Philine Nau

Unternehmensfinanzierung - Wege aus der Sackgasse


Die dünne Eigenkapitaldecke deutscher Unternehmen (Eigenkapitalquote von durchschnittlich 30 %) erschwert zunehmend die Beschaffung von Fremdkapital. Laut einer Studie der Siemens Financial Services GmbH, bei der 500 Unternehmen aus unterschiedlichen Ländern befragt worden sind, suchen daher deutsche Finanzentscheider zunehmend Wege aus der traditionellen Kreditfinanzierung: So wollen künftig rund 50 % der Befragten Leasing oder Factoring als Alternativen zum Bankkredit nutzen.

Welche weiteren Maßnahmen zur Liquiditätsverbesserung Bilanzbuchhalter und Controller bei der Betreuung des Finanzmanagements in ihrem Unternehmen beachten sollten, finden Sie hier.

Wie finanzieren sich deutsche Unternehmen bisher?

Charakteristisch für die befragten deutschen Unternehmen – die meisten besitzen die Rechtsform einer Kapitalgesellschaft, und 75 % bilanzieren ausschließlich nach HGB – ist ihre im Vergleich zu ausländischen Unternehmen eklatante Eigenkapitallücke: In Deutschland liegt die Eigenkapitalquote bei etwa 30 %, während sie in Frankreich, Großbritannien und den USA 50 % der Passivseite ausmacht.

Die Fremdkapitalseite deutscher Unternehmen ist von Banken geprägt. Hauptbestandteil sind langfristige Bankkredite und Betriebsmittelkredite.

 

 

Abb. 1: Eigenkapitalstruktur in Deutschland

 

 

 

Abb. 2: Fremdkapitalstruktur in Deutschland

[*] Die nicht oder nur zum Teil bilanzierten Instrumente sind in der Grafik herausgezogen. Ein Prozentpunkt in dem Kuchen entspricht dem Volumen nach einem Prozentpunkt in der Säule.

 

Welche Finanzierungsalternativen sind künftig besonders gefragt?

Nachdem das Vertrauen in den Kapitalmarkt geschwunden ist und auch Betriebsmittelkredite schwieriger zu erhalten sind, setzen deutsche Unternehmen vermehrt auf alternative Finanzierungsmöglichkeiten; bedeutende Finanzierungsformen werden im Folgenden kurz vorgestellt.

 

a) Leasing

Das Leasing zählt schon seit längerem zum Standardrepertoire der größeren mittelständischen Unternehmen (in Deutschland beträgt die Leasingquote in Bezug auf Investitionsgüter derzeit 19 %):

  • Die über mehrere Jahre gestreckten Leasingraten „schonen“ – anders als beim Kauf – die Liquidität, so dass eine Fremdfinanzierung meistens nicht erforderlich ist.

  • Leasing kann auch steuerliche Vorteile gegenüber dem Kauf bieten – allerdings muss jeder Einzelfall geprüft werden; dies bringt die Komplexität bei der Berechnung steuerlicher und finanzieller Effekte mit sich (vgl. ausführlich Hunold, Leasing oder Kauf. Ein Wirtschaftlichkeitsvergleich, BiBu 7/1994, S. 173 ff.).

  • Je nach Leasingvereinbarung und Bilanzierungsstandard müssen Leasingfinanzierungen in der Bilanz aktiviert werden (vgl. z.B. Heinrich, BC 8/2003, S. 170 und S. 172). Faustregel: Nach IAS/IFRS werden Leasinggüter eher beim Leasingnehmer bilanziert als nach HGB.

 

b) Factoring

Nach Untersuchungen der Deutschen Bundesbank befinden sich etwa 20 % der Umsatzerlöse als Forderungen in den Bilanzen deutscher Unternehmen. Durch den Verkauf von Forderungen lassen sich Verbindlichkeiten tilgen, weshalb Factoring eine „bilanzverkürzende“ Wirkung hat. Die bilanzielle Wirkung des Forderungsverkaufs ist auch ertragsstarken Unternehmen willkommen, wie die Befragung zeigt. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind Unternehmen zudem besonders daran interessiert, durch den Forderungsverkauf das Ausfallrisiko abzulösen („Bilanzschutz“). Factoring-Institute verlangen hierfür die Zahlung einer Risikoprämie.

