Betrugsbekämpfung in Unternehmen: aktuelle Entwicklungen


2012 Report to the Nations, ACFE-Veröffentlichung vom Mai 2012

 

Die Association of Certified Fraud Examiners (ACFE) hat ihren „2012 Report to the Nations“ veröffentlicht. Diese alle zwei Jahre erscheinende Publikation ist die weltweit größte Erhebung von betrügerischen Handlungen durch Mitarbeiter. Der Report ist in englischer Sprache kostenlos auf der Internetseite der ACFE (www.acfe.com) herunterladbar.

Wie schon in den Vorjahren gibt der Report einen guten Überblick über

– die wirtschaftlichen Schäden, die durch von Mitarbeitern begangene betrügerische Handlungen entstehen,

– die Arten der betrügerischen Handlungen und

– über das Wesen der betrügerischen Mitarbeiter selbst.

Einige wesentliche Punkte des Reports, die sowohl für Verantwortliche im Rechnungswesen als auch für selbstständige Bilanzbuchhalter und Controller von Interesse sein dürften, sind:

  1. Der durch betrügerische Handlungen (z.B. Fälschung des Jahresabschlusses, Doppelzahlungen oder Vertuschungsbuchungen) verursachte Schaden ist bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) durchschnittlich höher als bei Großunternehmen. Grund hierfür sind u.a. die Anstrengungen zur Betrugsbekämpfung, die in KMU aufgrund fehlender personeller Ressourcen in der Regel nicht so umfassend betrieben werden wie in Großunternehmen, weshalb in KMU mehr Zeit bis zur Aufdeckung der betrügerischen Handlungen vergeht.
  2. Je länger die Betriebszugehörigkeit eines betrügerischen Mitarbeiters ist und je höher er (oder sie) in der Unternehmenshierarchie steht, desto höher ist der durch Betrugsfälle verursachte Schaden. Gerade Mitarbeiter mit mehrjähriger Betriebszugehörigkeit wissen in der Regel um die bestehenden internen Kontrollen und wie diese zu umgehen sind. Zugleich nutzen sie das ihnen gewährte Vertrauen für ihre Handlungen aus. Insofern ist gerade bei KMU die Beauftragung eines externen Beraters für Betrugsbekämpfung zweckmäßig.
  3. Die meisten betrügerischen Handlungen passieren im Rechnungswesen: 22% aller gemeldeten Betrugsfälle entstanden im Bereich Accounting (z.B. Buchungen ohne entsprechende Geschäftsvorfälle, unterlassene Buchungen, unberücksichtigte Buchungsbelege o.Ä.); im Vergleich dazu entfielen nur 12% der betrügerischen Handlungen auf den Vertrieb. Verantwortliche im Rechnungswesen sollten daher prüfen, ob die derzeit in ihrer Abteilung vorhandenen Betrugskontrollen ausreichend sind.
  4. Die meisten betrügerischen Handlungen fallen in den Bereich „Misappropriation of Assets“. Dazu zählen u.a. Diebstahl, Veruntreuung und Privatnutzung von Firmeneigentum. Der durchschnittlich größte Schaden entsteht jedoch durch „Financial Statement Fraud“, also durch Bilanzbetrug. Hierunter fallen die Überbewertung bzw. Unterbewertung von Vermögensgegenständen und Einnahmen. Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über die verschiedenen Arten des aufgedeckten Bilanzbetrugs [*]:

 

Überbewertung von Vermögensgegenständen und Einnahmen

Unterbewertung von Vermögensgegenständen und Einnahmen

Zeitliche Differenzen (z.B. Umsatzerlöse werden gebucht, obwohl sie noch nicht realisiert sind)

Zeitliche Differenzen (z.B. Umsatzerlöse werden erst im Januar statt schon im Dezember erfasst)

Fiktive Erträge

Umsatzerlöse werden zu niedrig ausgewiesen (z.B. steuerlich motiviert)

Verbindlichkeiten und Aufwendungen werden nicht erfasst

Verbindlichkeiten und Aufwendungen werden zu hoch angesetzt (z.B. im Bereich der Rückstellungen)

Falsche Bewertung von Vermögensgegenständen und Schulden

Falsche Bewertung von Vermögensgegenständen und Schulden

Ungenügende bzw. falsche Anhangangaben

 

[*] Vgl. ACFE: 2012 Report to the Nations, S. 7.

 

Insbesondere Kreditgeber sollten auf Anzeichen von Bilanzbetrug bei ihren Schuldnern achten. Dies betrifft nicht nur Kreditinstitute, sondern auch alle Unternehmen, die ihren Firmenkunden langfristige Zahlungsziele einräumen.

 

5. 33,4% der aufgedeckten betrügerischen Handlungen fallen in den Bereich Korruption (insbesondere Bestechung, Bestechlichkeit, Vorteilsannahme, Vorteilsgewährung). Hier hat in den letzten Jahren sowohl eine Verschärfung der Rechtslage (z.B. UK Anti Bribery Act, der auch für deutsche Unternehmen relevant sein kann) als auch ein Umschwung der öffentlichen Meinung stattgefunden. Neben den finanziellen Schäden für das Unternehmen durch Strafzahlungen kann es auch zu Strafen (Geld- oder Freiheitsstrafe) gegen die Unternehmensführung kommen. Hinzu kommt der Reputationsverlust, der durch aufgedeckte Korruptionsfälle häufig eintritt. Ein prominentes deutsches Beispiel ist hier der Korruptionsskandal bei Siemens. Unternehmen sollten daher darauf achten, dass sie wirkungsvolle Korruptionsgegenmaßnahmen ergreifen (z.B. Aufstellung verpflichtender Bewirtungsregelungen, Mitarbeiterschulungen zu dem Thema etc.)

 

 

Praxishinweis:

Der „2012 Report to the Nations“ enthält eine Checkliste, mit deren Hilfe Unternehmen die Effektivität ihrer Betrugsbekämpfungsmaßnahmen bewerten können.

 

Christian Thurow, Dipl.-Betriebsw. (BA), Operational Risk Manager Corporate Finance, London (E-Mail: Thurow@virginmedia.com)

 

 

BC 6/2012