Aktuelle Finanzierungsbedingungen deutscher Unternehmen: Herausforderungen an Rechnungswesen und Controlling


Die von den KfW-Mittelstandsbanken Ende September 2005 veröffentlichte Studie zu Auswirkungen der aktuellen Finanzierungsbedingungen auf deutsche Unternehmen zeigt – trotz einer nach wie vor schwierigen Finanzmarktlage – erste Aufwärtstrends (z.B. Erhöhung der Eigenkapitalquote). Am Praxisbeispiel eines Großhandelsunternehmens wird die Bedeutung der KfW-Studie für die Finanzierungspraxis aufgezeigt. Dabei werden Vertiefungshinweise für Rechnungswesen- und Controllingpraktiker gegeben.

Wie stellt sich die aktuelle Lage der Bankkreditfinanzierung dar?

 

Der Praxisfall:

Ein Großhandelsunternehmen mit solider Grundsubstanz, überdurchschnittlicher Eigenkapitaldecke (über 20%) und großem Innovationspotenzial soll strategisch neu ausgerichtet werden.

Geschätzter Finanzierungsbedarf: € 800.000.

Als klassischer Finanzierungsweg soll ein Bankendarlehen aufgenommen werden.

Die Kreditaufnahme ist (laut der aktuellen KfW-Studie) für Unternehmen nach wie vor mit großen Schwierigkeiten verbunden. In den letzten zwölf Monaten ist sie bei 42% der Unternehmen spürbar schwieriger geworden.

Allerdings gibt es auch erste Hinweise einer Trendwende: 7% der Unternehmen (gegenüber nur 4,4% im Vorjahr) sehen sich in einer verbesserten Kreditaufnahmesituation; Kleinstunternehmen, Einzelhandel und Baugewerbe haben jedoch kaum Anteil an diesem Aufwärtstrend; für sie bleibt die Fremdkapitalbeschaffung über Banken überdurchschnittlich schwierig.

 

Wie gestaltet sich derzeit das Kündigungsverhalten der Hausbanken gegenüber ihren Firmenkunden?

 

Praxisfall:

Die angestrebte Bankenfinanzierung des Großhandelsbetriebes stößt gleichermaßen auf Schwierigkeiten. Die Hausbank will die strategische Neuausrichtung des Unternehmens nicht finanzieren. Grund: Das Unternehmen passt schon lange nicht mehr in die Kundenstruktur des Kreditinstituts.

In den 12 Monaten vor der Befragung mussten 10% der Unternehmen eine Kündigung ihrer Bankverbindung hinnehmen, die sich meist Existenz bedrohend auswirken dürfte. Damit lag die Zahl der von einer Kündigung betroffenen Unternehmen lediglich leicht unter dem Vorjahreswert von 13%.

Häufigste Kündigungsursache ist die geänderte Geschäftspolitik der Kreditinstitute. Nachdem die deutschen Banken und Sparkassen in den letzten Jahren in die tiefste Ertrags- und Kostenkrise der Nachkriegszeit gerutscht waren, begannen sie, zielgerichtet ihr Kreditportfolio zu bereinigen, klare Kundenzielgruppen und Geschäftsstrategien zu definieren und Kostensenkungsmaßnahmen einzuleiten. Als Folge davon werden Bankverbindungen mit Unternehmen gekündigt, die nicht der avisierten Zielgruppe entsprechen.

Schlechte Unternehmensprognosen sowie Zahlungsverhalten und aktuelle Geschäftstätigkeit des Unternehmens folgen erst auf Rang zwei und drei der Kündigungsgründe. Die Möglichkeiten eines Unternehmens, auf die Kündigung einer Bankverbindung Einfluss zu nehmen, sind damit begrenzt. 

Weiterführender Hinweis:

Als Sonderthema der diesjährigen KfW-Mittelstandsbanken-Studie wurde – aus aktuellem Anlass – das schlechte Zahlungsverhalten von Kunden und Auftraggebern unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse hierzu sowie Hinweise zum Debitorenmanagement und zur Forderungsbeitreibung finden Sie in BC 12/2005 (S. XVI).

 

Wo liegen die Hauptgründe für Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme?

