Christof Müller

Kosten- und Erlösrechnung: Anforderungen beim Banken-Rating


In welchem Umfang setzen Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken ein betriebswirtschaftliches Instrumentarium bei ihren mittelständischen Firmenkunden voraus? Antworten hierauf geben die Ergebnisse einer Untersuchung aus dem Jahr 2005, in der 350 der größten deutschen Sparkassen und Volksbanken befragt wurden (gemeinsamer Marktanteil im mittelständischen Firmenkundengeschäft von ca. 70%). An dieser Stelle werden die spezifischen Anforderungen an die Kosten- und Erlösrechnung vorgestellt.

Was wurde untersucht?

Zur individuellen Klassifizierung der Firmenkunden werden von den Kreditinstituten im Ratingprozess quantitative Faktoren (z.B. Kosten-/Erlössituation) sowie qualitative Kriterien (z.B. kaufmännisches Know-how, Unternehmensführung) herangezogen. Von zentraler Bedeutung ist dabei auch die Bewertung des betriebswirtschaftlichen Instrumentariums, das von der Bankenstudie „Betriebswirtschaft im Mittelstand“ näher untersucht worden ist. Im Einzelnen:

  • Strategie: Ebenen der Strategieentwicklung, Einsatz strategischer Instrumente (z.B. Balanced Scorecard);
  • Unternehmensplanung und -kontrolle: Einsatz von Planungs- und Kontrollinstrumenten (z.B. Absatz-/Umsatzplanung);
  • Kosten- und Erlösrechnung: Kostenstellenrechnung, Produktkalkulation (auf Voll- oder Teilkostenbasis), kurzfristige Erfolgsrechnung (nach Gesamt- oder Umsatzkostenverfahren);
  • Investitionsrechnung: Zeitraum für Investitionspläne, Einsatz statischer oder dynamischer Investitionsrechenverfahren, Parameter bei der Nachbetrachtung;
  • Unternehmens- und Finanzrechnung: Planbilanzen, Liquiditäts- und Finanzplan, Bewegungsbilanz, Kennzahlen für unterschiedliche Bereiche (z.B. Cash-Flow);
  • Organisation: Verteilung von Aufgaben und Kompetenzen, Anforderungen an Qualifikationen, geeignete interne oder externe Personen bzw. Institutionen zur Weiterentwicklung des Unternehmens.

Die Teilnehmer in den befragten Kreditinstituten waren Vorstände und Firmenkundenberater (rund 80%), die zu 65% eine mehr als 15-jährige Erfahrung im Firmenkundengeschäft aufweisen können.

 

Welche Unternehmen bzw. Kundengruppen wurden in die Untersuchung einbezogen?

Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn charakterisiert den Mittelstand ausschließlich anhand der quantitativen Bestimmungsgrößen „Beschäftigtenzahl“ und „erzielter Jahresumsatz“. Diese Definitionen decken sich allerdings nicht mit den in Banken verwendeten Bezeichnungen für Kundengruppen. Hier wird in der Regel zwischen Existenzgründern, Gewerbe- oder Firmenkunden unterschieden, was in dem Fragebogen berücksichtigt worden ist. Die Abgrenzung der Gruppen erfolgte anhand der Kriterien „Alter des Geschäftsbetriebes“ und „Umsatzvolumen“. Die Obergrenzen der Mittelstandsdefinition des IfM (maximal 500 Mitarbeiter und maximal 50 Mio. € Umsatz) wurden dabei eingehalten:

  • große Firmenkunden: Jahresumsatz bis 50 Mio. €
  • mittlere Firmenkunden: Jahresumsatz bis 25 Mio. €
  • kleine Firmenkunden: Jahresumsatz bis 10 Mio. €
  • Gewerbekunden: Jahresumsatz bis 2 Mio. €
  • Existenzgründer: Geschäftsbetrieb jünger als 5 Jahre

 

Inwieweit setzen Banken eine Kostenstellenrechnung voraus?

