Indien: Wahlstation bei der Kanzlei Majmudar & Co. in Bombay


Für die Ableistung meiner Wahlstation entschied ich mich ins Ausland zu gehen, da ich diese Chance während meines Studiums nicht wahrgenommen hatte. Meine Wahl fiel auf Indien, da ich meinen Auslandsaufenthalt in einem „exotischen“ Land machen wollte. An dem LG, an dem ich mein Refendariat ableistete, fand ich dann die Adresse von Majmudar & Co.

Die Kanzlei liegt im Süden von Bombay und nur wenige Meter vom High Court des Staates Maharashtra. Majmudar & Co. selbst ist eine kleine Kanzlei, die zwei Partner hat und drei Anwälte beschäftigt. Für indische Verhältnisse ist dies nicht ungewöhnlich, da das indische Recht große Kanzleien, wie in Amerika und teilweise in Europa, nicht gestattet. So darf nach indischem Recht eine Kanzlei maximal 20 Partner haben. Typisch für Indien ist die „Ein-Anwalt-Kanzlei“, was historische und gesellschaftliche Gründe hat. Ihre geringe Größe kompensiert Majmudar & Co. durch ihren hohen Grad an Spezialisierung. Sie wurde 1943 in Bombay gegründet und hat verbundene Kanzleien in Neu Delhi, Bangelore, Calcutta und Chennai. Die Kanzlei ist schwerpunktmäßig auf den Gebieten des Handels- und Gesellschaftsrechts, bei Internationalen Joint Ventures, Mergers & Acquisitions, Infrastrukturprojekten, Venture Capital Funds und Start-up Companies, im Versicherungswesen, Corporate Finance & Securities Law, bei Mutual Funds, im Steuerrecht, Bankenrecht, See- und Schifffahrtsrecht, Real Property Law, Wettbewerbsrecht, Intellectual Property und Internetrecht sowie im Arbeitsrecht tätig. In geringem Umfang betreibt sie auch Alternate Dispute Resolution und Litigation.

In meiner Einarbeitungsphase erhielt ich mehrere Artikel, die einer der Partner der Kanzlei verfasst und in der Economic Times of India publiziert hatte, zu lesen, um mir einen Einblick über das indische Recht zu verschaffen. Meine Haupttätigkeit bestand im Korrekturlesen von Vertragsentwürfen und der Prüfung auf deren inhaltliche Schlüssigkeit. Während meines Aufenthalts hatte die Kanzlei ein Projekt laufen, bei dem es um die Finanzierung eines Kraftwerks in Andrah Pradesh ging. Die Kanzlei entwarf sämtliche Verträge, beginnend bei der Regelung und Festschreibung der Finanzierung und endend bei der vertraglichen Ausgestaltung der Stromdurchleitung. Dieses Projekt war sehr umfangreich und sehr interessant. Außerdem bearbeitete ich Anträge, die an die RBI („Reserve Bank of India“) und SIA („Secretariat of Industrial Assistance“) gerichtet waren, für die Genehmigung von Joint Ventures. Das Arbeitsklima in der Kanzlei war sehr gut, und ich hatte auch privat Kontakt zu den Kollegen. Mein Englisch war, als ich dort ankam, nicht gerade das beste, was sich jedoch sehr schnell verbesserte, zumal in der Kanzlei nur englisch gesprochen wurde und die Verträge und die ganze Korrespondenz in Englisch abgewickelt wurden.

Bombay selbst ist eine sehr interessante Stadt. Sie selbst ist jedoch nicht typisch indisch. Dies fällt einem jedoch erst auf, wenn man andere indische Städte gesehen hat. Betritt man als Europäer das erste Mal indischen Boden, kommt man sich wie in einer anderen Welt vor. Zum einen sind viel mehr Menschen auf den Straßen unterwegs, und man sieht überall Menschen, die in extremer Armut leben. Auch sind die kleinen Dinge des Alltags in Indien anders, so gibt es keine Supermärkte, sondern nur kleine Geschäfte, in denen man ein sehr eingeschränktes Sortiment vorfindet. Selbst der Erwerb einer Zugfahrkarte ist nicht unproblematisch. Zuerst muss man ein Formblatt ausfüllen, wobei auch Angaben über den eigenen Namen und die Adresse zu machen sind, bevor man sich eine Fahrkarte kaufen kann. Das Essen in Indien ist außerdem nicht mit europäischem Essen vergleichbar. Während man in Europa die Gewürze zur Verfeinerung des Geschmacks verwendet, hat man bei indischen Gerichten nur noch den Geschmack der Gewürze. Es ist jedoch kein Problem, in Indien auch europäisches Essen zu bekommen. Auch tut man sich anfangs etwas mit der Orientierung schwer, da es so gut wie keine Schilder mit Straßennamen gibt. Nichts desto trotz ist Bombay zu empfehlen, denn wenn man sich, mit der Zeit, ein wenig auskennt, findet man sich problemlos zurecht, zumal die Inder sehr freundlich und hilfsbereit sind.

Das Klima ist für Europäer anfangs jedoch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Während der Monsunzeit ist es in Bombay sehr schwül, wobei es jedoch nicht täglich regnet, was vielfach angenommen wird, wenn man das Wort Regenzeit hört. Die ideale Zeit für einen Aufenthalt in Indien ist die Zeit von November bis März, da es in diesem Zeitraum nicht so heiß und schwül ist. Als mein Aufenthalt zu Ende war, war ich doch traurig, dass alles so schnell vorbei war. Es war eine tolle Zeit!

Martin Schälkle, Oberhöfen


JuS 2/2001