Monika Spiekermann; Tim Edelhoff

Was beschäftigt Jura-Studenten?


Das Jura-Studium erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Doch vielfach stellt sich bei den angehenden Juristen nach einem euphorischen Studienstart schnell Ernüchterung ein. Denn der Karriereweg zum gut dotierten Job in einer namhaften Kanzlei ist steinig und erfordert viel Eigeninitiative und Durchhaltevermögen. Dabei liegt das Problem weniger an der juristischen Stofffülle, meint Tim Edelhoff, Präsident des Bundesvorstands von ELSA-­Deutschland e. V. Wo er und seine Mitstreiter Reformbedarf beim ­Jura-Studium sehen, hat er der NJW erläutert.

 

NJW: Herr Edelhoff, was sind die drängendsten Pro­bleme, die die Jura-Studenten zurzeit beschäftigen?

Edelhoff: Für mich als Student im siebten Semester sind es vor allem die Studienbedingungen. Das heißt die ­digitalen Angebote meiner Universität, und da beispiels­weise die nicht hochgeladenen Materialien, die man nur in der Vorlesung selbst abholen oder mitschreiben kann. Außerdem müssten die Professoren heutzutage ihre Vorlesung aufnehmen, damit man sie im Nachhinein noch einmal anschauen kann. Grundsätzlich verschlafen die Universitäten vor allem im Bereich Rechtswissenschaft die Digitalisierung komplett. Hier muss viel mehr investiert werden. Das zweite große Problem ist der fehlende Praxisbezug im Studium. Natürlich sollte uns die Universität das juristische Handwerkszeug beibringen. Aber ich bin auch der Meinung, dass sie den Studierenden die Möglichkeit geben sollte, sich selbst praxisbezogen weiterzuent­wickeln. Das geschieht teilweise schon durch Moot Courts oder Verhandlungs­simulationen, doch finde ich das Angebot meist zu schmal.

NJW: Wie bewerten die Studenten die Betreuung durch die Professoren?

Edelhoff: Die Betreuung durch die Professoren ist meist mäßig. Ich persönlich hatte noch nie das Gefühl, von einem Professor oder einer Professorin betreut worden zu sein. Meiner Meinung nach ist das Verhältnis zwischen Professoren und Studierenden sehr distanziert. Hier sollten beide Seiten mehr dafür tun, dass man wieder zu einer Gemeinschaft an der Universität wird.

NJW: Zu lang und zu theoretisch – so lautet die gängige Kritik am Jurastudium. Wie sehen Sie das?

Edelhoff: Zu lang auf keinen Fall, denn die Fülle des Stoffs erfordert ein so langes Studium. Zu theoretisch finde ich das Jura-Studium aber in der Tat. Hier muss sich die Universität mehr auf die Zusammenarbeit mit Kanzleien, Institutionen oder Unternehmen einlassen, um den Studierenden die Breite der juristischen Berufe aufzeigen zu können. Viele haben nämlich auch gegen Ende ihres Studiums kaum eine Idee, was sie alles machen könnten und welche Berufe zu ihnen passen. Das ist auch ein Problem, das die universitäre Ausbildung zu verantworten hat.

NJW: Viele Studenten beklagen die Fülle des juristischen Pflichtstoffs. Gehört der gestrafft?

Edelhoff: Hier bin ich gegenteiliger Ansicht. Der Pflichtstoff ist zwar umfangreich, aber er befähigt uns als ­Volljuristen später auch dazu, dass wir uns in jegliche Bereiche des Rechts einarbeiten können und nicht ­zusätzlich noch Aufbaustudiengänge benötigen. Eine Straffung würde nur dazu führen, dass viele wichtige Teilbereiche des Rechts auf der Strecke bleiben.

NJW: Die deutsche Juristenausbildung hält nach wie vor am Leitbild des Einheitsjuristen fest. Wie berechtigt halten Sie dies angesichts der Tatsache, dass in der Praxis immer mehr Spezialisten gefragt sind?

Edelhoff: Die allgemeine juristische Ausbildung an der Universität gibt allen Studierenden das nötige Handwerkszeug mit auf den Weg, um sich in allen Bereichen des Rechts zurechtzufinden, und das ist auch gut so. Natürlich brauchen wir in der Praxis immer mehr Spezialisten, aber zu diesen können wir als Volljuristen auch während unseres Arbeitslebens noch werden. In der Universität schon damit anzufangen, wäre zu ­riskant, denn, wie bereits gesagt, viele der Studierenden wissen selbst nach dem Ersten Staatsexamen noch gar nicht, was sie später einmal werden wollen.

NJW: Nicht jeder Studienanfänger zieht sein Studium bis zum Examen durch. Wie hoch ist die Abbruchrate bei den Juristen, und wie ist sie im Vergleich mit der Quote in anderen Studiengängen zu sehen?

Edelhoff: Hier kann ich keine exakten Zahlen nennen, aber ich kann sagen, dass die Abbruchrate deutlich niedriger ist, als immer erzählt wird. Aber natürlich ­gehört Jura zu den Studiengängen, bei denen die Abbruchquote hoch ist.

NJW: Was sind die häufigsten Gründe, die dazu führen, dass ein Jurastudent sein Studium „schmeißt“?

Edelhoff: Meiner Meinung nach brechen viele ihr Studium ab, da sie sich Jura anders vorgestellt haben, zu schlechte Noten schreiben oder merken, dass die Juristerei nichts für sie ist.

NJW: Wie ließe sich diese Quote senken?

Edelhoff: Ich glaube, da gibt es wenig Möglichkeiten, denn die Gründe liegen meist in der Vorstellung der Studierenden und deren Fleiß. Hier kann die Universität höchstens Unterstützung anbieten und auf eine bessere Betreuung der Studierenden bauen.

NJW: Angenommen, ELSA dürfte die Juristenausbildung nach ihren Vorstellungen reformieren: Wo würden Sie ansetzen?

Edelhoff: Für uns ehrenamtlich engagierte Studenten wäre die erste Reform die Anerkennung des ­Ehrenamts. Es ist komplett unverständlich, warum Studierende, die versuchen, den fehlenden Praxisbezug des Studiums durch ihr ehrenamtliches Engagement auszugleichen, nicht damit belohnt werden, dass ihr „Freischuss“ verlängert oder ihre Arbeit anderweitig honoriert wird. Die Arbeit, die ELSA leistet, ermöglicht genau das, was die Universität ihren Studierenden nicht bietet. Die Digitalisierung des Studiums wäre ein weiteres Reformvor­haben, das wir gerne umgehend auf den Weg bringen würden. Das hieße, dass alle Vorlesungen und Kurse auch online verfügbar sind, die Klausuren werden am Laptop oder PC geschrieben und Gesetzestexte nur noch online eingesehen. Hier sind wir der Zeit weit hinterher und müssen dringend etwas tun. •

Interview: Monika Spiekermann