Primäres Ziel der Kostenstellenrechnung ist eine verursachungsgerechte Verteilung der Kostenarten auf die Kostenstellen (Funktionsbereiche, die räumliche oder organisatorische Einheiten bilden). Diese Verteilung erfolgt z.B. mit Hilfe eines Betriebsabrechnungsbogens (BAB). Die Tabelle (unten) gibt den „Erwartungshorizont“ der Banken zu diesem betriebswirtschaftlichen Instrument wieder.

Kostenstellenrechnung

erforderlich

wünschenswert

gesamt

große Firmenkunden

70%

20%

90%

mittlere Firmenkunden

75%

15%

90%

kleine Firmenkunden

35%

40%

75%

Gewerbekunden

15%

35%

50%

Existenzgründer

15%

35%

50%

Beinahe drei von vier Banken erwarten (laut der Untersuchung) bei ihren großen und mittleren Firmenkunden den Einsatz einer Kostenstellenrechnung; jede dritte Bank verlangt diese auch bei kleineren Firmenkunden.

Lediglich bei Gewerbekunden und Existenzgründern wird diese nur noch vereinzelt nachgefragt; in diesem Größensegment hält sogar jede zweite Bank dieses Instrument für nicht erforderlich.

 

Inwieweit setzen Banken eine Produktkalkulation voraus?

In der Produktkalkulation werden die Selbstkosten eines Unternehmens je Kostenträger ermittelt; sie wird entweder auf Voll- oder auf Teilkostenbasis durchgeführt (Mehrfachantworten zugelassen).


Produktkalkulation

Vollkosten

Teilkosten

erforderlich

wünschenswert

erforderlich

wünschenswert

große Firmenkunden

55%

15%

85%

10%

mittlere Firmenkunden

50%

20%

75%

20%

kleine Firmenkunden

45%

20%

60%

35%

Gewerbekunden

25%

35%

20%

60%

Existenzgründer

20%

40%

25%

55%

Bei nahezu allen Kundengruppen erwarten die Banken in erster Linie eine Kalkulation auf Teilkostenbasis. Ausgenommen hiervon sind lediglich die Gewerbekunden, deren Produktportfolio allerdings in der Regel vergleichsweise weniger differenziert ist.

Mit zunehmender Unternehmensgröße steigen erwartungsgemäß die Anforderungen der Banken. Immerhin jede zweite befragte Bank setzt neben einer Teil- zusätzlich eine Vollkostenrechnung bei ihren großen Firmenkunden voraus.

Während bei kleinen Firmenkunden vermehrt eine Teilkostenrechnung sowie – mit geringerem Anteil – eine Vollkostenrechnung gefordert wird, sind sie bei Gewerbekunden und Existenzgründern überwiegend nur noch „wünschenswert“.

 

Inwieweit setzen Banken eine kurzfristige Erfolgsrechnung voraus?

Mit Hilfe der kurzfristigen Erfolgsrechnung (auch Kostenträgerzeitrechnung) ermitteln Unternehmen ihren leistungsbezogenen Erfolg (Betriebserfolg, gegliedert nach Leistungsarten). Im Unterschied zur Jahreserfolgsrechnung bezieht sie sich auf kürzere Zeiträume (meistens monatlich, seltener vierteljährlich) und dient der laufenden Überwachung des (Betriebs-)Erfolgs. Zur Ermittlung des Periodenerfolgs werden entweder das Gesamtkostenverfahren (GKV) oder das Umsatzkostenverfahren (UKV) eingesetzt; Letzteres beruht entweder auf Voll- oder Teilkosten (Mehrfachantworten zugelassen).


Kurzfristige Erfolgsrechnung

GKV

UKV

erforderlich

wünschenswert

erforderlich

wünschenswert

große Firmenkunden

95%

0%

20%

10%

mittlere Firmenkunden

90%

5%

10%

20%

kleine Firmenkunden

85%

5%

5%

25%

Gewerbekunden

75%

20%

5%

25%

Existenzgründer

75%

20%

5%

25%

Die Untersuchungsergebnisse spiegeln eine klare Dominanz in den Erwartungen der Banken für das Gesamtkostenverfahren wider. Das Umsatzkostenverfahren wird demgegenüber nur selten verlangt, und zwar tendenziell zusätzlich zum Gesamtkostenverfahren.