 

Praxisfall:

Im Fall des Großhandelsunternehmens sind andere Banken an einer Finanzierung der strategischen Neuausrichtung durchaus interessiert, doch die Gespräche ziehen sich hin. Die anfänglich optimistischen Signale der Bankgesprächspartner werden im weiteren Verlauf verhaltener und münden schließlich in eine Einstufung als Risikogeschäft:

Die Sicherheiten aus gewerblichem Vermögen würden nicht ausreichen, und Bürgschaftsinstitute wollen die Lücke nicht schließen; der Unternehmer soll daher über die selbstschuldnerische Haftung hinaus mit wesentlichen Teilen seines Privatvermögens haften.

Die häufigsten Gründe für Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme sind (laut KfW-Studie) – wie im Vorjahr:

  • gestiegene Anforderungen an die Offenlegung von Informationen (60%),
  • Forderung nach mehr Sicherheiten (58%) sowie
  • strengere Bedingungen hinsichtlich der Dokumentation von Investitionsvorhaben (40%).

Der größte Teil der von Banken geforderten Unternehmensinformationen (z.B. Finanzkennzahlen, Planungsdaten) stammt erfahrungsgemäß aus dem Rechnungswesen und Controlling, weshalb sich diese Unternehmensbereiche entsprechend vorbereiten sollten.

 

Vertiefungshinweise:

  • Hundt/Grabau/Stobinski, Kreditwürdigkeitsprüfung und Bewertung von Sicherheiten, BC 2/2003 (S. 38 ff.),
  • Hundt/Neitz, Gestaltungstipps für Business-Pläne in Klein- und mittelständischen Unternehmen, BC 8/2002 (S. 181 ff.).

  

Welchen Einfluss haben Rating-Kriterien auf die Kreditvergabe?

 

Alle genannten Schwierigkeiten bei der Kreditvergabe lassen sich auf die neuen Rating-Anforderungen und das Bestreben der Kreditinstitute zurückführen, ihre Kreditrisiken realistischer einschätzen und ihre Forderungen (gegenüber den Firmenkunden) adäquat besichern zu können.

Hinsichtlich der Rating-Kriterien – dazu zählen neben quantitativen Faktoren wie Umsatz-, Kosten- und Erlössituation auch qualitative Faktoren wie Innovationsfähigkeit – ist der Kenntnisstand der Unternehmen trotz deren Bedeutung weiterhin unbefriedigend: Zwar kennen 64% der Unternehmen die Kriterien, aber nur 47,9% ihre konkrete Rating-Einstufung (z.B. „A“, „BBB“). Nach ihrer Rating-Einstufung haben sich 45% gar nicht erst bei ihrer Bank erkundigt. Insbesondere Einzelhandelsunternehmen und Unternehmen aus dem Dienstleistungsbereich wissen seltener als der Durchschnitt diesbezüglich Bescheid.

Dabei muss Rating nicht als „unabwendbares Schicksal“ hingenommen werden, sondern lässt sich – auf Grund der Kenntnis der Rating-Kriterien – durchaus auch beeinflussen.

 

Vertiefungshinweis für Rechnungswesenpraktiker:

Die größte Bedeutung bei der Bonitätsbeurteilung (60%) haben nach wie vor die wirtschaftlichen Verhältnisse eines Unternehmens (insbesondere aus dem Jahresabschluss ermittelte Kennzahlen wie Umsatzrentabilität, Cash-Flow). Weitere Hinweise hierzu finden Sie bei Kudraß/Schäfer, „Rating in der Bankenpraxis: Worauf Unternehmen achten sollten“, BC 2/2003 (S. 35 ff.).

Eine Übersicht über die bislang erschienenen BC-Print- sowie Online-Beiträge zum Bonitätsrating, die zahlreiche Umsetzungstipps für Rechnungswesenfachleute und Controller geben, finden Sie hier.

 

Welche Besonderheiten existieren bei der Finanzierung von Investitionsvorhaben?

 

Knapp 73% der befragten Unternehmen haben in den 12 Monaten vor der Befragung Investitionsprojekte (Erweiterungs- und Ersatzinvestitionen) durchgeführt; von den Kleinstunternehmen (mit weniger als 1 Mio. € Umsatzerlöse) waren es immerhin noch mehr als 50%. Auf die in diesem Rahmen gestellte Anfrage nach einem Investitionskredit erhielten allerdings 45% der Kleinstunternehmen einen negativen Bescheid von der Bank.

Wesentliche Hindernisse bei der Erteilung von Investitionskrediten sind

  • die unzureichende Stellung von Sicherheiten (47,5%) und
  • eine zu niedrige Eigenkapitalquote der Unternehmen (44,8%).

Die Zinshöhe spielt dagegen kaum eine Rolle.