Durch die „stille Variante“ des Factoring – das Debitorenmanagement verbleibt beim Unternehmen, so dass der Schuldner nichts vom Verkauf der Forderungen erfährt – kann ein Unternehmen negative Außenwirkungen vermeiden. Weitere Formen zur Aufrechterhaltung guter Geschäftsbeziehungen zwischen Lieferant und Kunde empfiehlt Freiherr von Herman in seinem Beitrag „Outsourcing des Forderungsmanagements“ (BC 5/2000, S. 112 ff.). Ebenso ist es möglich, dass der Forderungsankäufer auch das Debitorenmanagement und das Mahnwesen übernimmt.

 

 

 

Abb. 3: Leasing und Factoring einzige Hoffnungsträger

 

 

c) Cash-Management

Durch Cash-Management – neben Kostensenkung, Forderungseintreibung und Beschaffung neuer Finanzmittel als vierter Weg zur Liquidität bezeichnet – lassen sich verborgene Liquiditätsreserven mobilisieren. Aus der Vielzahl der Bankverbindungen in einem Konzern wird der Liquiditätsbedarf oder -überschuss täglich auf einem einzigen Zielkonto saldiert, so dass Finanzierungskosten und der Verwaltungsaufwand im Unternehmensverbund reduziert werden; die Funktionsweise des Kontenclearing als zentrale Aufgabe des Cash-Management beschreibt ausführlich Ertl (BiBu 10/1996, S. 230 f.).

 

Praxishinweis:

Auf Grund der hohen Anforderungen an die Software und an das Know-how der Finanzabteilung lohnt sich das Cash-Management allerdings nur für Unternehmen mit einem Umsatz von über 50 Mio. € und wenn international komplexe Zahlungsströme vorliegen (z.B. Zusammenfassung von Konten in verschiedenen Währungen).

 

In jedem Fall ermöglicht das Cash-Management einen genauen Überblick über den Stand der gesamten Bankverbindungen eines Konzerns. Hinzu kommt, dass die gepoolten (zusammengeführten) Zahlungsströme den Unternehmen häufig bessere Konditionen bei den Banken einbringen (Stichwort: Zinsoptimierung). Laut der Studie besteht beim Cash-Management in Deutschland ein wesentlich höherer Beratungsbedarf als in Frankreich, Großbritannien oder USA.

 

d) Betriebliche Altersversorgung

Bei der betrieblichen Altersversorgung haben sich in Großbritannien und den USA Pensionsfonds durchgesetzt, die nicht bilanziert werden müssen. Zudem behandeln Rating-Agenturen die künftigen Pensionsverpflichtungen häufig wie Schulden, weshalb in Deutschland derzeit vor allem international börsennotierte Konzerne dazu übergehen, ihre hohen Pensionsrückstellungen (Direktzusagen) auf Pensionsfonds zu übertragen (jüngst z.B. die Deutsche Bank). Dies soll auch internationalen Investoren den Vergleich der Abschlusszahlen mit ausländischen Konkurrenten erleichtern. Die anderen drei externen Durchführungswege der betrieblichen Altersversorgung – betriebliche Direktversicherung, Pensionskasse und Unterstützungskasse – sind ebenfalls nicht zu passivieren und damit „bilanzunschädlich“.

Mittelständische deutsche Unternehmen könnten durch das Outsourcing (gegebenenfalls sogar) ungedeckter Pensionsrückstellungen ihre Position bei Kreditverhandlungen mit Banken verbessern. Bislang ist der neue Pensionsfonds-Finanzmarkt allerdings stark in Bewegung und ohne spezielle Beratung kaum zu überblicken.

Vielfach sind mittelständische Unternehmen bei der betrieblichen Altersversorgung (u.a. im Zuge der „Riester“-Förderung) dazu übergegangen, nur noch als Kapitalsammelstelle und -verwalter für Einlagen der Arbeitnehmer zu fungieren, die durch Abzüge vom Gehalt finanziert werden (z.B. betriebliche Direktversicherung).