Selbst bei Gewerbekunden und kleineren Firmenkunden wird die kurzfristige Erfolgsrechnung (in Verbindung mit dem Gesamtkostenverfahren) überwiegend vorausgesetzt, obwohl diese Bankkunden in den meisten Fällen gesetzlich nur zur Erstellung einer Einnahmen-Überschussrechnung verpflichtet sind (und nicht zu Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung).

 

Resümee

Eine Analyse der Antworten der Fragebogenaktion zeigt folgendes Bild: Selbst innerhalb einzelner Bankengruppen sind die Anforderungen an die Kosten- und Erlösrechnung unterschiedlich ausgeprägt. Was für die eine Bank als „absolut erforderlich“ gilt, kann bei der nächsten schon nur noch „wünschenswert“ oder gar ohne jegliche Bedeutung sein (siehe u.a. Ergebnisse zur Produktkalkulation). Trotz dieser Unterschiede bleibt ein Trend im Antwortverhalten festzuhalten: Je größer ein Unternehmen ist, desto höher sind die Erwartungen der Banken.

Die Gründe hierfür liegen sicherlich in der größeren Komplexität der größeren Unternehmen, die neben einem vermehrten Abstimmungsbedarf auch strengere Anforderungen an die Kosten- und Erlösrechung zur Folge hat. Darüber hinaus erwarten Banken von größeren Unternehmen aufgrund der personellen Ressourcen und der besseren Infrastruktur ein umfangreicheres, aussagekräftigeres und somit qualitativ hochwertigeres Rechnungswesen und Controlling. Kleinere Unternehmen verfügen für die Aufgaben meist über zu wenig personelle Kapazitäten und Existenzgründer im Regelfall nicht über die erforderliche Erfahrung.

Das uneinheitliche Antwortverhalten der Banken sollte die Unternehmen jedoch nicht dazu verleiten, sich ausschließlich an den Erwartungen ihrer Hausbanken zu orientieren, nur um im Rahmen eines bankinternen Ratingverfahrens mit einer besseren Note bedacht zu werden. Schließlich dienen betriebswirtschaftliche Instrumente dazu, die Entwicklung des Unternehmenserfolgs laufend zu überwachen, die Liquidität und Rentabilität zu gewährleisten sowie dispositiven Zwecken (z.B. absatzpolitische Entscheidungen).

 

Literatur

  • Coenenberg, A. G., Kostenrechnung und Kostenanalyse, 5. Auflage, Stuttgart 2003.
  • Gantzel, K.-J., Wesen und Begriff der mittelständischen Unternehmung, Köln/Opladen 1962.
  • Horváth, P., Controlling, 9. Auflage, München 2003.
  • Institut für Mittelstandsforschung (IfM), Definition und Schlüsselzahlen des Mittelstands in Deutschland, http://www.ifm-bonn.org, Stand: 17.1.2006.
  • Scheytt, T., Die Bedeutung ethnographischer Methoden für die Controllingforschung, in: Weber, J./Hirsch, B. (Hrsg.): Zur Zukunft der Controllingforschung: Empirie, Schnittstellen und Umsetzung in der Lehre, Wiesbaden 2003, S. 117-141.
  • Seitz, P., Gestaltung eines spezifischen Controllingsystems für mittelständische Unternehmen: dargestellt am Beispiel eines mittelständischen Schienenfahrzeugherstellers, Hamburg 2002; zugl.: Rostock, Diss. 2001.

 

Der Autor

Dipl.-Kfm. (FH) Christof Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Bielefeld.

 

 

Bestellinformationen: Die komplette 75-seitige Studie können Sie zum Preis von 49 € bestellen. Informationen dazu erhalten Sie auf der Internetseite www.Baselii.de unter der Rubrik „Bankenstudie“. Dort wird ebenfalls die Diplomarbeit des Autors angeboten, die sich schwerpunktmäßig mit einer detaillierten Analyse der Ratingverfahren der Sparkassen und der Volks- und Raiffeisenbanken beschäftigt.

 

 

BC 3/2006