Italien: Ein Erasmus-Semester an der Libera Università Internazionale degli Studi Sociali Guido Carli in Rom


Ein halbes Jahr Rom – für wen klingt das nicht verlockend? Auf der spanischen Treppe in die Sonne blinzeln, auf einer hübschen Piazza an einem Espresso nippen, kurz: la dolce vita zu genießen. Daneben einen Teil der wichtigsten Kulturgüter bestaunen, die Europa zu bieten hat, – das haben die meisten, die nach Rom zum Studieren kommen, zumindest auch im Hinterkopf. Und in der Tat: Das Leben in Rom ist zwar hektisch, laut, unruhig, chaotisch, manchmal zum Verzweifeln organisations- und orientierungslos und doch auch wunderschön. Ein halbes Jahr Erasmus in Rom – das ist ein Abenteuer. Aber in jedem Fall eines, das sich lohnt.

Nach Rom zu reisen, ohne vorher eine feste Unterkunft organisiert zu haben, ist sicher nur etwas für Mutige. Der Wohnungsmarkt ist sehr schwierig, Studentenwohnheime seitens der Libera Università Internazionale degli Studi Sociali Guido Carli (LUISS) gibt es nicht und die Zimmer auf dem freien Markt sind relativ teuer: 300 Euro für ein kleines Einzelzimmer in einer WG sind hier ein absolutes Schnäppchen, normalerweise muss man mit mindestens 350 Euro rechnen. Doppelzimmer sind etwas billiger, allerdings auch nicht unter 250 Euro pro Person zu haben. Ohnehin sind die Zimmer aber rar und schwierig zu ergattern: Viele Anbieter vermieten z. B. prinzipiell nicht an ausländische Studenten. Die bequemste Möglichkeit ist daher sicher die, sich noch von zu Hause aus über die LUISS ein Zimmer vom CTS (www.cts.it) vermitteln zu lassen. Die Preise liegen für ein Einzelzimmer meist zwischen 340 und 380 Euro. Man kann dabei wählen, ob man in einer WG oder in einer Familie untergebracht werden möchte. Die Familien wohnen meist in Montesacro, im Nord-Osten Roms, ca. 20–25 Minuten von der Universität und 35–45 Minuten vom Zentrum entfernt. Die WGs sind in unmittelbarer Nähe zur Universität, ebenfalls in Montesacro oder im Zentrum. Die Erfahrungen mit dieser Art von Vermittlung sind sehr unterschiedlich. Selbst wenn man es aber ein Mal ganz schlimm erwischt haben sollte: Die meisten Vermieter in Rom machen keine Mietverträge, um Steuern zu sparen. Falls man sich also vor Ort wirklich einmal nach etwas Neuem umsehen möchte, kann man in der Regel sehr kurze Kündigungsfristen vereinbaren.

Die LUISS (www.luiss.it) ist eine private Universität mit ca. 3.000 Studenten und drei Fakultäten: für Jura, Wirtschaft und Politikwissenschaften, wobei dieser Studiengang dem näher kommt, was in Deutschland als VWL gelehrt wird. Nach Auskunft von Studenten und Lehrkräften gehört sie zu den beiden besten Universitäten Italiens – und sicher auch zu den teuersten: Die Studiengebühren sind nicht unerheblich, Stipendien sind kaum erhältlich. Die LUISS liegt etwas nordöstlich vom Zentrum und besteht aus dem Hauptcampus, der die Verwaltung sowie die wirtschafts- und politikwissenschaftliche Fakultät umfasst, und ein paar Einzelgebäuden, u. a. ein größeres Gebäude mit der Juristischen Fakultät. Alle Gebäude sind von einem privaten Wachdienst bewacht, der – zumindest theoretisch – zum Einlass die Studentenausweise kontrolliert. In der Tat kann es aber problematisch werden, wenn man Besuch mit auf den Campus nehmen will, dessen Gesicht nicht bekannt ist. Dabei ist ein Besuch gerade auch für Gäste wirklich lohnenswert: Der Hauptcampus besteht aus einem großen Palazzo (für die Verwaltung) mit einem schön angelegten Garten, in dem weitere Gebäude verteilt sind. Besonders die große Sonnenterasse direkt an der „Bar“, d. h. der Cafeteria, ist immer einen Abstecher wert.

