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Claas Oehler, Komplexe Werke im System des Urheberrechtsgesetzes am Beispiel von Computerspielen.

Claas Oehler, Komplexe Werke im System des Urheberrechtsgesetzes am Beispiel von Computerspielen. Zugleich ein Beitrag zur Auslegung der §§ 8 und 9 UrhG, Baden-Baden (Nomos) 2016, ISBN 978-3-8487-2816-9, € 129,-

MMR-Aktuell 2017, 394608   Auf den ersten Blick beeindruckt die Arbeit mit mehr als 500 Seiten und vielen Farbabbildungen, wenngleich die meisten Abbildungen kaum einen Erkenntnisgewinn zu bringen vermögen. Dies gilt u.a. für die Tabellen in grüner Farbe und kaum lesbarer Schrift auf S. 516 ff. und auch für die abgebildeten Screenshots aus alten Computerspielen. Der Verfasser will zweifelsohne hoch hinaus. Zunächst einmal setzt er sich mit dem Werkbegriff auseinander. Hier schreibt er praktisch ein eigenes urheberrechtliches Lehrbuch, in dem er den Werkbegriff und die Abhängigkeit von der individuellen Leistung betont. Entscheidend seien individuelle Leistungen. Europäisch sei der Werkbegriff in einer Weise verdichtet, dessen Konturen wiederum den Merkmalen entsprechen, die den deutschen Werkbegriff prägten. Den Autor interessieren die Werkteile, was er an einem Beispiel ausführlich beleuchtet: Ein Assistent lässt einen Aufsatz halb vollendet liegen und arbeitet ihn erst später zu einem umfangreichen Aufsatz um (S. 51). Das Ergebnis nach 30 Seiten zu diesem Fall: „Es liegen mehrere Werke vor, wenn man nach schutzfähigen Teilen fragt“.

Der Verfasser hat sich die Mühe gemacht, Rechtsprechungsübersichten zur Geltung des Abstraktionsprinzips im Urheberrecht (S. 228 ff.) und zum Sukzessionsschutz (S. 240 ff.) zu erstellen; seine Vorstellungen von der Vergleichbarkeit urheberrechtlicher Nutzungsrechte mit Inhaberschuldverschreibungen, was den Gutglaubensschutz angeht (S. 258 ff.), erscheinen allerdings fragwürdig. Zur Miturheberschaft führt er aus: „Die Rechtsfolge der Miturheberschaft kapselt die Werke in der Gemeinschaft eigener Art ab“ (S. 487); es folgen dann noch kurze Hinweise zur Werkverbindung.

Das Herz des Verfassers hängt aber gar nicht so sehr an gemeinschaftlichen Werken oder Werkverbindungen, sondern es wird deutlich, dass er ein begeisterter Fan vor allem älterer Computerspiele der 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts ist. Nach 100 Seiten mit Farbabbildungen der Computerspiele steht das ernüchternde Ergebnis, dass ein einheitliches Computerspiel mit einem einheitlichen Urheber nicht auszumachen sei und man deshalb rechtspolitisch die Schaffung eines Leistungsschutzrechts für Computerspiele fordern müsse.

Fazit: Die Arbeit hat durchaus ihren Charme und sicherlich auch die Berechtigung, wahrscheinlich mit der Note „summa cum laude“ bewertet worden zu sein. Ob sie allerdings die Forschungslandschaft nachhaltig verändern wird, steht auf einem andern Blatt.

                                                                                     

Prof. Dr. Thomas Hoeren ist Direktor der zivilrechtlichen Abteilung des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Mitherausgeber der MMR.



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