Rating nach Basel II ist auch Controlling-Sache


Ergebnisse aus Umfragen zum Rating im ersten Halbjahr 2002

Zurzeit müssen Banken pauschal 8 % der gewährten Kreditsummen für Firmen- und Privatkunden mit Eigenkapital unterlegen, um damit notfalls Verluste auffangen zu können. Mit der geplanten Neuregelung der bankaufsichtsrechtlichen Eigenkapitalanforderungen (Basel II) soll – zumindest im Firmengeschäft – dieses „tonnengleiche“ Sicherheitspolster flexibilisiert werden: Je nach den wirtschaftlichen Verhältnissen der Kreditnehmer müssen Banken künftig z.B. bei sehr guter Bonität (AAA bis AA -) lediglich 1,6 % der Kreditsumme, bei einem Ratingergebnis von „B + und schlechter“ 12 % der Kreditsumme als Eigenkapital unterlegen. Auch gemäß den bereits in diesem Jahr neu festgelegten Mindestanforderungen an das Kreditwesen (MaK) sollen Banken eine risikoadäquate Eigenkapitalunterlegung des Kreditgeschäfts erreichen.

Zwar zeichnen sich bei den derzeitigen Verhandlungen des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht Erleichterungen hinsichtlich der Vergabe von Firmenkrediten an Klein- und mittelständische Unternehmen ab. Aber die bereits bestehende Forcierung des Risikomanagements in den Banken hat schon jetzt zu verschärften Bedingungen bei der Kreditvergabe (in Verbindung mit einem intensivierten Bonitätsrating) geführt – so das Ergebnis der PASS-Studie vom April 2002.


Wie verbreitet ist Rating bei Banken und Unternehmen?


  • Bei den Banken sind (laut PASS-Studie) fast durchgehend Pläne und interne Rating-Konzepte vorhanden. Nur 10 % der Kreditinstitute haben hier noch keine Aktivitäten entfaltet. Somit dürfte Rating – wenn auch nicht genau in der von Basel II gedachten Form oder Vorschrift – bereits längere Zeit im Kreditbereich der Banken existieren. Zum selben Ergebnis gelangt die Befragung der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner, wonach sich rund 60 % der Unternehmen in der Vergangenheit bereits einem Rating unterzogen haben (überwiegend internes Rating durch die Hausbank).


Haben Banken bereits ein bzw. mehrere interne Rating-Systeme für ihre Firmenkunden eingeführt?



Abb. 1 aus Umfrage der PASS Consulting Group


  • Etwa 2/3 der Banken haben (laut PASS-Studie) bereits mit der Umsetzung bzw. mit Basel II-Projekten begonnen.

  • Kosten und Zeitaufwand für die Umsetzung (Organisation, Informationstechnologie, Firmenkundenbetreuung) werden als hoch eingeschätzt (von über 60 % der befragten Banken).


Wie reagiert die Controllingpraxis auf das Rating?


Laut einer Ad-hoc-Umfrage des Controller Vereins haben etwa 50 % der Unternehmen die zu erwartenden Ratingprozesse in Verbindung mit Basel II zu einer „Controlling-Sache“ gemacht. Bei der anderen Hälfte sind die Vorbereitungen vorrangige Angelegenheit von Finanzmanagement/Treasurer, oder es sind die Verantwortlichkeiten noch gar nicht zugeordnet.

Im Unterschied zur traditionellen, meist bilanzorientierten Kreditwürdigkeitsprüfung werden beim Bonitätsrating qualitative Aspekte (z.B. Management, Organisation) sowie Zukunftsbezogenheit stärker gewichtet. Eine Schlüsselrolle nehmen daher eine effektive Informationsversorgung sowie wirksame Planungs- und Controllinginstrumente ein, die wichtige Voraussetzung für eine Risikofrüherkennung sind. Hierzu gehören u.a.:

  • Liquiditätsplanung und -steuerung,

  • Soll-Ist-Vergleiche und Analyse der Ertragslage nach Risiko- und Erfolgsfaktoren,

  • Einbeziehung potenzieller Markt- und Wettbewerbsänderungen in die Planung,

  • regelmäßige und zeitnahe Berichterstattung (Reporting),

  • Business Controlling: u.a. aktive Beschaffungs- und Absatzsteuerung, um die Rentabilität des eingesetzten Kapitals zu steigern – neben der Umsatzsteigerung insbesondere auch Reduzierung des Working Capital. Das heißt: Auch unprofitable Kunden, aufgeblähte Kostenstrukturen und unproduktive Ressourcen sind auf den Prüfstand zu stellen.

Gemäß der Befragung von Dr. Wieselhuber & Partner verfügen immerhin 63 % der untersuchten Unternehmen nach eigenen Angaben über ein ausgeprägtes Risiko-Management-System, welches vielfach den Ratinganforderungen entsprechen soll.


Ist tatsächlich eine durchschnittliche Verteuerung und Verschärfung der Kreditvergabe zu erwarten?


83 % der Banken sind (laut PASS-Studie) der Meinung, dass die Firmenkunden die von ihnen gestellten Rating-Anforderungen zunächst nicht erfüllen können. Da die Ratingnote maßgeblich über die Kreditkonditionen entscheidet, ist im Schnitt eher von einer Verteuerung der Kreditvergabe auszugehen.


