Die Verbindung zwischen den Abkürzungen Pkw, IKS und BibuchhFPrV


 

Im Bereich der Projektfinanzierung ist das Social, Ethical and Environmental Risk (SEE) – also soziale, ethische und Umwelt-Risiken – schon seit Langem ein Thema. Die Klagewelle gegen deutsche Autobauer in den USA oder gegen deutsche Textildiscounter wegen Brandkatastrophen in Bangladesch zeigt aber, dass das Thema auch für die Import- und Exportindustrie von Bedeutung ist.

 

 

Verantwortung

Die klassische Betriebswirtschaftslehre sieht den Menschen als homo oeconomicus – als rein rational agierendes Wesen. Hinzu kommt der Egoismus, der seit Adam Smith’s „invisible hand“ (unsichtbarer Hand) salonfähig geworden ist. Wenn jeder Wirtschaftsteilnehmer rational seine Eigeninteressen verfolgt, soll dies zum besten Ergebnis für die Allgemeinheit führen. Leider berücksichtigt diese Theorie weder die nicht am Wirtschaftsleben teilnehmenden Personen – allen voran die nachfolgenden Generationen (Stichwort Ressourcenverschwendung, Umweltzerstörung) – noch die Tatsache, dass Menschen in der Regel alles andere als rational handeln (Beispiel Dotcom-Blase).

Gerade die jüngere Generation drängt daher immer mehr auf eine ausgeglichenere Wirtschaftsweise, in der schonungsvoll mit Umwelt und Mitmenschen umgegangen wird. Aufgrund der hohen Medienaffinität dieser Gruppe verbreitet sich tatsächliches oder vermeintliches Fehlverhalten beim Umweltschutz unkontrolliert und mit hoher Geschwindigkeit, bis hin zum sog. Shitstorm. Stellte dies bislang für Unternehmen vor allem ein Reputationsrisiko dar, so zeigt das aktuelle Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden in Deutschland und den USA gegen deutsche Automobilhersteller, dass nunmehr auch mit Haftungs- und finanziellen Risiken in erheblichem Umfang zu rechnen ist. Banken und andere Projektfinanzierer sehen sich diesen Risiken schon seit Längerem ausgesetzt und haben entsprechende Gegenmaßnahmen/Risikomanagementstrategien entwickelt, von denen auch „normale“ Unternehmen profitieren können. Hierzu einige Anmerkungen und Beispiele.

 

 

Soziale und ethische Risiken

Der Wertekanon einer Gesellschaft ist keine über die Jahrhunderte konstant bleibende Einrichtung. Was gestern als normal galt, kann heute verpönt oder verboten sein. So sind die Arbeitsbedingungen des dickensischen Englands – allen voran die Kinderarbeit – heutzutage in den meisten Ländern Europas verboten. Auch das Rauchen im Büro – vor gar nicht allzu langer Zeit noch gang und gäbe – ist mittlerweile gesetzlich untersagt. Einen solchen Wertewandel erleben wir zurzeit bei der immer noch vorherrschenden Ungleichbehandlung von Mann und Frau in puncto Bezahlung, die auch immer stärker in die Kritik kommt.

Dabei ist zu beachten, dass jede Gesellschaft ihren eigenen Wertekanon hat. So ist z.B. auch heute noch die Kinderarbeit weit verbreitet, und selbst der geringe Lohn trägt zur Unterstützung der jeweiligen Familien bei. An dieser Bruchstelle zwischen gesellschaftlichen Wertekanons lauern für global tätige Unternehmen einige Gefahren. So kommt es z.B. fortwährend zu Vorwürfen gegen europäische Schokoladenhersteller, dass die von ihnen verwendeten Kakaobohnen von Kindern geerntet werden. Auch die teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen in asiatischen Fabriken erregen immer mal wieder das Entsetzen der Öffentlichkeit. Umgekehrt ist z.B. die Verwendung von Schweineleder im Produktionsprozess nicht unbedingt verkaufsfördernd in diversen muslimisch geprägten Ländern. Unternehmen wandern hier auf einem schmalen Grat. Einerseits sorgen Kinderarbeit und 15-Stunden-Arbeitstage zu Hungerlöhnen für Entsetzen, andererseits gilt aber „Geiz ist geil“. Eine Quadratur des Kreises.

