Heidi Mahr; Julia Pfrogner

Hirsch-Kreinsen/Itterman/Niehaus, Digitalisierung industrieller Arbeit


Hartmut Hirsch-Kreinsen / Peter Ittermann / Jonathan Niehaus (Hrsg.), Digitalisierung industrieller Arbeit. Die Vision Industrie 4.0 und ihre sozialen Herausforderungen, Baden-Baden/Berlin (Nomos/edition sigma) 2015, ISBN 978-3-8487-2225-9, € 19,90

MMR-Aktuell 2016, 377053     Das Buch „Digitalisierung industrieller Arbeit. Die Vision Industrie 4.0 und ihre sozialen Herausforderungen“ ist 2015 im Nomos Verlag erschienen. Herausgeber sind Hartmut Hirsch-Kreinsen, Peter Ittermann und Jonathan Niehaus. Das Schlagwort „Industrie 4.0“ hat fachübergreifend eine große Debatte ausgelöst. Es stehen enorme Veränderungen im Hinblick auf die Art und Weise der Arbeit, die Qualität der Arbeit, Qualifikationserfordernisse, Arbeitsorganisation und Zusammenarbeit von Mensch und Technik bevor. Die Verbreitung digitaler Technologien und die Vernetzung „intelligenter“ Produktionssysteme werden soziale, wirtschaftliche und rechtliche Konsequenzen haben. Um die relevanten Rechtsfragen beurteilen zu können, ist ein vertieftes Verständnis der möglichen operativen Erscheinungsformen der „Industrie 4.0“ erforderlich. Dieses Buch liefert einen umfassenden Überblick über den gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen und arbeitswissenschaftlichen Wissensstand zu Entwicklungsperspektiven von Industriearbeit unter Einsatz digitalisierter Produktionstechniken.

Es gliedert sich in drei Teile, in denen jeweils verschiedene Autoren, insbesondere aus den Sozial- und Ingenieurwissenschaften, Beiträge liefern. Durch das gesamte Buch zieht sich die zentrale Frage, welche Entwicklungsrichtung Industrie 4.0 einschlagen wird: Kommt es zu einer den Menschen verdrängenden Automatisierung oder tritt das „Werkzeugszenario“ ein, in dem die Maschine den Menschen nicht ersetzt, sondern als reines Assistenzsystem unterstützt? Oder treten Misch- oder sonstige Organisationsformen in den Vordergrund?

Im ersten Teil werden Anwendungsfelder und Einsatzbereiche digitaler Technologien dargestellt. Die Trendaussagen aus bisherigen Studien sind breit gefächert und decken sich nicht immer. Genauer untersucht wird der Wandel der Arbeit in den Bereichen der indirekten, nicht wertschöpfenden Arbeit und der industrienahen Dienstleistungen. Digitale Technologien kommen nicht nur in den unteren Qualifikationsebenen zum Einsatz, sondern verlagern auch in höheren Qualifikationsebenen das Aufgabenspektrum. Sie ermöglichen digitale Einsatzplanung, intelligente Diagnosesysteme, virtuelle Schulungen und Remote-Installationen oder Reparaturen. Herausgearbeitet werden insbesondere zwei Entwicklungsrichtungen: (1) digitalisierte Bereiche, die autark und selbst organisiert agieren und Mitarbeiter der unteren und mittleren Qualifikationsebenen ersetzen; (2) reine Assistenzsysteme, die unterstützend eingreifen, den Entscheidungsspielraum aber beim Menschen belassen. Bei industrienahen Dienstleistungen kommt eine Vollautomatisierung umso weniger in Betracht, je komplexer und wissensintensiver die Dienstleistung ist. Die Digitalisierung beschränkt sich dann auf Koordination und Kommunikation. Die Autoren zeigen plakativ Chancen und Risiken für die verschiedenen Arbeitsfelder auf.

Der zweite Teil widmet sich den Herausforderungen und Alternativen der Arbeitsgestaltung. Die Digitalisierung verändert die bisherige Arbeitswelt. Während einfache repetitive Tätigkeiten automatisiert und Menschen durch Maschinen ersetzt werden können, verschieben sich für höher Qualifizierte die Qualifikationsanforderungen in Richtung Kontrolle, Planung und Überwachung der Maschinen. Von zentraler Bedeutung ist stets die Mensch-Maschine-Schnittstelle. Anschaulich wird erläutert, wie neue Arbeitsplätze mit anderem Kompetenzbedarf entstehen.

Immer schnellere Innovationszyklen fordern eine schnelle Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der Menschen. Diese kann nur gewährleistet sein, wenn lernförderliche Arbeitssysteme geschaffen werden. Anwendungen müssen intuitiv, leicht verständlich und flexibel ausgestaltet werden. Ein fortlaufender Lernprozess tritt in der Arbeitswelt in den Vordergrund. Schulungen können zunehmend virtuell mit technischen Kommunikationsmitteln wie Social Media und Online-Kommunikation durchgeführt werden. Das Systemverständnis darf nicht verloren gehen, damit Mitarbeiter in Störfällen in der Lage sind, einzugreifen.

