Joachim Jahn

Boxweltmeister in Anwaltsrobe


Anwälte kämpfen normalerweise mit Worten. Sotirios Georgikeas tut das auch, wenn er am Schreibtisch sitzt oder vor Gericht auftritt. Doch regelmäßig tauscht er seine Robe ­gegen Shorts und Boxhandschuhe – und steigt in den Ring. Gerade erst hat er sogar einen Weltmeistertitel errungen. Über einen Advokaten mit griechischen Wurzeln, der in einem Frankfurter Problemviertel aufgewachsen ist.

 

Die Kontaktaufnahme zog sich ein wenig in die Länge. Sotirios Georgikeas entschuldigt sich in seiner Mail für die verspätete Antwort: „Ich hatte am Sonntag einen Titelkampf und habe mir leider die Rippen geprellt.“ Aber ein paar Tage später sitzt der Anwalt – vor einer Woche ist er 40 Jahre alt geworden – tadellos an seinem gediegenen Holzschreibtisch im feinen Frank­furter Westend, offenkundig schmerzfrei und in seriösem Anzug. Keine Angst, Mandanten mal mit einem blauen Auge oder ausgeschlagenen Zahn zu schocken? „Vor solchen Terminen trage ich notfalls Makeup auf.“ Und der aktuelle Boxkampf hat sich gelohnt: Aus München hat er einen Weltmeistertitel mitgebracht. Zum Protzen und Prahlen neigt Georgikeas aber wirklich nicht. „Es gibt viele Boxverbände“, fügt er gleich hinzu, „und das hier war nicht unbedingt die erste Reihe.“

Titel hat der handfeste Advokat denn auch schon viele eingeheimst. So im Jahr 2014 den für den „K.o. des Jahres“, nachdem er im November schon den für den „K.o. des Monats“ verliehen bekommen hatte. Das Branchenblatt „Boxwelt“ zur Begründung: „Der ­boxende Rechtsanwalt Sotirios Georgikeas zeigte im Rahmen einer Eurosport-Übertragung, dass er nicht nur im Gerichtssaal zu Taten fähig ist. Obwohl sein Gegner Marcel Zeller bereits gut abgehangen war, beeindruckte der rechte Haken des Griechen. Unseren Titel kann er sich übrigens nicht einklagen: Da müssen wohl seine Fans ran!“

Der Gegner, den er bei jenem Fight in Lettland aus­geknockt hat, war übrigens ein ehemaliger Mandant von Georgikeas mit dem Spitznamen Highlander. Der tänzelte im Schottenrock durch den Ring, doch schon nach zwei Minuten kugelte sich der rundliche Glatzkopf in der ersten Runde auf dem Boden, niedergestreckt von einem veritablen Kinnhaken. Zeller – auch privat mit seinem Ex-Verteidiger befreundet – hat einst wegen Körperverletzung zweieinhalb Jahre im Gefängnis gesessen. Vor dem Kampf hatte er noch in der „Bild“-Zeitung aufgeschnitten: „Ich will ihn brechen, ich muss ihn direkt auf die Bretter schicken.“ Die schrieb anschließend über den „Ex-Knacki“: „Er krabbelte über den Ringboden wie ein taumelnder Maikäfer …“

„Profiboxer sind keine Kneipenschläger“

 Georgikeas kämpft im Cruisergewicht, also bis zu 90,72 Kilo; das ist im Profiboxen die Klasse unter dem Schwergewicht. Besonders wuchtig oder muskulös sieht er aber auch in Kampfmontur nicht aus. Auf einer der Weltranglisten steht er derzeit auf Platz 54. „Beim Tennis wäre ich damit reich“, sagt er nüchtern. Doch der Box-Sport habe hierzulande keinen solchen Stellen­wert. Schon mit elf Jahren hat der Sohn eines griechischen Olivenbauern und einer Frau aus dem früheren Jugoslawien mit Kickboxen angefangen; mit 14 kam das Thaiboxen, mit 17 das richtige. Die Mutter hat ihn und seinen Bruder allein aufgezogen. Muss man auf der Straße Angst haben, ihm quer zu kommen? Nein, er sei kein Kneipenschläger, versichert er in seiner ­ruhigen und zurückhaltenden Art: „Bei einem absoluten Hobbyboxer kann das schon sein – wir Profis betreiben das Boxen dagegen als echten Sport.“

