Italien: Eine wahrhaft internationale Universität – Doktorstudium am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz


Leonardo da Vinci hat hier oben, über den Hügeln von Florenz, zu fliegen versucht. Gleich nebenan ließ Michelangelo den Marmor für seine Statuen schlagen. Und Boccaccio regte das Flair der Bürgerpaläste von Fiesole zu seinem Decamerone an. Inmitten dieser Landschaft liegt die ‚Badia Fiesolana‘ – eine jahrhundertealte Villa, in der seit 1976 das Europäische Hochschulinstitut (EUI) untergebracht ist. Studenten aus ganz Europa kommen hierher, alle mit dem gleichen Ziel, dem Doktortitel“.

Auch wenn die letzten zwei Sätze von Christiane Wirtz unter mehreren Gesichtspunkten nicht ganz korrekt sind, so gibt es wohl kaum einen besseren Einstieg als die von ihr gewählten Worte, um einen Erfahrungsbericht über das EUI zu beginnen. Das Hochschulinstitut ist in jeder Hinsicht besonders: Seine Unterbringung in geschichtsträchtigen Villen über den Hügeln von Florenz ist an Schönheit kaum zu überbieten, die institutionelle Ausgestaltung sowie das rechtliche Gebilde der Universität als internationale Organisation sind einzigartig. Die Forschung und Lehre des Instituts sind exklusiv und exzellent, das Professorium sowie die Studenten handverlesen aus der ganzen Welt. Ideale Studien- und Forschungsbedingungen also für den Nachwuchs, der ein internationales Arbeitsfeld anstrebt. Doch alles der Reihe nach.

Das Hochschulinstitut und das PhD-Programm

Das EUI ist die Universität der Europäischen Union (EU), die sich ausschließlich der europäischen Postgraduiertenausbildung und Forschung verschrieben hat. Hier arbeiten Wissenschaftler an ihrem Doktorhut, streben einen Master of Laws an oder forschen als postdoktorale fellows.

Obwohl sich das Ausbildungsprogramm des EUI in den letzten Jahren über die reine Doktorandenausbildung hinaus erweitert hat, liegt der Schwerpunkt des EUI nach wie vor eindeutig in der Ausbildung zum Doktor in den Fächern Recht, Ökonomie, Politik- und Sozialwissenschaften sowie Geschichte und Zivilisation. Dabei kann nicht häufig genug darauf hingewiesen werden, dass der am EUI erworbene Doktor nur schwer mit dem deutschen vergleichbar ist. Das EUI bietet im Fach Recht einen Philosophiae Doctor (PhD) an, der aus deutscher Sicht irgendwo in der Mitte zwischen Habilitation und juristischem Doktor angesiedelt werden sollte. Strebt man beispielsweise eine akademische Karriere im Vereinigten Königreich oder in den Niederlanden an, so ist man mit einem PhD aus Florenz bestens gerüstet. Allerdings wird die Nachfrage nach PhD-Absolventen wohl auch in eher verschlossenen akademischen Märkten wie dem Deutschen steigen. Darauf deutet die fortschreitende „Bolognaisierung“ der Hochschullandschaft hin. Durch Schaffung international flexiblerer akademischer Beschäftigungsmodelle wie der Juniorprofessur, die eine „besondere Befähigung zu wissenschaftlicher Arbeit, die in der Regel durch die herausragende Qualität einer Promotion nachgewiesen wird“ (z. B. § 74 II Nr. 3 Hessisches Hochschulgesetz) verlangt, werden PhD-Abschlüsse auch in Deutschland interessanter.

Das PhD-Programm des EUI ist auf vier Jahre ausgelegt, wovon die ersten eineinhalb Jahre mit zusätzlichen Verpflichtungen, ähnlich denen eines Graduiertenkollegs, verbunden sind. Pflicht sind in diesem Zeitraum u. a. die Belegung von derzeit mindestens sechs Seminaren und die Abfassung mehrerer Forschungsarbeiten, darunter auch das so genannte June-Paper. Das June-Paper wird am Ende des ersten Jahres geschrieben, hat den Umfang einer Masterarbeit und wird ebenso bewertet. Ist das „June-Paper“ bestanden, darf der Student nicht nur den Titel „Master of Research in Law (M. Res. Law)“ bzw. „Master in Comparative, European and International Law (LL. M.)“ führen, sondern hat sich auch für das nächste Studienjahr qualifiziert. Jedoch kann das Studium auch mit diesem Titel abgeschlossen werden. Zwar dauert das PhD-Programm in der Regel vier Jahre, allerdings werden nach jedem Jahr der Fortschritt überprüft und die weitere Förderung des Studiums davon abhängig gemacht. Grundsätzlich sind nämlich alle deutschen Doktoranden auch mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ausgestattet, das nicht üppig ist, aber die wesentlichen Kosten deckt.