Die Autoren veranschaulichen auch die mit der neuen Arbeitswelt verbundenen Risiken: Automatisierte Produktions- und Steuerungsvorgänge können zum Teil nur begrenzt kontrolliert werden. Damit geht die wichtige Frage nach der Verantwortung für Fehler einher. Liegt die Verantwortung beim Entwickler, beim Betreiber oder beim Benutzer der Maschine? Hier wird die Vertragsgestaltung zwischen den verschiedenen Beteiligten eine wichtige Rolle spielen.

Herausforderungen kommen auch auf den Datenschutz zu. Digitalisierung ist kontinuierliche Datenverarbeitung. Personenbezogene Daten werden als „Nebeneffekt“ oder gezielt erhoben. Die Grenzziehung zwischen informationeller Selbstbestimmung und Effizienzsteigerung durch Datenerhebung und -verarbeitung ist häufig schwierig. Datenschutzfreundliche Technik durch anonymisierte Auswertung, Beschränkung des Kreises der Zugriffsberechtigten und anlassbezogene Erfassung und Auswertung stehen im Konflikt mit Big Data-Technologien. Denn als bedeutende Unternehmensressource wird Wissen durch Big Data Analytics erkannt.

Der dritte Teil greift gesellschaftspolitische Herausforderungen und Entwicklungsperspektiven auf. Industrie 4.0 ist ein sozio-technisches System, in dem Mensch und Maschine zur Erfüllung einer Arbeitsaufgabe zusammenwirken. Die Folge ist ein komplexer und wechselseitiger Zusammenhang zwischen der Verbreitung digitaler Technologien und ihren sozialen Konsequenzen, der von einer Vielzahl ökonomischer, sozialer und arbeitspolitischer Einflussfaktoren geprägt ist. Weitreichende Freisetzungseffekte in routinisierbaren Tätigkeiten und die Dequalifizierung von Fachkräften sind in ihren Auswirkungen für die Gesellschaft nicht zu unterschätzen. Hinzu kommt ein u.U. isoliertes Arbeiten in der Cloud. Oder es entsteht eine „Schwarm-Organisation“, die aus qualifizierten und gleichberechtigt agierenden Beschäftigten besteht, die häufig keine definierten Aufgaben mehr wahrnehmen, sondern selbstorganisiert, hochflexibel und situationsbestimmt tätig werden.

Die Autoren zeigen auf, dass die Entscheidung, welche Tätigkeiten automatisierbar sind, nicht allein am Kriterium der Routine ansetzen darf. Vielmehr kommt es auf die Fähigkeit an, mit Unwägbarkeiten und Komplexität umzugehen. Erfahrungsbasierte Handlungs- und Wissensqualitäten wie Gespür, Kreativität und Intuition dürfen in der Industrie 4.0 nicht unterschätzt werden.

Effiziente Logistik bekommt eine Schlüsselrolle. Materialbewegungen, Ermittlung und Analyse von Verfügbarkeiten, Warenkontrolle und selbstorganisierte Produktion werden durch das „Internet der Dinge“ optimiert.

Big Data Technologien ermöglichen zwar eine schnelle Analyse sehr großer und vielfältiger Datenbestände, können aber auch fehlinterpretiert werden. Die Gefahr von Datenverlust, Spionage und Sabotage ist ein Problem der Datensicherheit. In gut verständlicher Weise werden die Risiken und mögliche Schadensverhütungsmechanismen erörtert. Weltweite Vernetzung erfordert danach auch eine einheitliche „Weltsprache“ für Maschinen.

Durch Demokratisierung kann sich die Digitalisierung gesellschaftliche Anerkennung verschaffen. Betriebliche und Unternehmensmitbestimmung sind dabei wichtige Faktoren. Die derzeitigen arbeitsrechtlichen Bestimmungen, insbesondere das Betriebsverfassungsgesetz, erscheinen für diese Arbeitswelt jedoch vielfach zu starr und ungeeignet. Demokratisierungsinitiativen entstehen aber auch durch eine Gegenöffentlichkeit in Form von Internet-Blogs u.Ä.

Das Buch eröffnet dem Leser einen hervorragenden Zugang zu möglichen Einsatzbereichen für digitale Technologien sowie deren organisatorische und soziologische Auswirkungen. Den „einen“ richtigen Weg gibt es nicht. Das Buch zeigt, dass Digitalisierung nicht notwendig Substitution bedeutet, sondern auch Kooperation sein kann. Personen- und altersgerechte Arbeitsbedingungen können geschaffen werden. In welchen Gestaltungsformen sich Industrie 4.0 tatsächlich äußern wird, ist derzeit ungewiss. Es ist aber unerlässlich, dass Unternehmen sich frühzeitig auch aus rechtlicher Sicht Gedanken über Gestaltungsmöglichkeiten und Risiken machen, z.B. beim Datenschutz, bei der Vertragsgestaltung und der Zuordnung von Verantwortung bei Fehlern. So kann das Recht nicht nur auf digitale Technologien reagieren und diese im Wege der Subsumption bewerten, sondern bereits gestaltend einwirken und rechtsverträgliche Entwicklungen fördern. Das Buch liefert hierzu vielfältige Denkanstöße.

 

Dr. Heidi Mahr ist Partnerin bei Noerr LLP und Fachanwältin für Arbeitsrecht.

Dr. Julia Pfrogner ist Rechtsanwältin bei Noerr LLP und auf Arbeitsrecht, insbesondere auf Themen zu Industrie 4.0, spezialisiert.