Jugend in Frankfurter Problemviertel

Aufgewachsen ist er in Frankfurt a. M. Und zwar im Gallusviertel, zu dem auch der Hauptbahnhof gehört und das im Internetlexikon Wikipedia sachlich so beschrieben wird: „Einige Straßenzüge gelten als soziale Brennpunkte aufgrund unterschiedlicher Lebensläufe der Bewohner (Sozialhilfe, Immigration, Drogen- oder Alkoholmissbrauch).“ Trainiert hat der leidenschaftliche Lokalpatriot im Polizeisportverein; die Freizeit verbrachte er in einer „Gruppierung“ von Deutschen, ­Griechen und Türken – keine Straßengang, wie der ­Anwalt auf Befragen versichert. Ganz jugendfrei war das Treiben der Clique aber wohl auch nicht. „Wenn man mich nach meiner Nationalität fragt, sage ich ­immer: Ganz einfach Frankfurter.“ Diese Stadt gebe ­einem einfach alles, hier herrsche ein „gesundes Multi­kulti“ – man könne froh sein, in Deutschland zu leben.

Ständig ist der verheiratete Vater eines Kindes zu Kämpfen unterwegs, kürzlich etwa in Tschechien. Meist aber in Deutschland, und da am liebsten im ­Norden. „Dort gehen mehr gebildete Leute zum Zuschauen als anderswo.“ 30 Stunden trainiert er pro Woche: Morgens Ausdauersport im Fitnesscenter ­gegenüber seiner Kanzlei („Auch gut für die Arbeit, denn danach ist der Kopf klar“), abends bei einem Kumpel in dessen Gym. Als Hauptberuf sieht er aber dennoch seine selbstständige Anwaltstätigkeit: „Das Anwaltsdasein bringt das Brot.“

Distanz zum Rotlichtmilieu

Nach zehn Jahren in dem Beruf ist er allerdings schon ein wenig nostalgisch. „Der Markt ist härter und internetlastig geworden.“ Früher seien Mandanten aus der Nachbarschaft gekommen; jetzt haben ihm die Kollegen aus der Bürogemeinschaft sogar nahegelegt, sich endlich einen moderneren Schreibtisch anzuschaffen. Viele seiner Kunden kommen aus seinem großen Bekanntenkreis rund ums Boxen. Gibt es typische Mandate? „Strafsachen – ist ja klar.“ BtM und Körperverletzung kämen öfter vor. Von Kunden aus dem Rotlichtmilieu hält er sich dennoch weitgehend fern: „Sonst ist der Ruf schnell verbrannt.“ Aber auch Verkehrs- und Verwaltungsrecht macht er, hat zeitweise in der Schweiz gearbeitet, spricht sechs Sprachen und lernt gerade zwei weitere dazu.

Gibt es Parallelen zwischen seinem Sport und dem Anwaltsberuf? „Gute Vorbereitung ist die halbe Miete“, sagt er nach kurzem Überlegen. Unter Boxern gebe es das Sprichwort: „Lieber außerhalb des Rings laufen als innerhalb.“ Auch Ausdauer spiele manchmal eine Rolle. Und K.o.-Schläge? „Das kann auch schon mal passieren, wenn man sich mit einem anderen Anwalt misst.“ Man müsse eben konzentriert aufpassen, und wenn man Glück habe, könne man den Gegner überraschen.

Als Traummandat nennt Georgikeas ein Dauermandat – die „rechte Hand“ von jemandem zu sein, der eine Firma hat. Aber irgendwie hofft er auch noch auf einen ganz großen Fight: „Dabei kann die Kampfbörse das Jahresbudget eines Anwalts ausmachen, selbst wenn man als Verlierer rausgeht.“