sinn anspricht. Da indessen die Wörter "Audiovisualität" und "audiovisuell" häufig verwendet werden und die angesprochenen Sinne klar bestimmen, werden sie auch hier gebraucht);


Aktivitäten, die, über das Audiovisuelle hinausgehend, vor allem weitere (mögliche) Wahrnehmungsformen rechtlicher Inhalte fokussieren (multisensorisches Recht).




Außerdem ist zwischen deutschsprachiger und englischsprachiger Forschung und Lehre zu unterscheiden. Soweit erkennbar, gäbe es auch einschlägige wissenschaftliche Unternehmungen in anderen sprachlichen Kontexten. Es würde aber zu weit führen, sie vorliegend ebenfalls zu berücksichtigen, weil der Fokus dieser jungen wissenschaftlichen Traditionen teilweise auf anderen Gegenständen liegt. Eine letzte Unterscheidung ist zu treffen zwischen der vergangenen und der gegenwärtigen visuellen, audiovisuellen und multisensorischen Repräsentation und Kommunikation rechtlicher Inhalte, wobei in diesem Beitrag die Gegenwart im Zentrum steht.


a) Forschung

Im deutschsprachigen Raum wurde bis jetzt Einiges zum visuellen Recht publiziert (vgl. Kocher, Zeichen und Symbole des Rechts, Eine historische Ikonographie, 1992, S. 7 ff.; Andermann, Das Recht im Bild, Vom Nutzen und Erkenntniswert einer historischen Quellengattung -- Ein Forschungsüberblick, in: Löther u.a. (Hrsg.), FS Klaus Schreiner, 1996, S. 424 ff.; Brunschwig, Visualisierung von Rechtsnormen, Legal Design, Diss. Zürich 2001, in: Fögen u.a. (Hrsg.), Zürcher Studien zur Rechtsgeschichte, Bd. 45, S. 1 ff.; dies., Good Practice im Schweizer E-Government? Lippenbekenntnis der Schweizer Bundesbehörden zum Multikodierungspotenzial der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, in: Koller/Koller (Hrsg.), Recht und Rechtsdaten -- Anspruch und Wirklichkeit, Tagung 2003 für Informatik und Recht, 2004, 129 ff.; Sachs-Hombach, Vom Text zum Bild, Wege für das Recht, in: Hilgendorf (Hrsg.), Beiträge zur Rechtsvisualisierung, 2005, 163 ff., und Brunschwig, Rechtsikonographie, Rechtsikonologie und Rechtsvisualisierung, Gesprächs- und Entwicklungspotenziale, in: Steppan/Gebhardt (Hrsg.), FS Gernot Kocher, 2006, S. 39 ff. In der Reihe "Signa Iuris" finden sich ebenso Beiträge zum visuellen Recht (http:// www.signa-iuris.de/). Gleiches gilt für den englischsprachigen Wissenschaftskontext (vgl. Douzinas/Nead (Ed.), Law and the Image, The Authority of Art and the Aesthetics of Law, Chicago, IL [et al] 1999, S. 1 ff.; Sherwin, When Law Goes Pop, The Vanishing Line between Law and Popular Culture, Chicago, IL [et al] 2000, 3 ff; Bainbridge, Visual Law, An Exegesis of Vernacular Jurisprudence in Popular Media, PhD Thesis, Queensland 2005; Brunschwig, Visualising legal information, Mind maps and e-government, in: Lin (Ed.), Electronic Government, an International Journal, Vol. 3, No. 4, Geneva 2006, S. 386 ff., und Sherwin, Visual Literacy in Action, "Law in the Age of Images", in: Elkins (Ed.), Visual Literacy, NY 2008, S. 179 ff. Das International Journal for the Semiotics of Law (http://www.springer.com/law/journal/11196) und das im Entstehen befindliche International Journal of Legal Information bieten dem visuellen Recht eine Plattform (http://www.inderscience.com/browse/index.php?journalID=202). Die Abteilung Rechtsvisualisierung (http://www.rwi.uzh.ch/oe/zrf/abtrv.html), das Teilprojekt "Instrumentalisierung" innerhalb des Projekts "Mediality" (http://www.mediality.ch/teilprojekte.php), "The Visual Persuasion Project" (http://old.nyls.edu/pages/2734.asp) sowie die Website "Semiotics of Law" (http://www.semioticsoflaw.com/) widmen sich dem visuellen Recht. Die Rechtsvisualisierungs-Sessionen anlässlich des jährlich stattfindenden Internationalen Rechtsinformatik-Symposions (http://www.univie.ac.at/RI/IRIS2009/), die Tagung zur Rechtsvisualisierung (http://www.rwi.uzh.ch/oe/zrf/abtrv/konferenzen/2008/muenchen.html), der Penn Law's Annual Visual Legal Advocacy Roundtable (http://www.pennedutech.org/penn-laws-second-annual-visual-legal-advocacy-roundtable/), der International Roundtable for the Semiotics of Law (http://www.semioticsoflaw.com/index.html) sowie einzelne Sessionen des 31st Congress of the International Academy of Law and Mental Health (http://www.ialmh.org/template.cgi) beschäftigen sich mit dem visuellen Recht.