Werden Firmenkunden nach Ansicht der Kreditinstitute die von ihnen gestellten Rating-Anforderungen erfüllen?



Abb. 2 aus Umfrage der PASS Consulting Group


2/3 der Banken erwarten, dass 20 % der Firmenkunden beim Rating gut abschneiden und daher auch bessere Konditionen erhalten werden. Dies deckt sich nahezu mit den Befragungsergebnissen der Unternehmensberatung Wieselhuber & Partner, nach denen 13 % der befragten Unternehmen mit positiven Auswirkungen von Basel II für ihre Firma rechnen. Nach Ansicht der Unternehmen wird der klassische Kredit künftig geringere Bedeutung haben; in erster Linie wird die alternative Finanzierung aus dem Cash-Flow (Selbstfinanzierung), über Unternehmensanleihen sowie in Verbindung mit Leasing künftig größeres Gewicht erlangen. Auch die Möglichkeiten eines Börsengangs, Finanzierung durch Beteiligungsgesellschaften, Factoring, Umwandlung von Pensionsrückstellungen in bilanzexterne Modelle und Ausgliederung von Haftungsrisiken (aus der Bilanz) werden vermehrt genutzt werden.

Nach einer Studie der Universität Mannheim ist mit Blick auf den derzeitigen Verhandlungsstand zu Basel II mit einer durchschnittlichen Erhöhung des Kreditzinses für mittelständische Unternehmen von rund 1 % bei bestehenden Kreditbeziehungen und rund 0,40 % bei neu abgeschlossenen Kreditverträgen zu rechnen (vgl. Betriebs-Berater 8/2002, S. 1). Die zu erwartende Zinsspreizung von 5 bis 7 Prozentpunkten zwischen sehr guten und sehr schlechten Bonitätsbeurteilungen wird jedoch die Finanzmittelbeschaffung der Unternehmen verändern.


Bedeutung von Rating-Kriterien nach der PASS-Studie


Besonders wichtig:

  • Ertragslage (z.B. Cash-Flow, Rentabilitätsberechnungen),

  • Finanzlage (z.B. Liquiditätsplan),

  • Management-Einschätzung.

Wichtig:

  • Marktbedingungen (Wettbewerbsposition),

  • Kontoführung,

  • Kundenverbindung (Änderungen),

  • Tätigkeitsbereich/

  • Brancheneinschätzung,

  • Vorwegangaben/Prognosen (z.B. Ergebnis-, Investitionsplanung).

Weniger wichtig: Rechtsform


Wie sieht die künftige Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Banken aus?


Kreditinstitute und Firmenkunden sind im Zuge von Basel II auf eine engere Zusammenarbeit angewiesen. Unternehmen müssen dabei künftig mehr Details ihres Geschäfts (Transparenz) und zudem aktuell zur Verfügung stellen, um den Rating-Anforderungen genügen zu können.

Einen höheren künftigen Betreuungs- und Erklärungsbedarf bei Firmenkunden aufgrund von Basel II erwarten (laut PASS-Studie) 86 % der Banken; sie sehen dabei Einzelgespräche und persönliche Begleitung ihrer Firmenkunden am wichtigsten vor anderen Informationsmöglichkeiten (z.B. Veranstaltungsreihen, Broschüren) an.


Angaben zu den berücksichtigten Umfragen


Pass-Studie

Fragebogenversand: deutschlandweit an über 2.000 Adressen des Kreditgewerbes.

Rücklaufquote: 135 Antworten (6,75 %).

Teilnehmer: rund 80 % Raiffeisenbanken, Volksbanken, Sparkassen; darüber hinaus Landes-, Privat- und Großbanken. 90 % der Kreditinstitute sind im Firmengeschäft tätig.


Befragung der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner

Fragebogenversand: deutschlandweit an über 2.000 Unternehmen repräsentativer Branchen (vgl. auch F.A.Z. vom 3.6.2002).

Rücklaufquote: 134 Antworten (6,7 %).


Ad-hoc-Umfrage des Controller Vereins

Thema: „Vorbereitungsstand der Controllerzunft auf Basel II“.

Anlass: 27. Congress der Controller, am 13. und 14.5.2002 in München.

Fragebogen: 226 Stück, die im Wesentlichen von Controllern (57 %), Geschäftsführern (26 %) und Unternehmensberatern (13 %) beantwortet wurden. 51 % stammen aus mittelständischen Unternehmen, 31 % aus Großunternehmen, 18 % aus Kleinunternehmen.


Kontaktadressen:


PASS IT-Consulting

Dipl. Ing. G. Rienecker GmbH & KG

Schwalbenrainweg 24

63741 Aschaffenburg

Tel.: 06021/3881-0

Fax: 06021/3881-400

E-Mail: goldbeck@pass-consulting.com

Internet: www.pass-consulting.com


Dr. Wieselhuber & Partner GmbH

Unternehmensberatung

Frau Kellner

Königinstraße 33

80539 München

Tel.: 089/28623-0

Fax: 089/28623-157

E-Mail: info@wieselhuber.de

Internet: www.wieselhuber.de


Internationaler Controller Verein e.V.

Postfach 1168

82116 Gauting

Tel.: 089/893134-19

Fax: 089/893134-31

E-Mail: verein@controllerverein.de

Internet: www.controllerverein.com

 

BC 6/2002