Die Einführung in das LUISS-Leben beginnt am Donnerstag vor Beginn des Intensiv-Sprachkurses (bzw. vor Vorlesungsbeginn, falls man den Sprachkurs nicht besucht). Ausgestattet mit Passfoto und Kopie des Personalausweises begibt man sich zum International Relations Office und muss zunächst das Formular für den codice fiscale ausfüllen, die italienische Steuernummer, ohne die außerhalb der Universität wirklich sehr wenig geht. Als ausgezeichneten Service beantragen die Mitarbeiter des International Relations Office diesen für alle Austauschstudenten, so das einem die erste Hürde des italienischen Behördengangs schon abgenommen wird. Auch sonst ist die Betreuung an der LUISS ungewöhnlich gut. Nach dem Einführungs-Nachmittag, bei dem alle mit den wesentlichen Informationen versorgt werden, gibt es einen ganzen Vormittag, an dem das Gelände und die wichtigsten Ansprechpartner vorgestellt werden, sowie ein anschließendes Abendprogramm. Für alle weiteren Fragen stehen die Mitarbeiter des International Relations Office jeden Tag mit Vor- und Nachmittagssprechstunde bereit und helfen auch bei noch so dummen Fragen gerne, freundlich und geduldig weiter.

Anfang September fängt dann der dreiwöchige Intensiv-Sprachkurs an, an dem man kostenlos teilnehmen kann. Je nach Leistungsniveau werden fünf Gruppen gebildet, die von Montags bis Freitags von 9.30 bis 15 Uhr Unterricht haben. Gerade für diejenigen Studenten, die über noch nicht so gute Kenntnisse verfügen, ist dieser Kurs ein absolutes Muss. Aber auch für alle anderen ist er empfehlenswert, nicht zuletzt, um sich schon vor Vorlesungsbeginn in die Sprache und die neue Umgebung einzugewöhnen.

Das individuelle Kursprogramm muss am Ende der ersten Vorlesungswoche verbindlich beim International Relations Office eingereicht werden, danach ist nur noch das Streichen von Kursen möglich. Dies stellt sich manchmal als etwas schwierig dar, wenn der verbindliche Stundenplan erst am Anfang der ersten Vorlesungswoche ausgehängt wird. Wenn man nur ein Semester an der LUISS verbringt, ist die Wahl der Kurse leider erheblich eingeschränkt, da die meisten Kurse über ein Studienjahr gehen und für den Austauschstudenten dann nicht zugelassen sind. Die meisten Kurse, die nur über ein Semester gehen, sind Veranstaltungen aus dem Wahlfachbereich. Besonders die Wahlfachveranstaltungen im Öffentlichen Recht sind empfehlenswert, da sie meistens sehr klein sind. Darüber hinaus werden in diesen Kursen außergewöhnlich häufig Bezüge und Vergleiche zum deutschen System dargestellt, weswegen die Professoren deutschen Studenten gegenüber meist besonders positiv eingestellt sind.

Obligatorisch für alle Erasmus-Studenten an der Juristischen Fakultät ist der Intensiv-Kurs introduzione al diritto italiano, der innerhalb von zwei Wochen im Oktober halbtägig abgehalten wird. Der Kurs schließt mit einer wahlweise mündlichen oder schriftlichen Prüfung Anfang Dezember bzw. Mitte Januar. Von der Dozentin, einer Assistentin an der LUISS, ist auch das Lehrbuch, mit dem gearbeitet wird: Bernardo, Amelia: Orientamento allo studio del diritto italiano per studenti straniere, Milano, Giuffrè 2001 (ca. 12 Euro). Die Resonanz auf den Kurs war leider eher negativ, da Tempo und Lerninhalt bei weitem zu gering waren.

Überhaupt unterscheidet sich die Art der akademischen Ausbildung sehr vom deutschen System. Es werden praktisch nur Vorlesungen angeboten, Seminare sind weitgehend unbekannt. Die meisten Veranstaltungen sind so konzipiert, dass der Professor das von ihm veröffentlichte Buch vorträgt, das alle Studenten kaufen und für die Prüfung auswendig lernen. Dieses Faktenwissen wird dann in den mündlichen Prüfungen am Ende des Semester abgefragt. Eine Abwägung der Meinungen erfolgt so in aller Regel nicht: Die Meinung des lehrenden Professors ist die maßgebliche. Dementsprechend ist die Universitätsbibliothek auch nur sehr dürftig ausgestattet, die Bestände sind klein und veraltet, ein Präsenzbestand ist nicht vorhanden, die Bücher können lediglich bei der Aufsicht angefordert und dann ausgeliehen werden. Meistens muss man sich daher die Bücher, die man braucht, kaufen.

Neben der Universität sollte in jedem Fall genug Zeit bleiben, um die Stadt und die Umgebung zu erkunden. Nicht zuletzt das nur eine halbe Stunde entfernte Mittelmeer bietet sich für einen Tagesausflug an. Und wenn man sich erst einmal an den völlig überlasteten Verkehr, die übervollen, unpünktlichen Busse, die ständigen Streiks gewöhnt hat, lernt man auch, diese wunderbare Stadt zu lieben.

Cand. iur. Sophie-Charlotte Lenski, Berlin


JuS 10/2003