Lob für soziales Engagement hilft einem Unternehmen wenig, wenn gleichzeitig beim billigeren (weil unsozial handelnden) Konkurrenten eingekauft wird. Abhilfe kann hier ein „Kartell des Gewissens“ schaffen, also eine Branchenvereinbarung über bestimmte soziale Mindeststandards. Um Reputationsrisiken zu vermeiden, sollten Unternehmen potenzielle Lieferanten einer due dilligence (zukunftsbezogenen Prüfung und Bewertung) unterziehen, bei denen die Einhaltung bestimmter Mindeststandards überprüft wird. Die weitergehende Einhaltung dieser Standards sollte vertraglich festgeschrieben und in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Zugleich sollte ein kulturelles Verständnis für die jeweiligen Absatzmärkte entwickelt werden.

 

 

Umweltrisiken

Umweltverschmutzung gilt in vielen Ländern nicht mehr länger als Kavaliersdelikt. Die Kosten und Strafen für Umweltskandale – sei es die Ölverschmutzung durch die Explosion der Deepwater-Horzion-Plattform oder der jüngste Abgasskandal in der Autoindustrie – gehen in die Milliarden. Unternehmen sollten daher entlang ihrer gesamten Lieferkette auf eine Einhaltung von Umweltstandards achten. Auch das ist selbstverständlich leichter gesagt als getan, wenn man z.B. an die Produktion von Energiesparlampen denkt. Wieder scheint dem Verbraucher der heimische Umwelt- und Ressourcenschutz sowie ein billiger Preis wichtiger zu sein als ein insgesamt ökologisch freundliches Produkt. Neben den Reputationsrisiken und Strafen für den Verstoß gegen Umweltgesetze sind auch folgende Risiken zu beachten:

  • Werden Grundstücke oder Vorräte als Sicherheit verlangt, so ist hier eine genaue Prüfung der umweltrechtlichen Aspekte zu beachten. Es hilft wenig, wenn ein Kunde insolvent wird und der Gläubiger dessen Sicherheiten verwerten will, nur um festzustellen, dass z.B. das Produktionsgelände hochgradig kontaminiert ist. Die Aufräum- und Beseitigungsarbeiten würden enorme Kosten verursachen. Dasselbe gilt, wenn man im Rahmen der Sicherheitenverwertung Eigentümer des Vorratsbestands (inklusive Rohstoffen wie Öl) wird und dann z.B. für die Folgen eines lecken Öltanks zur Verantwortung gezogen wird.
  • Werden bestimmte Umweltstandards nicht eingehalten, so kann es dazu kommen, dass die Produkte in Deutschland nicht zugelassen werden bzw. zurückgerufen werden müssen. Beispiele sind hier kontaminiertes Kinderspielzeug, Babynahrung etc.
  • Auch durch falsche Produktion können Produkte unsicher werden und somit eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen. So hat z.B. der Zoll am Frankfurter Flughafen allein im Mai dieses Jahres 35 Tonnen (= 35.000 kg) Fidget Spinner (Handkreisel-Spielzeug) als unsicher eingestuft und zur Vernichtung bestimmt. Irgendwer wird dabei auf den Kosten für Produktion und Transport nach Frankfurt sitzen bleiben.
  • Eine Änderung der umweltrechtlichen Grundlagen kann den Markt für Produkte komplett zerstören. Ein Beispiel hierfür wäre ein Fahrverbot für Dieselautos oder das Verbot von FCKW in vielen Anwendungsbereichen. Dass dies unter Umständen sehr schnell geschehen kann, hat man am deutschen Atomausstieg nach dem Fukushima-Desaster gesehen.

 

 

Mögliche Folgen und Verhinderungsstrategien

Während früher Unternehmensverstöße gegen Sozial- und Umweltgesetze eher symbolisch bestraft wurden, können die heutigen Folgen existenzbedrohend sein. Diese Existenzbedrohung gilt nicht mehr nur für Unternehmen (Insolvenz), sondern auch für die verantwortlichen Manager selber, wie der Fall eines in den USA verhafteten VW-Managers zeigt. Ihm droht im schlimmsten Fall eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Verhindern lassen sich solche Skandale nur durch ein rigoroses unternehmensweites Risiko- und Kontrollsystem. Das Management muss sich über den Umfang der Risiken im Klaren sein und diese mittels Prozessabläufen und Kontrollen – also einem internen Kontrollsystem (IKS) – wirksam behandeln. Da bei vielen Unternehmen das IKS bisher fast ausschließlich auf das finanzielle Risiko ausgerichtet ist, besteht hier noch einiger Nachholbedarf. Von daher ist es zu begrüßen, dass die Vermittlung von IKS-Kenntnissen nunmehr fester Bestandteil der Bilanzbuchhalter-Weiterbildung (nach der neuen Prüfungsordnung – BibuchhFPrV) ist.

 

Christian Thurow, Dipl.-Betriebsw. (BA), Senior Vice President Audit, Operations & Reporting, London (E-Mail: Thurow@virginmedia.com)

 

 

 

BC 9/2017