Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit: Auswirkungen auf die Bewertung des Anlagevermögens


 

„Bei Vermögensgegenständen des Anlagevermögens, deren Nutzung zeitlich begrenzt ist, sind die Anschaffungs- oder Herstellungskosten um planmäßige Abschreibungen zu vermindern“ (§ 253 Abs. 3 Satz 1 HGB i.d.F. des BilMoG; § 253 Abs. 2 Satz 1. HGB a.F.). Auf den ersten Blick hat sich durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) hinsichtlich der Bewertung des Anlagevermögens nichts geändert. Doch der Schein trügt.

 

Praxis-Info!

Bisher fanden steuerlich motivierte Abschreibungen über die umgekehrte Maßgeblichkeit des § 5 Abs. 1 Satz 2 EStG a.F. in Verbindung mit den handelsrechtlichen Öffnungsklauseln von § 247 Abs. 3 und § 254 HGB a.F. auch Eingang in die Handelsbilanz. Mit Einführung des BilMoG wurden diese Öffnungsklauseln gestrichen, die Möglichkeit, die steuerlichen Abschreibungen grundsätzlich in die Handelsbilanz zu übernehmen, ist entfallen.

Soweit die Wirtschaftsgüter vor dem Geschäftsjahr 2010 (im Fall der Erstanwendung von BilMoG in 2010) angeschafft wurden, darf deren Abschreibungsmethodik beibehalten werden (Art. 67 Abs. 4 EGHGB). Nutzt man dieses Wahlrecht nicht (Art. 67 Abs. 4 Satz 2 EGHGB), sind die Übergangsvorschriften des EGHGB zu beachten (Einstellen der aus der Zuschreibung resultierenden Beträge in die Gewinnrücklagen).

Für Aktivierungen ab 2010 hat der Bilanzierende regelmäßig die voraussichtliche Nutzungsdauer vorsichtig zu schätzen. Dabei können Erfahrungen aus der Vergangenheit nicht unberücksichtigt bleiben. Hierbei kann es sicherlich vorkommen, dass die voraussichtliche Nutzungsdauer für handelsrechtliche Zwecke und die steuerlich anerkannte Nutzungsdauer identisch sind.

Wird die Gesellschaft in einen Konzernabschluss einbezogen, dürfte es im Regelfall nicht zu einer Neueinschätzung der Nutzungsdauern kommen, da für den Konzernabschluss § 253 Abs. 3 Satz 1 HGB analog gilt und IAS 16 Rz. 57 ebenfalls auf die voraussichtliche Nutzbarkeit abstellt.

 

Hinweis:

Was passiert mit der degressiven Abschreibung? Diese bleibt im Handelsrecht dann zulässig, wenn sie dem wirtschaftlichen Verbrauch entspricht. Steuerrechtlich ist sie seit dem 1.1.2010 nicht mehr zulässig, weshalb es hier in jedem Fall zu einem Auseinanderfallen von Handels- und Steuerbilanz kommt.

 

 

Zusammentreffen von degressiver AfA, BilMoG & umgekehrter Maßgeblichkeit in der Handelsbilanz

Aufgrund der uneingeschränkten Anwendung des BilMoG im Geschäftsjahr 2010 ergibt sich handelsrechtlich die Frage nach den anzusetzenden Werten (Art. 67 Abs. 4 EGHGB). Generell darf ja die degressive Abschreibungsmethode beibehalten werden. Nutzt man dieses Wahlrecht nicht (Art. 67 Abs. 4 Satz 2 EGHGB), sind die betreffenden Wertansätze so zu erhöhen, wie sie sich nach der „richtigen“ handelsrechtlichen Abschreibungsmethode ergäben. Die Zuschreibungsbeträge wären unmittelbar in die Gewinnrücklagen (ergebnisneutral) einzustellen, soweit sie nicht im sog. Sperrjahr vorgenommen wurden. Das Wahlrecht bezieht sich auf die Wertansätze in dem letzten vor der Anwendung des BilMoG aufgestellten Jahresabschluss. Es kann für jeden Vermögensgegenstand individuell, aber nur im Jahr des Übergangs ausgeübt werden.

Da die Ursache des neuen Wertansatzes in der erstmaligen Anwendung des BilMoG liegt, sind (nach Art. 67 Abs. 8 Satz 1 EGHGB) weder die Einhaltung des Bewertungsstetigkeitsgrundsatzes noch eine Angabe im Anhang nötig. Zudem müssen die Auswirkungen der Bewertungsänderung auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage im Anhang nicht dargestellt werden. Die Vorjahreszahlen sind nicht anzupassen, erforderlich ist jedoch eine Anhangsangabe, die auf die mangelnde Vergleichbarkeit hinweist.

 

Hinweis:

Sollte in den Folgejahren auf den handelsrechtlichen „richtigen“ Wert abgestellt werden (voraussichtliche Nutzungsdauer), ist dieser erfolgswirksam zu verbuchen (nicht über die Gewinnrücklage) und im Anhang zu erläutern. Des Weiteren ist bei den Vorjahreszahlen eine Vergleichbarkeit herzustellen, und die Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage müssen dargestellt werden. In diesem Fall liegt die Begründung nicht in einer Gesetzesänderung, sondern darin, dass die tatsächliche Bewertung nicht mehr dem tatsächlichen Werteverbrauch entspricht (Bewertungsstetigkeit).

 

WP/StB Claudia Knoblich/Dr. Antje Weber

 

BC 5/2011