 

e) Externes Rating

Auch wenn mittelständische Unternehmen nicht erwägen sollten, Finanzmittel (z.B. Unternehmensanleihen) über den Kapitalmarkt zu beschaffen, wird für sie eine Bonitätsbeurteilung durch externe Rating-Agenturen zunehmend wichtig. Vor allem wenn Banken nicht nur bei Kreditverhandlungen im Rahmen eines bankinternen Rating, sondern auch als Investor (z.B. Private Equity = Beteiligungsfinanzierung) gegenüber einem Unternehmen auftreten, ist dieses im Vorteil, wenn es sich vorher mit den bewährten Ratingkriterien befasst hat.

Zudem macht die Bonitätsnote Aussagen zur Überlebensfähigkeit und nachhaltigen Ertragskraft, was auch dem Unternehmensimage dient. Außerdem hängt die Attraktivität des Unternehmens als Vertragspartner immer öfter vom Rating ab: Einige Konzerne verlangen von ihren Zulieferern einen Bonitätsnachweis.

 

f) Transfer von unternehmerischen Risiken

Versicherungsbedarf besteht für Unternehmen reichlich: Produktionsstätten, Produktionsunterbrechung, Transport, Haftpflicht und Produkthaftung. Einige große Unternehmen haben hierfür eigene Versicherungstöchter gegründet. Vorteil: Über die Tochtergesellschaft können Rückstellungen gebildet werden, die in der Konzernbilanz nicht ausgewiesen werden dürfen.

Für größere Mittelständler empfiehlt es sich hingegen, extern Versicherungsschutz zu holen. Zudem ist ein „Alternativer Risikotransfer“ zu erwägen: Dabei sorgt das Unternehmen selbst für den Risikofall vor, wenn der Zeitpunkt des Schadensfalleintritts nicht bekannt ist. Eine interne Lösung stellt auch eine Umverteilung zwischen einzelnen Profit-Centern dar, die besonders interessant sein soll, wenn nur eine einzige juristische Person im Spiel ist.

 

g) Online-Finanzierung

Diese Finanzierungsalternative umfasst z.B. die Ausschreibungen für Kredite und Geldanlagen im Internet, um eine große Zahl von Banken ansprechen zu können. Auch Leasing- und Factoring-Geschäfte lassen sich via Internet koordinieren und verwalten. Derzeit nehmen jedoch lediglich 17 % der deutschen Unternehmen das Online-Angebot in Anspruch (in den USA sogar nur 7 %), 10 % planen die Nutzung für die Zukunft, 75 % zeigen kein Interesse. Hier müssen die Anbieter offenbar noch Überzeugungsarbeit leisten.

In vielen Fällen gilt es, bilanztechnische und finanzwirtschaftliche Aspekte gegeneinander abzuwägen (z.B. bei der Optimierung der Anlagendeckung durch Eigenkapitalzuführung). Die Verzahnung des Finanzwesens mit der Bilanz ist vielfach noch nicht optimal umgesetzt. Der Einsatz von leistungsfähiger Software ermöglicht eine zeitnahe und zielgenaue Planung: von der Liquiditätsanalyse einzelner Profit-Center bis zur rollierenden Liquiditätsvorschau, von der Parallelbuchhaltung nach HGB und IAS/IFRS zur Fünfjahresplanung in allen Rechnungslegungsstandards. Gerade Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 100 und 500 Mio. € Umsatz sehen hier für die Zukunft großen Beratungsbedarf (vgl. Ertl, Rentabilitätsorientiertes Bilanzstrukturmanagement aus finanzwirtschaftlicher Sicht, BC 11/1997, S. 255 ff.).

 

Dieser Beitrag basiert auf der Studie Unternehmensfinanzierung im Fokus.

Durchführung der Studie: Siemens Financial Services GmbH in Zusammenarbeit mit der Universität Augsburg und PRIME research international

Zielgruppe: 500 Finanzentscheider in Unternehmen mit einem Umsatz von über 50 Mio. € in Deutschland, Großbritannien, USA und Frankreich

Erhebungszeitraum: Dezember 2002 bis März 2003

Die gesamte Studie Unternehmensfinanzierung im Fokus kann zu einem Preis von 78 € bezogen werden bei

F.A.Z. – Institut für Management-, Markt- und Unternehmensinformationen GmbH

Fax: 069/7591-1966

 

 

Autorin

Philine Nau, BC-Redaktion.

 

BC 10/2003