Die bisher aufgeführten Veröffentlichungen, Institutionen, Projekte und Konferenzen befassen sich in einigen Fällen gleichfalls mit dem audiovisuellen Recht, weshalb sie hier nicht mehr aufgezählt werden, sondern nur bislang nicht Genanntes erwähnt wird (deutschsprachige Publikationen zum audiovisuellen Recht: vgl. Braun, Medienberichterstattung über Strafverfahren im deutschen und englischen Recht, Zugleich eine Erörterung der Fernsehöffentlichkeit der Hauptverhandlung, 1998, S. 1 ff.; Britz, Fernsehaufnahmen im Gerichtssaal, Ein rechtsvergleichender Beitrag zum Öffentlichkeitsgrundsatz im Strafverfahren, 1999, S. 15 ff. und Machura/Ulbrich (Hrsg.), Recht im Film, in: Druwe u.a. (Hrsg.), Schriften zur Rechtspolitologie, Bd. 13, 2002, S. 7 ff.; englischsprachige Veröffentlichungen: vgl. Bergman/Asimow, Reel Justice, The Courtroom Goes to the Movies, Kansas City, MO 1996, 1 ff.; Denvir (Ed.), Legal Reelism, Movies as Legal Texts, Urbana, IL 1996, 1 ff.; Goldfarb, TV or not TV, Television, Justice, and the Courts, New York, NY [et al] 1998, 1 ff.; Rafter, Shots in the Mirror, Crime Films and Society, Oxford [et al] 2000, 3 ff.; Machura/Robson (Ed.), Law and Film, Oxford [et al] 2001, 1ff.; Sherwin (Ed.), Popular Culture and Law, Burlington, VT 2006, 3 ff., und Stepniak, Audio-visual Coverage of Courts, A Comparative Analysis, Cambridge, MA 2008). In der Rechtsbibliothek der Maurer School of Law an der Indiana University Bloomington befindet sich eine audiovisuelle Sammlung: "Video and audio materials that enhance the classroom experience are also included in the collection. Among the subjects covered are legal ethics, evidence, and negotiations. However, the most popular part of this collection has to be the feature films. In order to be considered, a movie must have a lawyer as a central character or have a legal theme." (http://www.law.indiana.edu/lawlibrary/collections/audiovisual.shtml). In der Tarlton Law Library des Jamail Center for Legal Research wird eine ähnliche Sammlung betreut (http://tarlton.law.utexas.edu/lpop/).

Das Forschungsprojekt "Beyond Text in Legal Education" an der School of Law der University of Edinburgh untersucht, wie der Körper bzw. die kinästhetische und möglicherweise auch die taktile Wahrnehmung in die juristische Ausbildung integriert werden können (embodied legal learning): "We want to create a space where there will be opportunities for learning ,through the body`, and thereby to investigate the unique kind of knowledge (known in the literature as ,embodied knowledge`) that may emerge from this improvisatory practice." (http://www.law.ed.ac.uk/beyondtext/).

Aus dem Bisherigen sollte deutlich geworden sein, worüber geforscht wird. Dennoch sei etwas dazu angefügt: Alle drei Richtungen des neuen Forschungsgebiets studieren die Produktion, die Produkte, die Rezeption, die Wirkung und die zeitlichen, räumlichen, sozialen, ökonomischen, rechtlichen, technischen und kulturellen Kontexte des visuellen, des audiovisuellen und des multisensorischen Rechts. Entsprechendes gilt für die Lehre. Aus diesem Grund wird nachfolgend nicht mehr auf diesen Punkt eingegangen.




b) Lehre

Die Publikationen, Institutionen, Projekte und Konferenzen, die bisher vorgestellt wurden, betreffen partiell auch die Lehre. Um Wiederholungen zu vermeiden, wird ausschließlich Ungenanntes angegeben. Zum visuellen Recht gibt es einige deutschsprachige sowie englischsprachige Publikationen (zu den deutschsprachigen Veröffentlichungen vgl. Lachmayer, Graphische Darstellung im Rechtsunterricht, in: Zeitschrift für Verkehrsrecht, Heft 8, Wien 1976, S. 230 ff.; Brunschwig, Legal Design, Ein Bilderbuch für den Rechtsunterricht, in: Senn/Soliva (Hrsg.), FS Clausdieter Schott, 2001, S. 361 ff.; dies., Legal Design und Web Based Legal Training, Evaluation von Visualisierungen im Web Based Training der Credit Suisse, in: Schweighofer/Menzel/Kreuzbauer (Hrsg.), IT in Recht und Staat. Aktuelle Fragen der Rechtsinformatik, 2002, S. 297 ff.; Hilgendorf, dtv-Atlas Recht, Bd. 1, Grundlagen Staatsrecht Strafrecht, 2004, S. 10 ff.; Wegscheider, Visualisierung in der juristischen Lehre, in: Hilgendorf (Hrsg.), Beiträge zur Rechtsvisualisierung, 2005, S. 217 ff., und Holzer/Heller, panoramaSTRAFRECHT, Übersichten zum Allgemeinen Teil, 2007, A00 ff.; eine englischsprachige Publikation: Brunschwig, Legal Design and e-Government, Visualisations of Cost & Efficiency Accounting in the wif! e-Learning Environment of the Canton of Zurich (Switzerland), in: Electronic Government, First International Conference, EGOV 2002 Aix-en-Provence, France, September 2--6, 2002 Proceedings, Ed. Traunmüller/Lenk, Lecture Notes in Computer Science, Vol. 2456, Ed. Goos/Hartmanis/Leeuwen, 2003, S. 430 ff.). Nicht unerwähnt bleiben darf das Projekt "Visual Imagery and Law Teaching" (http://www.law.gonzaga.edu/About-Gonzaga-Law/Institute-for-Law-School-Teaching/Law-Teacher-Newsletter/Fall-1999/Visual-Imagery.asp). Was das audiovisuelle und das multisensorische Recht betrifft, ist bislang nichts Weiteres bekannt.



