Susanne Hähnchen

Europäische EDV-Akademie des Rechts (Hrsg.), Modellierung von Geschäftsprozessen in der Justiz


Europäische EDV-Akademie des Rechts (Hrsg.), Modellierung von Geschäftsprozessen in der Justiz. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen EDV-Gerichtstag, Saarbrücken (Verlag Alma Mater) 2009, ISBN 978-3-935009-42-3, € 25,-

MMR-Aktuell 2010, 304998  Die Europäische EDV-Akademie des Rechts (eear) gibt neuerdings eine Schriftenreihe heraus, deren erster Band hier besprochen werden soll. Weitere Veröffentlichungen sind in einem zweijährigen Zyklus geplant. Die Geschäftsprozessmodellierung ist ein Teilgebiet der Organisationsgestaltung im Bereich der BWL sowie der Informatik. In den Beiträgen des vorliegenden Bandes geht es um die Anwendung auf die Justiz im Zusammenhang mit deren Modernisierung, insbesondere durch Nutzung moderner Kommunikationsmittel.

Dem Vorwort von Prof. Dr. Mathias Weske (Universität Potsdam) folgt der erste Beitrag von Angela Dovifat und Prof. Dr. Magrit Falck (beide FHVR Berlin), der sich überwiegend auf die öffentliche Verwaltung bezieht. Hier wird deutlich, worum es bei der Geschäftsprozessmodellierung eigentlich geht: Ursprünglich entwickelt wurde sie im Zusammenhang mit der Güterproduktion und der Erbringung von Dienstleistungen. Dass Begriffe wie „Kundenorientierung“ bei der Übertragung auf die öffentliche Verwaltung bzw. Justiz die Akzeptanz des Konzepts möglicherweise erschwert haben, wird nicht verschwiegen. Dennoch müssen auch Verwaltungsleistungen, die weitestgehend Dienstleistungscharakter haben (sollten), sowie Abläufe innerhalb der Justiz gestaltet und optimiert werden, will man deren Effizienz erhöhen. Hierzu wird ein phasenorientiertes Vorgehensmodell vorgestellt und ausführlich erläutert.

Zunächst müssen „nicht beherrschte“ Prozesse aufgespürt werden, die z.B. viele Beschwerden, lange Bearbeitungszeiten oder hohe Kosten verursachen. Diese werden danach dokumentiert und analysiert sowie einer Bewertung unterzogen. Erst dann kann die Optimierung erfolgen, die ihrerseits evaluiert wird. Für die Darstellung der Abläufe werden Modellierungstools in Zusammenarbeit mit IT-Fachleuten entwickelt. Wichtig erscheint vor allem auch die Rückkopplung zu den Mitarbeitern, den späteren Anwendern, die die Gesamtzusammenhänge verstehen sollten. Zusammen mit „Aha-Erlebnissen“ kann das die Akzeptanz der Veränderung erleichtern und damit Reibungsverluste vermeiden.

Im zweiten Beitrag legt OStA Mathias Kegel die eher theoretische Basis für die Anwendung der Geschäftsprozessmodellierung in der Justiz. Hier werden die Besonderheiten der Justiz, insbesondere deren Ziele und Aufgaben herausgearbeitet sowie als Beispiel die staatsanwaltliche Praxis erörtert. Verschiedene Möglichkeiten der Veränderung (Business Reengineering oder kontinuierliche Veränderung „step by step“) werden mit ihren Vor- und Nachteilen dargestellt. Insgesamt handelt es sich im Wesentlichen um einen Vortrag, den Kegel 2007 auf dem 16. EDV-Gerichtstag in Saarbrücken gehalten hatte. Dieser wie auch weitere Beiträge sind jeweils in sich abgeschlossen und gut lesbar, aber (dadurch?) nicht unbedingt frei von Überschneidungen.

Es folgt ein Praxisbeispiel (Anforderung und Zusendung einer Anklageschrift), erarbeitet von Annekathrin Müller als Diplomarbeit, die von den Verfassern der beiden vorhergehenden Beiträge betreut wurde. Hier wird u.a. das Modellierungswerkzeug ADONIS® mit vielen Grafiken vorgestellt. Der Beitrag von Holger Breitling bezieht sich nach einer breiten, allgemeinen Einleitung zur öffentlichen Verwaltung auf das Beispiel des Beschaffungsamts (Bundesamt für Zivildienst). Es folgen die „Exemplarische Geschäftsprozessmodellierung Zwischenverfahren im Ordnungswidrigkeitenverfahren“ (Mathias Kegel) sowie wieder sehr allgemein eingeleitete Beiträge zum Modellierungsinstrument PICTURE (Lars Algermissen/Dietmar Kirschbaum/Michael Räckers) sowie zu einem Pilotprojekt in Niedersachsen (Sabina Thiem, „Erst organisieren, dann programmieren“) und zur „Modellierung juristischer Verfahrensabläufe“ (Grozdana Sijanski/Susanne Münch). Den Abschluss bilden Matthias Weidlich/Mathias Weske, „Oryx – Prozessmodellierung im Web“.

Insgesamt wünschte man sich eine bessere Abstimmung der Beiträge untereinander, um die zahlreichen Wiederholungen zu Stichworten wie Elektronischer Rechtsverkehr und Modellierung im Allgemeinen und in der Verwaltung im Besonderen zu vermeiden. Auch die Reihung der Beiträge ist nicht unbedingt nachvollziehbar. Wichtig ist jedoch der Ansatz, aus den verschiedensten Bereichen stammende Überlegungen und Ansätze zur Optimierung von Arbeitsprozessen in der öffentlichen Verwaltung und der Justiz gebündelt zur Verfügung zu stellen. Möge diese für den Elektronischen Rechtsverkehr unverzichtbare interdisziplinäre Zusammenarbeit weitere Früchte tragen.

 

Prof. Dr. Susanne Hähnchen, Universität Bielefeld