Ansonsten ist prägend für das EUI, dass es entgegen anderen Universitäten mit internationalem Charakter keine dominierende Nationalität gibt. Somit ist auf dem Gebiet des EUI in etwa proportional zur Größe des Mitgliedstaates die jeweils gleiche Anzahl an Nationalitäten vertreten. Es ist daher wohl die einzige wirklich internationale Universität.

Das EUI ist darüber hinaus, obwohl es durch einen eigenen völkerrechtlichen Vertrag entstanden ist, eng mit den europäischen Institutionen verwoben. Es hat jedoch den Charakter einer eigenständigen internationalen Organisation. Als unabhängige „Quasi-EU-Institution“ erfüllt es allerdings auch solche Aufgaben, die denen der US-amerikanischen „think tanks“ ähneln. Das heißt, dass das EUI bei europarechtlichen Fragestellungen häufig von den EU-Institutionen oder den Mitgliedstaaten konsultiert wird. So war das EUI auch bei der Ausarbeitung nahezu sämtlicher europarechtlicher Verträge seit Gründung des EUI unmittelbar beteiligt. Durch diese Rolle zwischen unabhängiger völkerrechtlicher und europarechtlicher Institution sowie „think tank“ der EU ist die rechtliche Rolle des EUI überaus interessant.

Die Doktorarbeit selbst bietet den Reiz, mehrere europäische Rechtskulturen miteinander verknüpfen zu können. Das betrifft nicht nur den Inhalt, sondern auch die Ausgestaltung der Dissertation. So gibt es beispielsweise in England, Frankreich und Deutschland grundverschiedene, meist ungeschriebene „Regeln“, wie eine Doktorarbeit verfasst werden sollte. Am EUI wird man sich häufig der Existenz solcher Regeln erst bewusst und wird vor die Aufgabe gestellt, deren Daseinsberechtigung vor den Kollegen anderer Rechtskulturen zu verteidigen. Das erlaubt ein durchaus erfrischend kritisches Hinterfragen der eigenen, liebgewonnenen Methodologie. Die Dissertation kann in jeder europäischen Sprache abgefasst werden, sofern sie mindestens von zwei Professoren des Fachbereichs gelesen und betreut werden kann. Das Gros der Arbeiten am EUI wird allerdings auf Englisch verfasst, um eine möglichst große Verbreitung der Schriften zu erreichen. Der Umfang der Arbeit hängt stark von der jeweiligen Arbeit und der Prägung der Studenten ab. Während die PhD-Arbeiten der englischen Kollegen in Anlehnung an die englische Tradition meist relativ kurz ausfallen, schreiben Franzosen traditionell mehr. Generell wird jedoch der Grundsatz am EUI wirklich beherzigt, dass es in erster Linie auf den Inhalt ankommt. Durch den Mix der Kulturen ist ein anderer Bewertungsmaßstab beispielsweise nach Länge der Arbeit, Anzahl der Fußnoten oder der Beherzigung einer besonderen wissenschaftlichen Ausdrucksweise unangebracht. Nach erfolgreicher Verteidigung wird die Doktorarbeit nicht benotet, es kann allerdings eine Publikationsempfehlung für einen bestimmten Verlag ausgesprochen werden. Ein Exemplar der Arbeit verbleibt sodann am EUI, ein weiteres steht in der Bibliothek des EuGH in Luxemburg.

Die Auswahl sowohl für das Doktorandenprogramm als auch für den LL. M. ist in einem klaren Verfahren geregelt. Bis Ende Januar gehen die Bewerbungen der Kandidaten ein. Diese erfolgen ausschließlich online über ein Formular auf der Website des EUI. Neben den üblichen Bewerbungsunterlagen ist ein Kurzexposé über das Dissertationsprojekt auf Englisch oder Französisch beizulegen. Weiterhin benötigt man zwei Gutachten, die separat an das EUI gesendet werden müssen. Aus den vielen Bewerbungen werden von professoraler und studentischer Seite einige ausgesucht, die zu einem Bewerbungsgespräch nach Florenz geladen werden. Aus diesen Bewerbern werden die Stipendiaten ausgewählt, die die Möglichkeit zur Promotion erhalten. Die Anzahl der Bewerber übersteigt regelmäßig weit die vorhandenen Plätze. Im vergangenen Jahr 2007 haben sich für alle Fachbereiche 1036 Studenten beworben, von denen schließlich 130 ausgewählt wurden. 34 von diesen Bewerbern nehmen nunmehr am Doktoranden- bzw. LL. M.-Programm in den Rechtswissenschaften teil. Obwohl diese Zahlen zunächst abschrecken mögen, kann man doch davon ausgehen, dass, wenn man angenommen worden ist, die Wahrscheinlichkeit hoch ist, später eine gute Position zu erhalten. Die Anstellungsquote allein im wissenschaftlichen Bereich für PhD-Absolventen beträgt je nach Fachbereich zwischen 50 und 81 %.