c) Rechtsvisualisierung als geeignete Bezeichnung ?

Auf Grund des Gesagten dürfte deutlich geworden sein, dass sich der Begriff "Rechtsvisualisierung" als zu eng erweist, weil er weder dem audiovisuellen noch dem multisensorischen Recht gerecht wird. Ich muss dies feststellen, obwohl ich den Begriff im Jahre 2005 selber prägte (http://www.univie.ac.at/RI/IRIS2005/) und er inzwischen im deutschsprachigen wissenschaftlichen Kontext rezipiert wurde (http://www.univie.ac.at/RI/IRIS2008/; http://www.rechtsvisualisierung.net sowie Beglinger/Tobler, Das EUR-Charts-Projekt oder: The Making of "Essential EC Law in Charts", 531 ff., und Boehme-Neßler, a.a.O., S. 318 f.). Stattdessen würde man von multisensorischem Recht (Multisensory Jurisprudence) oder von (Multisensory) Legal Information Design sprechen. Letztere Bezeichnung (ich führte sie 2006 ein, als ich das o.g. International Journal of Legal Information in Zusammenarbeit mit Inderscience Publishers schuf) würde das Gestaltungsmoment bei der multisensorischen Repräsentation und Kommunikation rechtlicher Inhalte hervorheben.





III.Von der Rechtsvisualisierung zur Multisensory Jurisprudence


1. Ergebnisse

Die Arbeit brachte folgende Ergebnisse:

Ungeachtet der Bilderfeindlichkeit des Rechts lassen sich Anzeichen dafür erkennen, dass rechtliche Inhalte (auch) nichtsprachlich repräsentiert und kommuniziert werden.

Es gibt eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der (audio-)visuellen und der multisensorischen Repräsentation und Kommunikation von rechtlichen Inhalten auseinandersetzt.

In dieser neuen Wissenschaft werden die Produkte des visuellen, des audiovisuellen und des multisensorischen Rechts untersucht. Ebenso werden deren Produktion, Rezeption und Wirkung erforscht sowie die zeitlichen, räumlichen, sozialen, ökonomischen, rechtlichen, technischen und kulturellen Kontexte dieser Produkte. Mutatis mutandis gilt dies für die Lehre der Multisensory Jurisprudence.


Der Begriff "Rechtsvisualisierung" erweist sich nunmehr als ungeeignet für diese Disziplin, weil er letztlich weder das audiovisuelle noch das multisensorische Recht mit einschließt.






2.Schlussfolgerungen

In Anbetracht der technischen Entwicklungen im Bereich von Multimedia und im Hinblick darauf, dass in unserer Kultur vermehrt multikodal und damit multisensorisch kommuniziert wird, sollten rechtliche Inhalte (auch) nichtsprachlich repräsentiert und kommuniziert werden. Damit das praktische und das wissenschaftliche Feld des multisensorischen Rechts bekannter werden, ist es nötig, es einer breiteren Öffentlichkeit visuell, audiovisuell und multisensorisch zu repräsentieren und zu kommunizieren. Ich hätte es mir übrigens vorstellen können, diesen Beitrag auch audiovisuell zu repräsentieren und zu kommunizieren. Es ist zu hoffen, dass sich Verlage und andere Medienunternehmen ggü. dieser modernen Repräsentations- und Kommunikationspraxis in Bezug auf rechtliche Inhalte stärker öffnen. Da die Multisensory Jurisprudence erst am Anfang steht, sind große Anstrengungen in Forschung und Lehre zu unternehmen, welche diese Disziplin fördern und voranbringen. Dabei kommt die neue Disziplin nicht ohne die Mitarbeit akademischer Institutionen und nicht ohne die Unterstützung der Wirtschaft aus.



3. Ausblick

Werden die eben aufgestellten Postulate erfüllt, dürfte das nahezu unbekannte Feld dazu beitragen, die Forschung und die Lehre des Rechts sowie die juristische Praxis in Zukunft zu reformieren.


Dr. Colette R. Brunschwig, Abteilung Rechtsvisualisierung, Universität Zürich

 

Alle genannten URLs befinden sich auf dem Stand v. 5.12.2008.




MMR 01/2009, S. IX