Magister Legum Wirtschaftsstrafrecht in Osnabrück


Nutzen und Vielfalt von juristischen Ergänzungsstudiengängen im Ausland werden seit langem und vielerorts beschrieben. Allmählich finden die Akademischen Grade auch im Inland Eingang in das außeruniversitäre Leben; werden von Unternehmensberatungen, Groß- und Fachkanzleien nachgefragt. War es vor Jahren nur den ausländischen Hochschulen vorbehalten, einen LL.M.-Grad zu verleihen, so bieten seit dem Jahrtausendwechsel mehrere deutsche Hochschulen Magister-Legum-Kurse an. So auch die Universität Osnabrück: Zum anerkannten und von deutschen Großunternehmen geschätzten Magister/Magristra Rerum Fiscalium ist seit dem letzten Jahr ein Magister Legum im Wirtschaftsstrafrecht gekommen. Doch was soll das Besondere an einem LL.M.-Abschluss sein, wenn in Osnabrück kein Fremdsprachenunterricht auf dem Stundenplan steht – konkret: Was taugt ein inländischer Magister Legum im Wirtschaftsstrafrecht?
Man findet eine Antwort in der Prüfungsordnung des Studiengangs, in der es heißt: Die Prüfung zum berufsbezogenen Abschluss des Studiums stellt fest, „ob die Studentin oder der Student die Fachkenntnisse und Fähigkeiten erworben hat, um auf dem Gebiet des Wirtschaftsstrafrechts und des hierauf bezogenen Verfahrensrechts die fachliche Zusammenhänge zu überblicken und selbstständig problemorientiert zu arbeiten“. Es handelt sich also um eine fachspezifische – vergleichbar einer fachanwaltlichen – Qualifikation.
Steht beim Studium im Ausland der Erwerb von Sprachkenntnissen im Vordergrund und sekundär ein Überblick in das ausländische Rechtssystem, gilt es für die höchstens 30 Teilnehmer pro Jahrgang in Osnabrück in die Tiefen des aus Studium und Beruf zumeist nur fragmentarisch bekannten Bereichs des deutschen Wirtschaftsstrafrechts vorzustoßen: Es müssen Lehrveranstaltungen in den Bereichen Umweltstrafrecht, Wirtschaftsstrafrecht im engeren Sinne, Steuerstrafrecht und Verfahrensrecht besucht werden. Doch der Besuch allein reicht natürlich nicht; im Hinblick auf eine angemessene Qualitätssicherung müssen die Teilnehmer Leistungsnachweise erbringen in 6 Grundlagenfächern, 8 Prüfungsfächern und in 2 Verbundveranstaltungen, um die Zulassung zur Magisterprüfung zu erhalten. Diese wiederum besteht aus einer in 6 Wochen anzufertigenden schriftlichen Magisterarbeit.
Der Magisterstudiengang in Osnabrück ist zur Zeit der erste und in dieser Form einzige Kurs in Deutschland, der sich dem Wirtschaftsstrafrecht widmet. Hierbei wird ausgewählten, besonders qualifizierten Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet ein umfassendes Bild des aus Verteidigersicht wohl aufwendigsten Bereichs des Strafprozesses vermittelt.
Die Verteidigung in Wirtschaftsstrafsachen ist nicht zuletzt deshalb ein komplexes Tätigkeitsfeld, weil es Detailwissen voraussetzt, das der Jurist i. d. R. in seiner Laufbahn nur fragmentarisch gestreift hat. So reichen Kenntnisse im Basisbereich der ermittlungs- und verfahrensrechtlichen Besonderheiten des Strafverfahrens nicht aus, es bedarf vielmehr auch des Spezialwissens in einem variationsreichen Rechtsgebiet, das beispielsweise das Steuer-, Unternehmens-, Finanzmarkt-, Insolvenz- und Bilanzstrafrecht oder das europäische Wirtschaftsstrafrecht mitumfasst.
Für qualitativen Wissenstransfer bürgen die Organisatoren und Dozenten, wie beispielsweise Prof. Achenbach, Prof. J. Schulz, Prof. Ransiek, RA Wannemacher, RiLG Temming, Steuerfahndungsleiter Dr. Löwe-Krahl, Prof. Mössner, RA Dr. Restemeier, StA Retemeier, RA Salvenmoser, RiLG Bischof. RA Dr. Zitzmann u. v. a. Ein Beweis für die Berufsorientierung des Studiengangs sind die üblicherweise am Samstagvormittag stattfindenden Verbundveranstaltungen: In ihnen bringen Fach- und Rechtsanwälte, Richter, Staatsanwälte, Polizisten, Mitarbeiter der Finanzverwaltung, Unternehmensberater etc. Praxiswissen den Studierenden näher.
wie Studiengänge sind Donnerstag, Freitag und Samstag; die Semesterwochenstundenzahl beträgt in den beiden Semestern 35_–_40 Stunden. Auch wenn sich das Ergänzungsstudium an Studierende, Referendare und Praktiker wendet, ist es kaum empfehlenswert, während des Studienjahrs sein Examen zu planen: Der Studiengang ist aufgrund seiner Outputorientiertheit arbeitsintensiv und ‚restwochentag-ausfüllend‘.