 

Wie sieht die Eigenkapitalausstattung aus?

 

Viele Unternehmen haben die gestiegene Bedeutung einer ausreichenden Eigenkapitalausstattung erkannt und darauf reagiert: 43% erhöhten in den letzten 12 Monaten ihre Eigenkapitalquote; weitere 45% planen eine Erhöhung.

Damit setzt sich der Trend zur Stärkung der wirtschaftlichen Widerstandskraft fort, den die Deutsche Bundesbank in ihrer jährlichen Analyse der Ertrags- und Finanzierungsverhältnisse im Monatsbericht für Oktober 2005 festgestellt hat (vgl. F.A.Z. vom 24.10.2005): Danach erreichte im Jahr 2003 die Eigenkapitalquote der deutschen Unternehmen 22% (6% mehr als im Vergleich zum Jahr 2000). Gleichzeitig ist die Verschuldung bei Banken ab Ende der 90er Jahre bis zum Jahr 2003 als Anteil der Passiva um 4% auf 17% gesunken.

Von den Kleinunternehmen, die (laut KfW-Studie) keine Eigenkapitalerhöhung planten, hielt lediglich ein Drittel eine solche Erhöhung nicht für nötig; ein weiteres Drittel sah keine Möglichkeit für eine Erhöhung.

Zur Stärkung der Eigenkapitalbasis rangiert nach wie vor die Einbehaltung von Gewinnen (Gewinnthesaurierung) an erster Stelle, gefolgt von einer Erhöhung der Gesellschaftereinlagen. Alternative Finanzierungsquellen (z.B. Ausgabe von Genussscheinen) spielen noch kaum eine Rolle.

 

Welche Alternativen gibt es zur Bankenfinanzierung?

 

Praxisfall:

Beim vorgestellten Großhandelsunternehmen kommt eine Kreditfinanzierung durch die Banken trotz der branchenüberdurchschnittlichen Eigenkapitalquote von 20% nicht zustande. Nach den zeitraubenden Verhandlungen gerät das Unternehmen jetzt unter Druck: Denn mit der Zunahme der Kreditoren wächst auch die Ungeduld des Hauptlieferanten.

Schließlich löst das Unternehmen seine Finanzierungsschwierigkeiten bankenunabhängig mit Unterstützung eines Unternehmensberaters durch ein neues Finanzierungsmodell: Vorfinanzierung der Umsatzerlöse in Verbindung mit einem Kooperationspartner – eine „weiche“ Form des Factoring, bei der Forderungen aus Kundenrechnungen still abgetreten werden.

Unabhängig von Unternehmensgröße und Branche sind in Deutschland nach wie vor die Innenfinanzierung und der Bankkredit die wichtigsten Finanzierungsformen. Alternative Finanzierungsinstrumente wie Leasing, Mezzanine-Kapital (z.B. stille Beteiligungen), Anleihen oder Beteiligungskapital spielen bislang allenfalls eine untergeordnete Rolle. Und dies obwohl sich die Finanzmarktbedingungen in Deutschland maßgeblich geändert haben (z.B. Liberalisierung und Deregulierung der Kapitalmärkte, wachsende Bedeutung von Risiko- und Rentabilitätserwägungen).

Ein Fazit der KfW-Studie ist daher auch die Forderung an die Adresse der Finanzverantwortlichen in den Unternehmen, sich stärker neuen Finanzierungsinstrumenten zu öffnen und deren Möglichkeiten zu erkennen. 

Vertiefungshinweise:

  • Alternative Finanzierungsmöglichkeiten finden Sie bei Nau, „Unternehmensfinanzierung – Wege aus der Sackgasse“, hier.
  • Mit der Beschaffung von Mezzanine-Kapital zur bankenunabhängigen Unternehmensfinanzierung beschäftigt sich der Beitrag von Gündel/Hirdes, BC 9/2005 (S. 205 ff.).

 

Angaben zur KfW-Studie 2005:

Da sich die Struktur der Studie im Vergleich zu den Befragungen aus vergangenen Jahren deutlich verändert hat (vor allem Branchenzusammensetzung und Unternehmensgröße), ist ein unmittelbarer Vergleich der Ergebnisse mit früheren Studien nur in eingeschränktem Umfang möglich.

 

Autorin

Miriam Ebert, Rechtsanwältin, Mitarbeiterin der BC-Redaktion, Verlag C. H. Beck, München.

BC 12/2005