Meine Erfahrungen mit dem EUI

Das EUI hat meine hohen Erwartungen an diese Institution erfüllt. Die Diskussion unter den Studenten, die optimale Betreuung der Dissertation sowie die idealen Forschungsbedingungen lassen kaum Wünsche offen. Allerdings gibt es negative Erfahrungen vor allem auf der administrativen Seite. Die Verwaltung ist oft sehr langsam und unflexibel, Entscheidungsstrukturen alles andere als transparent. Insbesondere die alltäglichen Dinge sind am EUI schwieriger zu erledigen als an einer deutschen Universität. Gerade in Florenz sind durch die touristische Anziehungskraft die Preise in den letzten Jahren explodiert. Und obwohl sich Italien in den Anhängen zur Konvention zur Gründung des Europäischen Hochschulinstituts dazu verpflichtet hat, den Doktoranden günstige Wohnungen zur Verfügung zu stellen, bekommt nur ein Bruchteil der Studenten eine Unterkunft in den teilweise sehr baufälligen Studentenwohnheimen des EUI.

Die Bibliothek ist exzellent, wenn man auch einige deutsche Standardwerke vermisst. Einen „Staudinger“ sucht man zum Beispiel vergeblich. Dies wird jedoch weitgehend dadurch kompensiert, dass in der Regel neue Bücher schnell und unkompliziert auf Antrag des Doktoranden angeschafft und Aufsätze per E-Mail besorgt werden. Was auf der einen Seite ein Vorteil ist, gerät auf der anderen zum Nachteil: Durch das Fehlen von „normalen“ Studenten (Undergraduates) ist zwar die Betreuung der Doktoranden intensiver, es gibt aber auch keine Möglichkeit, am EUI zu unterrichten. Die oftmals fruchtbare Rückkoppelung zwischen Forscher und Student fehlt daher auf dem Level der Doktoranden völlig. Dies wird in jüngerer Zeit dadurch zu kompensieren versucht, dass zunehmend angeboten wird, in Kooperationen mit anderen europäischen Universitäten dort vorübergehend zu lehren. Als deutscher Doktorand vermisst man den institutionellen Komfort, den ein deutscher wissenschaftlicher Mitarbeiter hat. Es gibt keine Büros und kein dienstliches Telefon für Doktoranden und das, obwohl man hier deutlich mehr in das organisatorische Geschehen eingebunden ist als an den meisten deutschen Universitäten. Die Organisation von Konferenzen, die Herausgeberschaft in Zeitschriften und Publikationsverhandlungen müssen daher von zu Hause (und auf eigene Kosten) erledigt werden. Eine Tatsache, die im teuren und technologisch etwas langsamen Italien durchaus zu Buche schlägt.

Das Umfeld und die Stadt Florenz

Neben dem PhD-Programm bieten das EUI sowie Florenz und die Toskana unzählige Möglichkeiten. Das kulturelle und kulinarische Programm ist nahezu unerschöpflich, die Vielfalt der Angebote sehr willkommen. Am EUI selbst bietet sich die Möglichkeit, sich als Herausgeber des prestigeträchtigen European Journal of Legal Studies zu betätigen. Darüber hinaus kann man in zahlreichen Workshops mitarbeiten, solche gründen, Konferenzen organisieren oder mit einem kleinen Forschungsbudget (800 Euro im Jahr, auf die allerdings kein Anspruch besteht) Kongresse bereisen. Das Freizeitprogramm kann sich keinesfalls mit dem anderer großer Universitäten messen, aber gemessen an der Größe der Universität bietet das EUI doch Einiges.

Schlussbetrachtung

Insgesamt ist das EUI ein durchaus lohnenswerter Ort für ein Doktorandenstudium, so man es denn mit dem Doktor Ernst meint. Es gibt sicherlich einfachere Wege in Deutschland, den Doktor im Recht zu erlangen. Man bekommt im Gegenzug jedoch auch „nur“ einen Titel. Der florentiner PhD kann hingegen auch als Eintrittskarte in die Wissenschaft oder in viele internationale Institutionen gelöst werden. Wer also weder Aufwand und Mühe noch einen ehrlichen Wettbewerb um den Doktorandenplatz scheut sollte sich bewerben.

Kai P. Purnhagen, M. Res. (Law), LL. M. (Wisconsin-Madison)


JuS-Magazin 5/2008, S. 16