Osnabrück ist ein aufstrebendes Industrieoberzentrum mit einem pittoresken Innenstadtkern, das verkehrsgünstig an einem Autobahnkreuz liegt. Ein großrahmiges Semesterticket, das im Immatrikulationsbeitrag (dies ist der einzige finanzielle Teilnahmeaufwand für den Studiengang Mag. Leg. Wirtschaftsstrafrecht) enthalten ist, sorgt für eine preisgünstige Verkehrsanbindung mit dem weiteren Umland – obwohl der ÖPNV-Anschluss im Innenstadtbereich nicht unerheblich verbesserungsbedürftig ist. Die Wohnungs- und Zimmersituation in Osnabrück ist angesichts der Bedürfnisse des Studiengangs (relativ kurze Wohnzeit) leider sub omni canone: Dies gilt für den privaten wie auch den öffentlichen Sektor. Sind es bei den Erstgenannten die desolaten Wohnungsbauten, ist es beim Studentenwerk der tradierte Post-68er-Hang zu WG-Zimmern.
Die Universitätsgebäude sind über das Stadtgebiet verteilt, was im Vergleich mit den Vorteilen von Campusunis zu Nachteilen führt. Der juristische Fachbereich, Juridikum genannt, enthält neben den Seminarräumen auch eine außerordentlich gut sortierte wirtschafts(straf)rechtliche Bibliothek. Überaus erfreulich ist der Blick auf das in Freihandaufstellung dargebotene umfassende (internationale) Zeitschriftenangebot der Bibliothek sowie auf den elektronischen Online-Katalog. Schade nur, dass die Kopierer nicht mit der Entwicklung in den letzten 5–10 Jahren Schritt gehalten haben.
ýen Bedürfnissen von Morgen zugerichtet ist der Studiengang Wirtschaftsstrafrecht. Auffrischend, erfreulich jugendlich und innovativ finden die Veranstalter und Dozenten den Kontakt zu den Teilnehmern, versuchen in hohem Maße, der Nachfrage/den Wünschen (thematisch, terminlich und tatsächlich) gerecht zu werden (und schaffen es auch!). So kann beispielsweise die Art des abgeforderten Leistungsnachweises zwischen Kurs und Dozent abgestimmt werden. Die Prüfungsordnung eröffnet dabei die Wahl von mündlichen Vorträgen, Klausuren, Kurzhausarbeiten, mündliche Prüfungen oder Kombinationsleistungen.
Dynamisch ist darüber hinaus die Kommunikation mittels Maillinglisten über E-Mails. Der Wochenstundenplan ist über das Internet (und auch über WAP) abrufbar; Vorträge werden durch Power Point unterstützt. Lobenswert ist die technische Ausstattung (z. ý. Beamer) in den Seminarräumen. Während der Veranstaltungen im vergangenen Wintersemester herrschte fast ausschließ-lich ein lockerer und freundschaftlicher Umgangston, der der intensiven Wissensvermittlung keinen Abbruch tat, sie im Gegenteil beflügelte.
Fazit: Der Ergänzungsstudiengang Magister Legum Wirtschaftsstrafrecht in Osnabrück widmet sich intensiv den Praxisbedürfnissen des in Wirtschaftsstrafsachen tätigen Juristen. Vorwiegend am Verteidigerberuf ausgerichtet, vermittelt er Detailkenntnisse im verfahrens- und materiellrechtlichen Bereich. Der starke Praxisbezug und insbesondere die Verbundveranstaltungen lockern den energiebeladenen Wissenstransfer auf – stellen ein neuartiges und interessant-agiles Bild einer universitären Ausbildung vor. Die Diskussionsforen ermöglichen den Kontakt zu Praktikern; sie können für den späteren Berufsweg nutzbar gemacht werden.
Der Studiengang ist geeignet und sehr empfehlenswert für diejenigen, die leistungsmotiviert eine Zusatzqualifikation zum Examen oder Fachanwalt erhalten wollen: Nicht geeignet ist der Aufbaukurs für Freizeitzeloten, die sich bei der Promotion wohler fühlen werden. Diejenigen, die Interesse am zukunftsorientierten Wirtschaftsstrafrechts-Studiengang haben, können sich auf den Internetseiten der Universität Osnabrück (http://www.jura-uos.de) bzw. des Studiengangs unter (http://www.jura.uni-osnabrueck.de/INSTITUT/WiStR/index.htm) weitergehend informieren. Wirtschaftsstrafrecht kombiniert die Vorliebe der Juristen zum Strafrecht mit den Bedürfnissen der Wirtschaft. Wer dieses Credo teilt, sollte sich beim Aufbaustudium Magister/Magristra Legum Wirtschaftsstrafrecht bewerben. Nihil est in intellectu, quod nun fuerit prius in sensu.
Roman G. Weber, Detmold

JuS 7/2001